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Was würde Winston Churchill zum Brexit sagen? Forscher Felix Klos hat da eine klare Meinung.

Brexit

„Geopolitische Selbstverstümmelung“

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Für den Historiker Felix Klos wäre Winston Churchill ein Gegner des Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union.

Herr Klos, Sie nennen Winston Churchill den „Vater des vereinten Europas“. Was würde er zum Brexit-Chaos sagen?
Churchill hätte ganz große Probleme damit, dass sich Großbritannien gerade geopolitisch selbst verstümmelt. Churchill hat sich immer ein mächtiges Großbritannien gewünscht. Der Brexit aber wird die Bedeutung des Landes schwinden lassen. Es wird irgendwo zwischen den nicht mehr verlässlichen USA und seinen europäischen Partnern im Atlantik schwimmen. Diese Vorstellung wäre Churchill völlig zuwider gewesen.

Welche Vorteile sah Churchill in einem vereinten Europa?
Er verstand die „Europäische Union“, wie er das Gebilde schon damals genannt hat, als eine Art Versicherungspolice gegenüber der Sowjetunion, denn die Kommunisten hat er mehr gehasst als alles andere. Churchill wollte zwar nicht, dass Großbritannien Mitglied in einer Europäischen Union wird. Doch Großbritannien sollte Europa gewissermaßen anführen. Das hatte zwei Gründe. Das Empire ging in jenen Jahren seinem Ende zu und gleichzeitig verschlechterten sich die Beziehungen zu den USA am Ende des Zweiten Weltkriegs. Europa war für Churchill also eine Chance, den weltpolitischen Einfluss Großbritanniens zu erhalten.

Wie wir heute wissen, ist der Plan nicht aufgegangen.
Churchill wollte eine langsame Entwicklung des vereinten Europas. Deutschland und Frankreich sind ihm aber zuvor gekommen und haben sich auf eine schnellere Version der Einigung verständigt. Churchill konnte nichts dagegen machen, denn in London zu jener Zeit regierte Labour, das mit Europa nicht ganz so viel am Hut hatte. Als dann Churchill im Herbst 1951 die Wahl gewann, war die Montanunion schon gegründet und die mitteleuropäischen Staaten machten sich eigenständig auf den Weg.

Die Brexiteers argumentieren anders. Für sie kommt jeder Versuch, Churchill als Europäer zu stilisieren, der Häresie gleich.
Das stimmt. Aber ich bleibe bei meiner Meinung: Großbritannien ist ein europäisches Land, und Churchill hat von sich selbst immer als „guter Europäer“ gesprochen.

Können Sie erklären, warum das britische Parlament, das immer ein Bollwerk des gesunden Menschenverstandes war, inzwischen einem Tollhaus ähnelt?
Es ist so zermürbend, die endlosen Brexit-Debatten im Fernsehen zu verfolgen. Ich will mit einem Churchill-Zitat antworten. Er hat gesagt: „Wir formen unsere Gebäude, aber hinterher formen sie uns.“ Wenn man sich das Unterhaus ansieht, dann hat das was für sich. Da sitzen sich zwei Parteien gegenüber und sind zum Kampf bereit. Vielleicht lässt sich das Chaos, das wir derzeit sehen, damit erklären. Hinzu kommt, dass auf beiden Seiten des Parlaments die Ideologen inzwischen das Sagen haben. Da haben es kompromissbereite Politiker ziemlich schwer.

Felix Klos

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund, warum sich die Mehrheit der Briten für einen Austritt aus der EU entschieden hat?
Da ist zunächst einmal die Verteilung des Wohlstands. In Großbritannien werden die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer. Dazwischen ist nicht viel. Die Leute sind deswegen offenbar so wütend, dass sie Scharlatanen hinterher laufen, die ihnen erzählen, nach dem Brexit werde es allen besser gehen. Das führt zu absurdem Verhalten. In Cornwall, einer der ärmsten Regionen Großbritanniens, sind die Leute auf das Geld von der EU angewiesen. Dennoch haben sie mit mehr als 70 Prozent für den Brexit gestimmt. Dazu kommt: Jahrzehntelang haben die Politiker und viele Medien in Großbritannien Brüssel für alles verantwortlich gemacht, was im eigenen Land nicht funktionierte. Das hat Wirkung gezeigt, wie wir heute wissen.

Es scheint, als gebe es nur einen Vorteil, den die Briten vom Brexit haben werden. Sie können künftig die Farbe ihres Reisepasses selbst bestimmen. Oder sehen Sie noch andere Vorteile?
Wenn man so will, dann geht es den Brexiteers auch um die Begrenzung der Einwanderung. Die Regierung in London kann dann den Deutschen, Holländern, Italienern und Polen sagen: Ihr habt nicht automatisch das Recht, in unser Land zu kommen. Wir bestimmen, wer einreisen darf.

Aber kann sich Großbritannien das leisten?
Nein. Das wird nicht gut gehen. Großbritannien wird ja auch nach dem Brexit mit dem Rest der Welt Handel treiben müssen, um wirtschaftlich zu überleben. Das Land hat keine Handelsabkommen mit anderen Staaten, weil das in den vergangenen 40 Jahren die EU erledigt hat. Jetzt stellen wir uns vor, dass Großbritannien einen Handelsvertrag mit China abschließen will. Peking wird sagen: Das könnt ihr haben, aber ihr müsst im Gegenzug Chinesen erlauben, sich in Großbritannien niederzulassen. Man muss sich also die Frage stellen: Welchen Sinn hat es, die Einwanderung aus der EU zu begrenzen, wenn man hinterher Visa für Chinesen, Inder, Südamerikaner und Afrikaner ausstellen muss?

Hätten Sie sich nicht mehr einmischen und vehement für einen Verbleib Großbritanniens in der EU werben sollen?
Glauben Sie etwa, das hätte etwas am Ausgang des Referendums geändert? US-Präsident Barack Obama, der in Großbritannien sehr populär war, hat das damals vor dem Referendum gemacht. Der Effekt war gleich Null. Was wäre wohl passiert, wenn der in Großbritannien wenig populäre EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Junker lautstark gebeten hätte: Bitte bleibt bei uns. Die Briten hätten erst recht gesagt: Ok, dann wollen wir lieber raus aus der EU.

Und die Eliten in Großbritannien?
Die Brexiteers haben gelogen, dass sich die Balken bogen. Und jene aus der politischen Elite, die gegen den Brexit waren, haben es nicht geschafft, eine emotionale Botschaft zu verbreiten, warum es besser für Großbritannien ist, in der EU zu bleiben. Dabei wäre es so einfach gewesen. Sie hätten nur sagen müssen: Unser größter nationaler Held, Winston Churchill, hat schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg erklärt, er sei ein guter Europäer und es sei im britischen Interesse, dass sich Europa vereint. Das hätte die Leute beeindruckt.

Interview: Damir Fras

Zur Person

Felix Klos, 26, hat an der Universität Oxford Geschichte studiert und ein Buch über Winston Churchill geschrieben. In „Churchill’s Last Stand“ nennt er den früheren britischen Premierminister den „Vater des vereinten Europas“. Der Niederländer, der 2016 im Wahlkampfteam von US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton arbeitete, streitet sich seither regelmäßig mit Brexit-Befürwortern aus Großbritannien. Im Interview sagt Klos, der für die linksliberale D66-Partei aus den Niederlanden ins Europaparlament gewählt werden will, warum die Briten gerade dabei sind, einen großen Fehler zu begehen. (fra)

 


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