1. Startseite
  2. Politik

Genozid an den Armeniern: Verstehen und anerkennen

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Das Schweigen der Steine | Installation von Silvina Der Meguerditchian | 2022 | Ausstellungsansicht der Gruppenausstellung „TWISTER“ in der ngbk - Berlin, zu sehen bis zum 30. April 2022
Das Schweigen der Steine | Installation von Silvina Der Meguerditchian | 2022 | Ausstellungsansicht der Gruppenausstellung „TWISTER“ in der ngbk - Berlin, zu sehen bis zum 30. April 2022 © Emgy Ruiz (Foto)

FR-Event: Der Völkermord an der armenischen Minderheit: Welche Formen der Erinnerung sind nötig? Und wie lässt sich beharrliches Schweigen überwinden? Ein Interview mit der Philosophin Melanie Altanian

Frau Altanian, das Gedenken an den Genozid an den Armenier:innen und anderen christlichen Minderheiten im Osmanischen Reich ist nach wie vor von einer staatlichen Politik der Leugnung seitens der Türkei begleitet. Sie beschäftigen sich als Philosophin mit Genozidleugnung. Was kann die Philosophie zu dieser Frage beitragen?

Für meine Arbeit ist der philosophische Begriff der „epistemischen Ungerechtigkeit“ zentral. „Epistemisch“ bedeutet erkenntnis- beziehungsweise wissensbezogen. Der Begriff ermöglicht uns ein präziseres Verständnis der Verletzung durch Genozidleugnung, da es sich dabei um eine Erkenntnispraxis handelt, die willentlich verzerrendes „Unwissen“, Fehlinterpretationen und Missverständnisse produziert und aufrechterhält. Das gesellschaftliche Schweigen über den Genozid ist also nicht auf fehlendes Wissen über den Genozid zurückzuführen oder mit einem „kollektiven Vergessen“ zu verwechseln.

Mit dem Begriff der epistemischen Ungerechtigkeit kann man also die bis in die Gegenwart wirkenden Gewalterfahrungen der Betroffenen eines Genozids stärker in den Blick rücken?

Genau, denn Genozidleugnung fördert diskriminierende Praktiken und ungerechte Bedingungen, die es Überlebenden eines Genozids und deren Nachfahren erschweren bis verunmöglichen, Zeugenschaft abzulegen, aber auch Deutungsressourcen in Bezug auf alle relevanten Lebensbereiche zu entwickeln und sich an der Produktion gesellschaftlichen Wissens zu beteiligen. So werden sie beispielsweise zum Schweigen gezwungen, da Aussagen in Bezug auf den Genozid mit erheblichen existenziellen Risiken behaftet werden.

Dr. Melanie Altanian ist Philosophin. Sie forscht an der Universität Bern und am University College Dublin und ist Gast- dozentin an der Universität Luzern. Ihr Buch „The Epistemic Injustice of Genocide Denialism“ erscheint demnächst im Routledge Verlag. Foto: privat
Dr. Melanie Altanian ist Philosophin. Sie forscht an der Universität Bern und am University College Dublin und ist Gast- dozentin an der Universität Luzern. Ihr Buch „The Epistemic Injustice of Genocide Denialism“ erscheint demnächst im Routledge Verlag. © privat

Die Genozidleugnung ist also ein gesamtgesellschaftliches Problem?

Ja, dadurch wird die gesellschaftliche Verständigung über den Genozid und dessen Folgen für Armenier:innen und andere Gruppen erschwert. Überlebende und deren Nachfahren, aber auch die post-genozidale Gesellschaft als Ganzes sind mit einer professionalisierten und internationalisierten Leugnungsindustrie konfrontiert, die darauf abzielt, bestehende und widerständige Erinnerungen und Formen der Zeugenschaft zu entkräften. Dabei ist epistemische Ungerechtigkeit eine von vielen Dimensionen der Gewalt und Unterdrückung, die sich in Bezug auf den Genozid im Osmanischen Reich bis in die Gegenwart erstrecken.

