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Zwei Jahre nach George Floyd – Wenn Rassismus krank macht

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„Schwarzsein ist in Amerika eine Vorerkrankung“: Das Poster (links oben) bringt die These zu andauernder rasssistischer Belastung auf den Punkt. afp (3)
„Schwarzsein ist in Amerika eine Vorerkrankung“: Das Poster (links oben) bringt die These zu andauernder rasssistischer Belastung auf den Punkt. © AFP

In ihrem Buch „I can’t breathe“ zeigen die Journalisten Robert Samuels und Toluse Olorunnipa, dass Schwarze Menschen täglich den Preis für den Hass gegen sie zahlen - auch einen gesundheitlichen. Ein Auszug.

Floyd hatte seine Reisetasche bereits gepackt. Er wollte dasselbe Entzugsprogramm durchziehen, das Tutu schon hinter sich und Adarryl Hunter gerade angefangen hatte. Den beiden ging es gut, und sie waren zuversichtlich, dass Floyd dort auch wieder Fuß fassen würde. Hinzu kam, dass ihr Programm nur drei Monate dauerte. „Ich hab mich entschieden“, erklärte Floyd. „Tutu ist schon auf dem Weg hierher.“ Jeffrey erkannte, dass jeder Versuch, ihn umstimmen zu wollen, sinnlos war. Die Männer aus dem Third Ward wollten Floyd helfen. Sie wollten, dass er es schaffte und wieder auf die Beine kam. Sie wollten es für ihn, weil sie ihn im Third Ward bewundert hatten – als er noch der Mann war, der etwas wirklich Großes erreichen konnte, wenn man ihm nur eine Chance gab. Und sie wollten es für die vielen anderen Männer zu Hause, die sich vielleicht dazu inspirieren ließen, auch clean zu werden, wenn sie Big Floyds Beispiel folgen konnten.

Seine Freunde zweifelten nicht daran, dass er erfolgreich sein würde – sie mussten nur herausfinden, welcher Weg der beste für ihn war. Floyd interessierte sich zwar in erster Linie für die Dauer des Entzugs, aber Rhodes und seine Freunde sahen auch noch andere Vorteile, als sie ihn an einen Ort namens Our Turning Point brachten. Allein der Name – Wendepunkt – weckte einen gewissen Optimismus, aber auch das Programm war anders als alles, was sie sonst so kannten – es war ein von Schwarzen finanziertes und geleitetes Therapiezentrum, das sich darauf spezialisiert hatte, etwas für die Gesundheit und das Wohlergehen von Afroamerikaner*innen zu tun.

„I can‘t breathe“: Neues Buch zum Fall George Floyd

Der Ansatz, den Turning Point verfolgte, basierte auf den Erfahrungen ihres Direktors Peter Hayden. 1973, in Floyds Geburtsjahr, hatte Hayden als einziger Schwarzer eine Gruppe der Anonymen Alkoholiker besucht. Er erinnerte sich noch gut, wie er ungläubig den Kopf schüttelte, als ein weißer Mann dort erzählte, wie er wieder angefangen hatte zu trinken, weil er seiner Frau keine 50 Dollar geben wollte. Hayden und seine Freund*innen tranken, weil sie keine 50 Dollar hatten. Für ihn und seinesgleichen war das Problem nicht nur die Abhängigkeit: Es waren die fehlenden Jobs, die fehlenden finanziellen Mittel und das Leben in einer Welt voller Vorurteile, in der jeder Fehltritt in einer Gefängniszelle oder im Sarg enden konnte.

Haydens Theorie war, dass der Genesungsprozess bei Afroamerikaner*innen anders aussehen musste, weil die Gesellschaft sie anders behandelte. In einem Land, das sich Farbignoranz zum Ziel gesetzt hatte, wurde Haydens Theorie jedoch kontrovers gesehen, obwohl neuere sozialwissenschaftliche Studien seinen Ansatz unterstützten. Eine ganze Reihe von Gesundheitsexpert*innen fing damals an, sich für die Auswirkungen „hoher Bewältigungsleistungen“ auf die Gesundheit zu interessieren – beispielsweise für die Zusammenhänge zwischen der Bewältigung schwieriger Situationen und einem erhöhten Blutdruck.

