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Am Ball konnte er alles, und zuweilen machte es ihm einen Heidenspaß, die größten Treter auf dem Platz auszutanzen: George Best.

George Best

Der geniale Dribbler

George Best war ein Rebell am Ball, der die Leidenschaft von Millionen von Fans nährte und eine Legende kreierte, die sich weigerte zu sterben.

Im europäischen Revolutionsjahr 1968 heißt Europas Fußball-Champion Manchester United. Dank George Best, einem 22-jährigen protestantischen Nordiren. Best trägt die Haare lang und das rote Trikot der „Red Devils“ über der Hose. Die Stutzen sind heruntergerollt, Schienbeinschoner mag er nicht. Nur gegen die Treter von Don Revie’s Leeds United zieht er sie an. 

Am 16. August 1963, seinem 17. Geburtstag, hatte Best bei United einen Profivertrag unterschrieben. Best stammt aus Cregagh, einer Siedlung im protestantischen Osten der nordirischen Industriemetropole Belfast. Eine freudlose Gegend, in der die Freizeitgestaltung unter dem religiösen Diktat der Evangelikalen und dem protestantischen Arbeitsethos der Werftarbeiter leidet. 

In den 1960ern haben die Evangelikalen in Belfast noch einen starken Einfluss. Über die Swinging Sixties liest man in einer Chronik der Stadt: „Belfasts symbolischster Beitrag zu dieser hedonistischen Dekade war George Best, der aber das Etikett ‚der fünfte Beatle‘ erst erwarb, nachdem er die Siedlung in Cregagh für die Nachtklubs und Fußballfelder von Manchester verlassen hatte.“ 

Best hatte seiner Heimatstadt zum richtigen Zeitpunkt den Rücken gekehrt. Denn 1968 bricht hier ein blutiger Bürgerkrieg aus. Die nordirischen „Troubles“ werden bald in einem Atemzug mit dem „Prager Frühling“, der Bürgerrechtsbewegung in den USA, den Studentenunruhen in Paris, Berlin und Mexiko City genannt. Ein Jahr zuvor, im Februar 1967, hatte sich die Northern Ireland Civil Rights Association (NICRA) gegründet. Die überwiegende Mehrheit der Bürgerrechtler sind katholisch, aber anfangs mischen auch einige liberale Protestanten mit, denn die Bewegung ist zunächst keine irisch-nationalistische. Nordirlands 68er wollen lediglich die Diskriminierung der katholischen Minderheit beenden. 

Hätte George im Revolutionsjahr 1968 noch in Belfast gelebt, wäre er zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Jedenfalls der Best, der nun in Manchester die Liberalität der Swinging Sixties in vollen Zügen genießt. Im Osten Belfasts herrscht keine Lust am gesellschaftlichen Aufbruch. Die protestantische Arbeiterschaft plagt vielmehr die Angst vor gesellschaftlicher Veränderung. Sie errichtet Barrikaden und verteidigt einen Status Quo, der im Widerspruch zu den Demokratie- und Rechtsstaatstandards im Rest Großbritanniens steht. Gefangen im Osten Belfasts, hätte Best kaum zu Nordirlands 68ern gefunden, die sich rund um die Universität und in den katholischen Vierteln herumtrieben.

In Manchester ist alles anders. Manchester war schon immer eine Hochburg des gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritts. Die Stadt ist bekannt für religiöser Toleranz und einen Hang zur Rebellion. Aber in England ist auch „1968“ anders. „1968“ ist hier weniger politisch und weniger gegen das System gerichtet. Die meistgestellte Frage lautet: „Beatles oder Rolling Stones?“ Best, den die Medien den „fünften Beatle“ getauft haben, beantwortet sie mit „Rolling Stones“. „1968“ ist in England und Manchester mehr eine pop-kulturelle Angelegenheit und feiert den Individualismus. Thomas Mergel, Historiker und Großbritannien-Experte, schreibt: „Eine Persönlichkeit wie John Lennon war eben nicht wie alle, und ebensowenig war es der erste Fußballer, der zur Popikone geworden ist: der Nordire George Best, der bei Manchester United spielte. Genial, aber trainingsfaul und langhaarig, fuhr er Sportwagen, besuchte Nachtklubs und verändere dadurch das öffentliche Bild des bisher als Proletensport gehandelten Fußballs vollständig. (…) In der Verehrung, die solchen Stars entgegenschlug, äußerte sich die Sehnsucht der vielen, ebenso unverwechselbar und gegen den Mainstream zu sein und zu leben.“