Der Utpoische Raum

Der Genozid an der armenischen Bevölkerung ist Thema der nächsten Veranstaltung in der Reihe „Der utopische Raum“ am Donnerstag, 10. März. Über dieses Thema diskutieren unter dem Titel „Gedenken für die Gegenwart – Der Genozid an den Armenier:innen“ das „Kollektiv Ararat“, die Politikwissenschaftlerinnen Jeanette Ehrmann und Veronika Zablotsky, die auch das Interview auf dieser Seite geführt haben, sowie die Historikerin Elke Sh. Hartmann.

Die Veranstaltung beginnt am Donnerstag, 10. März um 19 Uhr im Osthafenforum im Medico-Haus, Lindleystraße 15, Frankfurt am Main. Informationen zu den Hygieneregeln hier. Der Abend wird auf dem Youtube-Kanal von Medico international übertragen.

Die Reihe „Der utopische Raum“ ist eine Kooperation der Stiftung Medico international, des Instituts für Sozialforschung und der Frankfurter Rundschau. FR

In Ihrer Arbeit wird dem Begriff von Genozid eine erweiterte Bedeutung zugeschrieben, die über eine völkerrechtliche Bestimmung hinausgeht. Können Sie dies erläutern?

Ich verstehe den Begriff des „Genozids“ als eine institutionalisierte, gesellschaftlich und international anerkannte Deutungsressource, die es ermöglicht, die geschehenen Verbrechen angemessen zu benennen und moralisch zu bewerten. Dies ist für die Frage epistemischer Gerechtigkeit relevant, weil daraus gesellschaftspolitische und normative Handlungsempfehlungen abgeleitet werden können.

Inwiefern kann dies der Komplexität genozidaler Gewalt und deren Fortwirken in der Gegenwart besser gerecht werden?

Durch ein unvollständiges Verständnis von Genozid als „Massaker“ wird die Komplexität des Verbrechens verschleiert und dessen Tragweite heruntergespielt. Zur Vernichtung einer sozialen Gruppe, worauf ein Genozid im Kern abzielt, werden verschiedene Formen der Gewalt mobilisiert, im konkreten Fall des Genozids im Osmanischen Reich etwa geschlechtsspezifische Gewalt durch Zwangsverheiratung von Frauen, materielle Enteignung und die Zerstörung der wirtschaftlichen Grundlagen, die intergenerationelle Auslöschung durch Zwangsassimilation, etwa durch die Türkisierung und Islamisierung von armenischen Waisenkindern, sowie die Zerstörung von Kulturgütern. Ohne Bewusstsein für diese Dimensionen der Vernichtung bleibt jede Anerkennungspraxis mangelhaft, da beim reduktiven Verständnis vom „Massaker“ zwar die Perspektive der Ermordeten, aber nicht jene der Überlebenden berücksichtigt wird. Doch gerade diese müssen mit den weitreichenden Folgen des Genozids weiterleben. Vor diesem Hintergrund muss man die diasporischen Bemühungen um eine internationale Anerkennung des Genozids verstehen.

Zum Titelbild: „Das Schweigen der Steine“

Installation von Silvina Der Meguerditchian | 2022 | Ausstellungsansicht der Gruppenausstellung „TWISTER“ in der ngbk - Berlin, zu sehen bis zum 30. April 2022

Mit der Zerstörung der mittelalterlichen Nekropole von Dschulfa, des mit 10 000 Kreuzsteinen größten antiken armenischen Friedhofs der Welt, haben aserbaidschanische Behörden in Nachitschewan versucht, alle Spuren armenischen Lebens – der Existenz und Kultur des „Anderen“ – auszulöschen. Diese werden von staatlicher Seite als Bedrohung für die aserbaidschanische Identität dargestellt.

Der Deutsche Bundestag hat in seiner „Armenien-Resolution“ von 2016 den Genozid im Osmanischen Reich als solchen anerkannt und sich für eine Versöhnung zwischen der Türkei und Armenien ausgesprochen. Wie schätzen Sie die Effekte dieser staatlichen Anerkennungspolitik ein?

