urn_binary_dpa_com_20090101_16
+
Rund um Wirecard ist die Lage reichlich verworren.

Ernst & Young

Geprüft nur nach Papierlage

  • Thomas Magenheim-Hörmann
    vonThomas Magenheim-Hörmann
    schließen

Am Kontrollversagen bei Wirecard trägt auch Wirtschaftsprüfer EY große Verantwortung.

Wer zehn Jahre lang Konzernbilanzen prüft, die nach Erkenntnis von Staatsanwälten mindestens die Hälfte dieser Zeit grob falsch und in weiten Teilen frei erfunden waren, muss sich einiges fragen lassen. Geleistet haben sich diese Form des Versagens die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young (EY) bei ihrem Kunden Wirecard.

Immer bessere Geschäfte mit steigenden Margen hat EY dem inzwischen insolventen Dax-Konzern in den letzten Jahren bestätigt. In Wahrheit schrieb Wirecard seit mindestens 2015 rote Zahlen. Anlass genauer hinzusehen, hätte es genug gegeben. Dafür haben nicht nur Enthüllungen der britische Zeitung „Financial Times“ gesorgt. Aber EY hat lange alles für korrekt erklärt und abgesegnet.

Nicht so konkurrierende Prüfer von KPMG, die kritisch nachgefragt und Bestätigungen für angeblich reich gefüllte Konten oder fragwürdige Geschäftsbeziehungen verlangt haben. Als Antworten ausblieben, hat KPMG Ende April erklärt, dass es für die Existenz wesentlicher Teile des Wirecard-Geschäfts keine Beweise gebe. Das Schrillen der Alarmglocken war da auch für EY nicht mehr zu überhören. Auch deren Prüfer verweigerten dann ihr Testat für die Wirecard-Bilanz 2019. Die Pleite kam rasch.

Gerechterweise anmerken muss man, dass KPMG Wirecard forensisch mit einer Sonderprüfung auf den Leib gerückt ist, was weit über eine normale Bilanzprüfung hinausgeht. Mit rund 40 Experten hat KPMG Wirecard sechs Monate lang auf ausgesuchte Fragestellungen hin durchleuchtet. Aber fehlende Unterschriften auf Verträgen, Warnungen durch Whistleblower oder Geschäftspartner mit dem Geruch von Briefkastenfirmen gab es schon vorher.

Zudem war mit gut 1,9 Milliarden Euro ein Viertel der Wirecard-Bilanzsumme auf einem philippinischen Treuhandkonto gebunkert. Warum treuhänderisch und nicht in Deutschland oder der EU? Die Philippinen gelten als hochkorrupt. In Vorjahren hatte Wirecard ähnlich große Treuhandkonten in Singapur für sich beansprucht. Gute Prüfer sollten da stutzig werden.

Es gibt ein simples Mittel, die Existenz von Konten zu testen. Man lässt sich von ihm eine größere Summe Geld überweisen, wartet bis es ankommt und überweist es zurück. Das hat EY dem Vernehmen nach erst 2020 für die Bilanz des Vorjahres getan. Vom angeblichen Treuhandkonto kam nichts.

Unklar ist, ob EY überlebt

Ende Juni hat EY eine Erklärung verschickt, was für die chronisch verschwiegene Branche bemerkenswert ist. Darin ist von „deutlichen Hinweisen“ für einen „umfassenden Betrug“ die Rede, „an dem mehrere Parteien rund um die Welt und in verschiedenen Institutionen mit gezielten Täuschungsabsichten beteiligt waren“. Die Erklärung liest sich wie eine Verteidigungsrede vor Gericht. Zu einer Verhandlung könnte es denn auch kommen. Anlegeranwälte sowie die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger haben wegen Wirecard Anzeige gegen EY gestellt. Es geht um dreistellige Millionensummen – bislang.

Wenn EY diesen Skandal nicht überlebt, würde das den Spielraum zum Wechsel des Wirtschaftsprüfers, den Finanzminister Olaf Scholz (SPD) regelmäßig fordert, noch weiter verengen.

Kommentare