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ANGELA GUTZEIT

Genug gebüßt?

In der deutschen Erinnerungspolitik sieht Norbert Frei Milde einziehen

Das Buch 1945 und wir erscheint zwischen den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, der Bombardierung von Dresden und der bedingungslosen Kapitulation Nazideutschlands am 8. Mai. In einer Zeit also des Erinnerungs-Marathons und einer beispiellosen Medienaufbereitung des NS-Themas, die das Leiden der einstigen Opfer und das Leiden der Deutschen am Ende der NS-Katastrophe aneinander reihen: Auschwitz, Sophie Scholl in ihren letzten Stunden, der große "Brand" in Dresden, der "Mensch" Hitler im Bunker, die Flüchtlingstrecks aus dem Osten. Kulminationspunkt könnte nach den Worten des Autors Norbert Frei der 10. Mai mit der Einweihung des Holocaust-Denkmals in Berlin sein - ein Höhepunkt des Gedenkens, der gleichzeitig eine entscheidende Zäsur im Verhältnis zur NS-Geschichte markieren werde. Heißt das, wir sind dabei, unseren Frieden mit unserer Vergangenheit zu machen, da nun genug gebüßt, bewältigt und endlich auch der eigenen Verluste gedacht wird?

In der Tat sieht der renommierte vormals Bochumer, nun Jenaer Zeithistoriker spätestens seit Martin Walsers Rede in der Paulskirche im Jahre 1998 Anzeichen für eine "Bereitschaft zum milderen Urteil, ja, zur Revision". Es würden sich "erstaunlich unpolitische Töne einer privatistischen Geschichtsbetrachtung" Gehör verschaffen, "in der sich die Unterschiede zwischen Tätern, Opfern und Mitläufern verwischen".

"Das Ende der Schuld scheint nahe", konstatiert Frei. Interessanterweise aber flaut die Erinnerung an die zwölf Jahre Nazidiktatur nicht ab, sondern nimmt an Heftigkeit und emotionaler Intensität derzeit noch zu. Frei bringt dieses Phänomen in seiner Aufsatzsammlung, so paradox es sich auch anhört, mit dem Dahinschwinden der letzten Zeitzeugen in Verbindung. Die einstigen Kriegs- und Flüchtlingskinder würden sich jetzt zu Wort melden, nicht zuletzt, so kann man vermuten, um den zunehmenden Erkenntnissen über Kriegs- und Wehrmachtsverbrechen ihre eigenen Leidenserfahrungen entgegensetzen. Ein tiefer Einschnitt bahne sich an, weil mit dem Ableben dieser Generation nicht nur die Zeitzeugenschaft der Vergangenheit angehöre. Auch die Zeitgeschichtsforschung wird, wie Frei ausführlich darlegt, selbst zur Geschichte und damit wiederum auch zum lohnenden Gegenstand der heutigen, jüngeren Forscher.

Frei beschäftigt sich in seinem Buch, wie auch schon vorher in zahlreichen Aufsätzen und Interviews geradezu leitmotivisch mit der Bedeutung des Generationenwechsels im Umgang mit der NS-Zeit. Diesen Umgang in Politik, öffentlichem Diskurs und der mit beiden eng verflochtenen Zeitgeschichtsforschung seit 1945 bis heute zu periodisieren, ist das Verdienst von Freis spannend zu lesender historischer Analyse. Höchst aufschlussreich weist er beispielsweise auf die blinden Stellen in der Zeitgeschichtsforschung hin, auf ihre frühere Neigung zur Strukturgeschichte, was zur Vernachlässigung des Individuellen oder auch Alltäglichen im Nationalsozialismus geführt habe. Oder auf ihre generationsbedingte Rücksichtnahme auf Täter, Mitläufer und Nutznießer des Nationalsozialismus Ihr Ableben eröffne der NS-Historiographie nun neue Freiräume.

So interessant es ist, die NS-Aufarbeitung beziehungsweise auch die Versuche ihrer Verhinderung unter dem Aspekt des Generationenwechsels zu betrachten, so kommt diese Periodisierung einem auch manchmal etwas zu schematisch und zu kurz gegriffen vor. So haben die derzeitigen deutschen Kriegsleid-Geschichten sicherlich nicht allein mit dem drängenden Mitteilungsbedürfnis einer abtretenden Zeitzeugen-Generation zu tun. Vielmehr ist anzunehmen, dass der "Epochenbruch" von 1989/90 weitreichendere Veränderungen im Bewusstsein der Deutschen herbeigeführt hat, als Norbert Frei sie dieser Zäsur zugestehen will. Hinzu kommen eventuell auch Aspekte wie die zunehmende Internationalisierung des Themas Holocaust in der Forschung wie im öffentlichen Gedenken sowie neuere Erkenntnisse über die Mitverantwortung anderer europäischer Länder bei der Verfolgung der Juden und nicht zuletzt eine so manches Mal abschreckend ritualisierte Erinnerungspädagogik, die dazu führen beziehungsweise dazu verführen könnten, die Schuldfrage der Deutschen abzuschwächen, den Unterschied zwischen NS-Opfern und deutschen Kriegsopfern einzuebnen.

Was der "Gezeitenwechsel" letztendlich bringen wird, ob produktive Befreiung von der Zeitgenossenschaft oder "Umcodierung der Vergangenheit" im Sinne von Schuldentlastung, das bleibt - verständlicherweise - auch in Norbert Freis anregendem Buch in der Schwebe. Aber seinem Appell ist natürlich grundsätzlich zuzustimmen: Auch im 21. Jahrhundert, so der Zeithistoriker, bleibe es politisch-moralisches Gebot und intellektuelle Herausforderung, sich der Vergegenwärtigung der nationalsozialistischen Vergangenheit immer wieder fragend zu stellen.

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