Angesichts der systematischen Delegitimierung von armenischer Zeugenschaft durch die türkische Genozidleugnung können Armenier:innen durch eine Anerkennung in ihrer „epistemischen Autorität“ in Bezug auf den Genozid bestärkt werden. Gleichzeitig birgt staatliche Anerkennung immer auch die Gefahr der Verkennung, indem irreführende Repräsentationen des Genozids und dessen Leugnung befördert werden, beispielsweise durch die Einordnung der Genozidleugnung als Konflikt zwischen der Türkei und Armenien. Dadurch werden die legitimen Anliegen von Armenier:innen unsichtbar gemacht, die außerhalb der beiden Staaten leben. Die armenische Diaspora besteht ja großenteils aus Nachfahren von Genozidüberlebenden, die aus ihrer Heimat in der heutigen Türkei in die ganze Welt geflüchtet sind. In Bezug auf die Türkei wird dadurch auch ignoriert, dass die Genozidleugnung dazu dient, die gegebenen Herrschaftsverhältnisse zu konsolidieren, sowohl innerhalb der Türkei als auch in der Region. Auch die Frage materieller Reparationen wird völlig ausgespart.

Silvina Der-Meguerditchian, geboren 1967 in Buenos Aires, lebt und arbeitet in Berlin. Sie beteiligte sich u.a. am Armenity-Pavillon, der bei der 56. Biennale di Venezia mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Sie ist künstlerische Leiterin von Houshamadyan, einem Online-Archiv zur Rekonstruktion von armenischem Leben im Osmanischen Reich. Mehr dazu hier: www.houshamadyan.org Foto: privat
Silvina Der-Meguerditchian, geboren 1967 in Buenos Aires, lebt und arbeitet in Berlin. Sie beteiligte sich u.a. am Armenity-Pavillon, der bei der 56. Biennale di Venezia mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Sie ist künstlerische Leiterin von Houshamadyan, einem Online-Archiv zur Rekonstruktion von armenischem Leben im Osmanischen Reich. Mehr dazu hier: www.houshamadyan.org © privat

Erinnerungspolitische Fragen werden derzeit unter dem Stichwort der multidirektionalen Erinnerung diskutiert. Was könnte dieser Ansatz bezogen auf den Genozid an den Armenier:innen und anderen christlichen Minderheiten im Osmanischen Reich bedeuten?

Ich verstehe dies als Frage danach, wie der Genozid anerkannt werden kann, ohne weitere epistemische Ungerechtigkeit zu fördern. Um an der Bundestagsresolution anzusetzen: In Deutschland steht eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der Beteiligung des Deutschen Kaiserreichs noch aus. Vor dem Hintergrund lange geleugneter und weiterhin nur unzulänglich aufgearbeiteter Kolonialverbrechen, insbesondere des Genozids an den Herero und Nama im heutigen Namibia, stellt sich die Frage nach der moralischen Aufrichtigkeit und politischen Glaubwürdigkeit solcher Resolutionen. So haben Interessenverbände der Nachfahren von überlebenden Herero und Nama das sogenannte Aussöhnungsabkommen von letztem Jahr scharf kritisiert, da sie an den Verhandlungen nicht beteiligt worden sind. Entsprechend einer multidirektionalen Erinnerung müssen im Hinblick auf den Genozid im Osmanischen Reich zudem die marginalisierten Opfergruppen miteinbezogen werden, die durch den Fokus auf Armenier:innen unsichtbar gemacht werden, insbesondere die assyrisch-aramäisch-chaldäischen Christ:innen. In Bezug auf das Selbstverständnis der „Tätergruppe“ könnten außerdem Beispiele des Widerstands, der Solidarität mit und der Hilfe für die Opfer miterinnert werden, um die damals schon ersichtliche Ungerechtigkeit der Geschehnisse im historischen Kontext zu untermauern. Eine solche multidirektionale Erinnerung könnte zivilgesellschaftliche Initiativen und solidarische Bündnisse stärken, welche Wissen über den Genozid generieren, erhalten und weitergeben, in der Hoffnung, demokratische und pluralistische Formen des Zusammenlebens für die Gegenwart und Zukunft zu ermöglichen.

Interview: Jeanette Ehrmann und Veronika Zablotsky

Auch interessant

Kommentare