George Best wird zum Epizentrum des Partylebens von Manchester. Sein Lifestyle widerspricht nun dem seiner calvinistischen Herkunfts-Community und bringt ihn in Kontakt mit einem Way of Life, wie er gemeinhin mit der irisch-katholischen Gesellschaft assoziiert wird. Der Politikwissenschaftler Alain Bairner schreibt, es sei viel über Davids Beckhams grenzüberschreitende Kraft gesprochen worden: Beckham als „neuer Mann“, „Metrosexueller“ und Ikone der Schwulenbewegung. Auch George Best habe sich grenzüberschreitend verhalten, in dem er den über Ulster Protestanten vorherrschenden Stereotypen – langweilig, engstirnig und bigott, zurückgezogen und misstrauisch gegenüber Fremden – getrotzt und sie auf den Kopf gestellt hätte. Weshalb Nordirlands Katholiken mit dem protestantischen Fußballgenie keine Probleme haben. 

1967/68 ist die Saison des Nordiren, der so gut spielt wie nie zuvor und kaum noch danach. Best kommt auf 52 Pflichtspiele, klubinterner Top-Wert. Mit 32 Toren in allen Wettbewerben ist Best außerdem mit Abstand Uniteds erfolgreichster Torschütze. In keiner anderen Saison spielt und trifft er so häufig. 

Best verfügt über ein reichhaltiges Repertoire an individuellen Fähigkeiten. Er ist schnell auf den ersten Metern und mit beiden Füßen gleich stark. Auch die rüdesten Gegenspieler können ihn nicht von 1:1-Duellen abhalten. Die Treter zu düpieren, bereitet ihm einen besonderen Spaß. Der geniale Dribbler rebelliert gegen den Mainstream auf Englands Fußballfeldern. Viele Klubs beschäftigen zumindest einen Spieler, dessen hervorstechendstes Merkmal eine knüppelharte Spielweise ist, die das Spiel des Gegners zerstören und dessen technisch begabte Akteure einschüchtern und die Lust am Spiel nehmen sollte. Aber Best lässt sich selbst von den größten Gangstern des Spiels nicht irritieren. Best: „Ich hatte nur Verachtung für die sogenannten harten Männer übrig.“ 

Best ist durch kein taktisches Korsett zu bändigen, sondern auf dem Spielfeld sein eigenes Gesetz. Für den nordirischen Autor Teddy Jamieson „verschönerte“ Best das Spiel, in dem er an seinen Gegenspielern „vorbei tanzte und sie sogar verhöhnte.“ Best habe Fußball „zu einem waghalsigen Akt“ gemacht. Die wie Best im Osten Belfasts aufgewachsene, aber mehr als eine Generation jüngere Poetin Miriam Gamble mochte Fußball zunächst nicht. Bis zum 25. November 2005, dem Tag, an dem George Best starb. Die nordirischen Nachrichten zeigten Spielszenen von Best. Gamble was erschlagen von der Eleganz, mit der Best den Ball behandelte: „Ich war schockiert, als ich entdeckte, dass etwas, was ich für absolut langweilig hielt, in Wirklichkeit atemberaubend schön war. Und das war die Art, wie George Best Fußball spielte.“ 

Best gewinnt 1968 nicht nur den Europapokal, sondern wird anschließend auch zum englischen und europäischen Fußballer des Jahres gewählt. Den Ballon d’Or bekommt er als jüngster Spieler seit Einführung der Trophäe 1956. 

In der nordirischen „Us-and-Them-Gesellschaft“ wollte Best weder „Us“ noch „Them“ sein. Der Ort, an dem George Best in seiner Heimatstadt Belfast am meisten und beständigsten gefeiert wird, liegt im katholischen Westen der Stadt, zu Zeiten der „Troubles“ eine Hochburg der IRA. Dort befindet sich an der Ecke Falls Road/Broadway die Red Devil Bar, der größte Treffpunkt von Manchester-United-Fans in Nordirland. An den Wänden hängen Bilder von Best, einige sind von ihm signiert. Die Gäste sind überwiegend Katholiken und Republikaner. Die nordirisch-katholische „Irish News“ schrieb einmal über Best: „Best wird geliebt, weil er ein Rebell ist. Ein athletischer entfesselter Prometheus, der die Leidenschaft von Millionen von Fußballfans nährte und eine Legende kreierte, die sich weigert zu sterben.“ Aber als einfacher Protestant hätte George Best in den Jahren des Bürgerkriegs die Red Devil Bar nie besucht. Ökumenisch saufen, das ging nur in Manchester, nicht in Belfast. 

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