Mai 2017, Marc-Ulrich Cropp (re.) empfängt die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in Illkirch-Graffenstaden.
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Mai 2017, Marc-Ulrich Cropp (re.) empfängt die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in Illkirch-Graffenstaden.

Bundeswehr

Der Generalverdacht

  • Jörg Köpke
    vonJörg Köpke
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Der Bundesgerichtshof hat die Anklage gegen den terrorverdächtigen Offizier Franco A. zugelassen. Führte auch sein Vorgesetzter ein Doppelleben?

Die Lage ist ernst, als Oberstleutnant Marc-Ulrich Cropp Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen am 3. Mai 2017 im Elsass empfängt. Der Skandal um Bundeswehroffizier Franco A. beherrscht seit wenigen Tagen die Schlagzeilen. Die Republik schaut auf das Doppelleben eines Oberleutnants, der als falscher syrischer Flüchtling rechtsextremistische Terroranschläge geplant haben soll.

An jenem Mittwochmorgen inspiziert Bataillonskommandeur Cropp mit der Ministerin die Kaserne im französischen Illkirch. Im Jägerbataillon 291 der deutsch-französischen Brigade hat Franco A. seinen Dienst als Stabsoffizier versehen, quasi in Rufweite des Kommandeurs.

Als die Ministerin und der „kleine Muc“, wie Cropp in der Truppe genannt wird, über den Exerzierplatz schreiten, sind ihre Gesichter versteinert. Es ist der Moment, in dem der Skandal um einen einfachen Oberleutnant die Generalität der Bundeswehr erreicht. Cropp ist Generalstabsoffizier mit der Qualifikation, General zu werden. Dass auch er ein zwielichtiges Leben führt, weiß damals vermutlich niemand außer ihm selbst und wenigen Eingeweihten.

Journalisten werden Wehrmachtsdevotionalien gezeigt und ein Aufenthaltsraum, den die Soldaten „Bunker“ nennen. Zu sehen sind Urkunden in Frakturschrift, Bilder von Wehrmachtssoldaten und Hakenkreuzen, gemalt auf Wände und eingeritzt in ein Sturmgewehr.

Zur Pressekonferenz erscheint die Ministerin ohne Cropp. Von der Leyen sagt, sie sei enttäuscht über Disziplinarvorgesetzte, die weder Informationen nach oben weitergegeben noch die notwendigen Maßnahmen ergriffen hätten. Es scheint klar, wen sie in diesem Moment meint. Der Kasernenkommandeur, der den „Bunker“ gekannt haben muss, hätte gegen die Wehrmachtsschmierereien vorgehen müssen. Doch offenbar tat er es nicht. Ursula von der Leyen blickt in die Kameras. Dann sagt sie: „Es wird noch einiges hochkommen.“

Gut zwei Jahre später im Herbst 2019 könnte sich ihre Prophezeiung erfüllen. Seit wenigen Tagen leitet Ursula von der Leyen die EU-Kommission in Brüssel. Ausgerechnet jetzt wird im Fall Franco A. ein neues Kapitel aufgeschlagen. Und der frühere Kommandeur von Illkirch spielt eine zentrale Rolle.

Zwischen ihrem Amtssitz an der Rue de la Loi und der Nato-Zentrale am Boulevard Léopold III liegen nur wenige Hundert Meter Luftlinie. Für die Nato in Brüssel arbeitet seit Beginn dieses Jahres Oberstleutnant Cropp.

Nach dem Skandal um Franco A. wurde der 47-Jährige versetzt. Der Posten in Brüssel ist allenfalls ein Schritt zur Seite – trotz seiner bisherigen Bilderbuchkarriere.

Cropp war Fallschirmjäger in Altenstadt, diente im Kommando Spezialkräfte (KSK), nahm an einem Elite-Lehrgang in den USA teil. Bis 2014 war er im Planungsstab des Verteidigungsministeriums in wichtige Auslandseinsätze der Bundeswehr eingebunden, hatte Zugang zum Büro der Ministerin und arbeitete für den früheren Vizepräsidenten des Bundesnachrichtendienstes, Andreas von Geyr.

„Die Sache mit Franco A. hat ihn die weitere Karriere gekostet“, sagt ein Hauptmann aus Illkirch. Doch liegt es wirklich nur daran?

Vierhundert Kilometer südöstlich von Brüssel, in Mannheim, schaut Ute Maag in ihren Computer. Auch sie beschäftigt sich mit Cropp, aber eher unfreiwillig. Seit vielen Jahren arbeitet sie in der Geschäftsstelle des Verbandes Deutscher Sportjournalisten. Sie kennt viele Namen und Gesichter der mehr als dreitausend Mitglieder. Immer wieder schüttelt die Frau ungläubig den Kopf.

Zufällig hat sie im Internet ein merkwürdiges Profil gefunden. Ein Mann mit rosafarbenem Hemd und Brille bezeichnet sich als Diplom-Kaufmann, Journalist und Mitglied im Verband Deutscher Sportjournalisten. Er will dem Verein „Die Auswärtige Presse“ angehören, der sich wie die Vorläuferpartei der NSDAP mit den Buchstaben DAP abkürzt.

Angeblich schreibt der Sportjournalist auch über Wirtschaft, Außenpolitik und Tourismus. Das Sonderbare: Das DAP-Mitglied sieht nicht nur so aus wie der frühere Illkirch-Kommandeur, es heißt auch so: Marc-Ulrich Cropp. So sehr sich Ute Maag müht, diesen Mann in Dateien und Archiven ihres Verbandes zu finden, es will ihr nicht gelingen. „Da segelt jemand unter falscher Flagge“, sagt sie.