Depressionen - nicht selten aufgrund von alltäglicher Angst - werden bei Schwarzen Personen oft unterdiagnostiziert.
Depressionen - nicht selten aufgrund von alltäglicher Angst - werden bei Schwarzen Personen oft unterdiagnostiziert. © AFP

Sherman James, damals Epidemiologe an der University of North Carolina in Chapel Hill, fiel auf, dass sich die meisten der bereits existierenden Studien auf die Lebensumstände weißer Männer aus der Mittelklasse konzentrierten. James, der Schwarz ist, beschloss daher, die Farmen im Osten North Carolinas zu besuchen, dieselben Felder, die auch schon Floyds Vorfahr*innen bestellt hatten. Er traf dort einen Schwarzen Mann namens John Henry Martin, der das repressive System des Sharecropping miterlebt und unermüdlich dafür gearbeitet hatte, seine auf 40 Jahre angelegten Schulden in nur fünf Jahren abzubezahlen. Als James ihn kennenlernte, war er Anfang 70, litt aber unter einer Reihe von Krankheiten, durch die er sehr viel älter wirkte – Schmerzen in den Beinen, Osteoporose, Magengeschwüre und Bluthochdruck.

„Seine eigene Diagnose war, dass er sich zu viel abverlangt hatte“, erzählte James, „was mich an die Geschichte meines Vaters erinnerte, an die meines Onkels, meines Großvaters und an die meiner Mutter. Seine Geschichte war ein Sinnbild für die Geschichte der Schwarzen in Amerika.“ Sie spiegelte auch die Legende von John Henry, dem hammerschwingenden afroamerikanischen Volkshelden wider, der seinen Wert unter Beweis stellen wollte, indem er versuchte, von Hand eine Eisenbahnstrecke zu verlegen, und dabei einen tödlichen Herzinfarkt erlitt.

In den 1980er Jahren prägte James einen Begriff, der die Bewältigungsmechanismen Schwarzer Menschen beschreibt, die, um sich gegen Rassismus zu behaupten, immense Anstrengungen unternehmen – den alten Glauben also, dass Schwarze doppelt so hart arbeiten müssen, um es halb so weit zu bringen. Er nannte das Phänomen „John Henry-ism“. John-Henry-ism, so James, könne durchaus auch positive Effekte haben. Immerhin hatte John Henry Martin es geschafft, seine Schulden sehr schnell abzuarbeiten. Aber die gesundheitlichen Folgen eines solchen Kraftakts konnten ohne die Unterstützung und das Bewusstsein der Gesellschaft fatal sein.

Hintergrund

25. Mai 2020: Der unbewaffnete Schwarze Mann George Floyd wird bei seiner Festnahme in Minneapolis getötet. Ein weißer Beamter drückte sein Knie minutenlang auf Floyds Hals, während dieser fleht, ihn atmen zu lassen. Die auf einem Video festgehaltene Tat löst im ganzen Land Massenproteste gegen Polizeigewalt und Rassismus aus.

Eine spätere Kollegin Shermans an der University of Michigan, die Verhaltensforscherin Arline Geronimus, dachte in den 1990er Jahren noch einen Schritt weiter, als sie die Hypothese aufstellte, dass die jungen Schwarzen Mütter, die sie begleitete, in einem schlechteren gesundheitlichen Zustand waren als junge weiße Mütter, weil sie einer speziellen Art von Stress ausgesetzt waren.

Expert*innen hatten festgestellt, dass Schwarze auch bei gleichem Einkommen, Alter, Bildungsniveau und einer vergleichbaren Wohnsituation oft kränker waren als Weiße. Diese Krankheiten manifestierten sich, als die Forscher*innen den Wert entzündungsfördernder Hormone wie beispielsweise Cortisol verglichen und dabei feststellten, dass afroamerikanische Menschen tendenziell größere Mengen dieser Hormone, die als Reaktion auf Stress ausgeschüttet werden, aufwiesen als Weiße. Ein Anstieg des Cortisolspiegels kann in kurzen Stressmomenten zwar hilfreich sein – die Konzentration verbessern, wenn man die Nacht durcharbeiten muss, oder bei großer körperlicher Anstrengung die Herzfrequenz erhöhen - belastet aber auch das Immunsystem. Aus diesem Grund werden Studierende nach Abschlussprüfungen oft krank oder tun Sportler*innen nach einem wichtigen Spiel alle Knochen weh.

Rassismus aushalten: Andauernder Stress schwächt das Immunsystem

Bleibt der Cortisolwert über einen längeren Zeitraum hinweg hoch, wie man es bei vielen Afroamerikaner*innen beobachten konnte, macht der Stress sie anfälliger für Krankheiten. Die gängige Überzeugung, dass die überdurchschnittlich hohe Rate von Bluthochdruck, Diabetes und Herzkrankheiten unter Schwarzen Menschen auf eine schlechte Ernährung und mangelnde Bewegung zurückzuführen sei, wurde durch diese Entdeckung in Frage gestellt. Es zeigte sich, dass ständiger Stress, angefangen bei der täglichen Diskriminierung bis hin zu der Angst vor einer tödlichen Begegnung mit der Polizei, die Physiologie der Menschen veränderte. In diesem Sinne ist in den Staaten Schwarz zu sein wie eine Art Vorerkrankung.

„Es gibt keine Unterschiede in der Art, wie Menschen unterschiedlicher race auf Stress reagieren“, stellt Darrell Hudson, Gesundheitsexperte und Professor an der Washington University in St. Louis, fest. „Aber das Umfeld, in dem sie leben, ist rassifiziert. Es geht um die Chronizität des Stresses und unser Verhältnis dazu: Haben wir das Gefühl, Dinge, die uns stressen, kontrollieren zu können, auch ohne übermenschliche Anstrengungen oder glückliche Umstände? Falls nicht, staut sich alles auf.“

Häufig wird das Verhalten von Schwarzen Menschen als „aggressiv“ stigmatisiert.
Häufig wird das Verhalten von Schwarzen Menschen als „aggressiv“ stigmatisiert. © AFP

Da nur sehr wenig dazu geforscht worden war, wie man diesem Phänomen begegnen könnte, überredete Hayden mit seiner leidenschaftlichen Überzeugung und seinem Charme lokale Behörden und Stiftungen, ihn mit Zuschüssen und Fördergeldern zu unterstützen. Er kleidete sich sehr auffällig – farbenfrohe Anzüge und Krokodillederschuhe – um bei den Leuten Aufmerksamkeit für und Vertrauen in sein Projekt zu wecken, bis ihm das County und diverse Stiftungen schließlich genügend Zuschüsse zugesagt hatten, dass er den Turning Point 1976 eröffnen konnte.

Begleitend zur medikamentösen Behandlung durch kooperierende Kliniken unterrichteten Schwarze Mitarbeiter*innen Afroamerikanische Geschichte, um das Selbstwertgefühl zu wecken, und servierten an Sonntagen ein Soul-Food-Menü zur Stärkung der Gemeinschaft. Das klassische Zwölf-Schritte Programm wurde mit den Prinzipien des Kwanzaa kombiniert. So wurden Schritte wie „daran glauben, dass eine höhere Macht mich geistig gesund machen kann“ zu „daran glauben, dass meine innere Kraft mir hilft, ein Leben zu führen, dass mir nicht schadet“. Die Abwandlungen betonten einerseits die Handlungsfähigkeit von Schwarzen Menschen und vermieden andererseits bewusst die Worte „geistig gesund“.

Urteil im Fall George Floyd: Drei Ex-Polizisten für schuldig befunden

„Afroamerikaner*innen reden nicht gern davon, verrückt zu sein“, erklärte Hayden, was er als die Folge einer langen Tradition von Misstrauen und Ablehnung zwischen Schwarzen Patient*innen und weißen Ärzt*innen deutete. Dieses Misstrauen machte Haydens Mission zwar umso schwieriger, zeigte gleichzeitig aber auch, wie wichtig sie war. Eine Analyse offizieller Umfragedaten aus dem Jahr 2019 erbrachte, dass einer von zehn afroamerikanischen Menschen angab, unter unbehandelten psychischen Problemen zu leiden – das sind doppelt so viele wie in der Bevölkerung insgesamt. Und unter jenen, die in Behandlung waren, neigten viele dazu, diese frühzeitig abzubrechen, aus Kostengründen, Angst vor Stigmatisierung oder weil sie das Gefühl hatten, dass ihr*e Therapeut*in sie nicht versteht.

Das Buch: „I can’t breathe – George Floyds Leben in einer rassistischen Welt“, von Toluse Olorunnipa und Robert Samuels, Verlag: S. Fischer, Frankfurt, 560 Seiten, 26 Euro.
Das Buch: „I can’t breathe – George Floyds Leben in einer rassistischen Welt“, von Toluse Olorunnipa und Robert Samuels, Verlag: S. Fischer, Frankfurt, 560 Seiten, 26 Euro. © S.Fischer

Sobald es um Drogenmissbrauch oder psychische Probleme geht, sind diese Gefühle besonders abträglich. Ayana Jordan, Professorin für Psychiatrie an der New York University, die in Bezug auf race zum Thema Zugehörigkeit und Sucht forscht, stellte fest, Patient*innen müssten darauf vertrauen können, dass Therapeut*innen ihre Probleme ernst nehmen und sie als Individuen betrachten, nicht als Stereotypen, was Therapeut*innen und Ärzt*innen jedoch oft nicht bewusst zu sein schien. Sie führte Statistiken an, die zeigen, dass Schwarze mit Stimmungsstörungen wie Depressionen oft unterdiagnostiziert werden, während Krankheitsbilder wie Schizophrenie – die mit aggressivem Verhalten assoziiert werden – bei Schwarzen häufig überdiagnostiziert sind. Der Einfluss sich hartnäckig haltender Stereotypen war in nahezu jeder Institution spürbar, die George Floyd auf seinem Weg ins Erwachsenenalter hätte unterstützen können.

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