Als das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) beim DAP nachfragt, reagiert der Hamburger Verein gereizt. Präsidentin Maren Schönfeld verweist auf die DAP-Internetseiten. Darüber hinaus gebe man keine Interna heraus, weder über den Verein noch dessen Mitglieder. „Von weiteren Anfragen oder Anrufen wollen Sie bitte Abstand nehmen“, schreibt Schönfeld in einer Mail.

Artikel von Cropp finden sich nicht auf den DAP-Seiten. Stattdessen stößt man auf seine angeblichen Berufe als selbstständiger Kaufmann und Journalist, auf eine Adresse in Potsdam, eine Handy-Nummer, eine Mail-Anschrift sowie angebliche Mitgliedschaften im Verband Deutscher Sportjournalisten und in der Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst.

Hinter einigen Namen, die sich auch auf der DAP-Seite finden, verbergen sich Journalisten der „Preußischen Allgemeinen Zeitung“ (PAZ). Das Blatt ist umstritten. Die Historiker Wolfram Wette und Peter Oliver Loew sehen in ihm ein Publikationsorgan der Neuen Rechten. Journalist Anton Maegerle schreibt der Zeitung eine Scharnierfunktion zum Rechtsextremismus zu. Eine Einschätzung, die die PAZ ausdrücklich von sich weist.

Auf Facebook gefällt Cropp das Profil von Martin van Creveld. Der israelische Militärhistoriker genießt in rechten Zirkeln hohes Ansehen. Im Juni dieses Jahres hält er einen Vortrag am Institut für Staatspolitik von Götz Kubitschek, einem der intellektuellen Köpfe der Neuen Rechten in Deutschland. Thema: „Delegitimierung des Krieges“.

Bereits 2011 kritisierte van Creveld in einem Interview mit der „Deutschen Militärzeitschrift“ den Begriff der „Political Correctness“ als „grünäugiges Monster“, das freies Denken überall dort bekämpfe, „wo es um die möglichen Unterschiede von Menschen unterschiedlicher Rassen, die Unterschiede zwischen Geschlechtern und den Zusammenhang von Gesellschaft und Biologie geht“.

Nach Ansicht des Historikers Elmar Vieregge verherrlicht die Militärzeitschrift die Waffen-SS und präsentiert jungen Rechtsextremisten ein historisches Ideal für deren eigene Lebensgestaltung.

Cropp will laut DAP-Eintrag auch Mitglied in der Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst sein, die dafür sorgt, dass veröffentlichte Fotos nachträglich vergütet werden. Doch über Cropp liegt der Gesellschaft nichts vor.

Es gebe kein Mitglied mit diesem Namen, heißt es gegenüber dem RND. Veröffentlichte Bilder und Texte lassen sich auch sonst nirgends finden. Fehlanzeige auch beim Deutschen Journalistenverband: „Der Verein DAP ist uns als Berufsverband nicht bekannt. Herr Cropp ist nicht bei uns Mitglied“, sagt ein Verbandssprecher.

Ist der angebliche Sportjournalist Marc-Ulrich Cropp identisch mit dem früheren Illkirch-Kommandeur? Wenn ja, warum legt sich ein Generalstabsoffizier der Bundeswehr eine zweite Identität zu? Warum verschweigt er, dass er Berufssoldat ist? Gehört Marc-Ulrich Cropp ebenfalls rechten Kreisen an wie angeblich auch sein früherer Stabsoffizier Franco A.?

Unter der Telefonnummer, die im DAP-Profil des angeblichen Sportjournalisten zu finden ist, meldet sich tatsächlich jemand mit dem Namen Marc-Ulrich Cropp. Seine Stimme klingt norddeutsch. Der richtige Oberstleutnant Cropp stammt aus Hamburg, hat dort Abitur gemacht.

Auf die Frage, ob er der frühere Illkirch-Kommandeur sei, antwortet der Befragte überrascht, nervös und ausweichend. Wer das wissen wolle und mit welcher Intention, fragt er. Dann holt er tief Luft und sagt: „Vielleicht bin ich ja sein Bruder.“ Weitere Fragen will er nur schriftlich beantworten. Dann legt er auf.

Die insgesamt 25 Fragen, die das RND sowohl an die beim DAP hinterlegte Mail-Adresse als auch an die des Bundeswehr-Offiziers Cropp schickt, sind bis heute unbeantwortet. Keine Erklärung dafür, warum unter dem Namen Cropp ein Foto des früheren Illkirch-Kommandeurs veröffentlicht wurde.

Keine Erklärung für die Namensgleichheit und die Angaben zu Berufen und Verbandsmitgliedschaften. Nur eines: Unmittelbar nach dem Telefonat ist Cropps DAP-Profil plötzlich gelöscht.

Ein zuvor gespeicherter Screenshot führt an einem Freitagmorgen im November zu einer Adresse in Potsdam. Was fehlt, ist eine Hausnummer. Eine Nachbarin weist den Weg. „Oberstleutnant Marc-Ulrich Cropp? Der wohnt dort hinten, gleich hinter der Abzweigung.“

Das Haus in der Neubausiedlung ist weiß gestrichen. Zwei Glasvitrinen mit Kürbissen flankieren den Eingang. Nach dem Klingeln öffnet eine Frau mit kurzem Pferdeschwanz die Tür und fragt: „Ja, bitte?“

„Ich suche Oberstleutnant Marc-Ulrich Cropp. Lebt er in diesem Haus?“

„Ja, er wohnt hier. Aber er ist nicht da. Er ist bei der Arbeit“, antwortet die Frau.

„In Brüssel?“

„Ja. Vielleicht kommt er heute noch zurück. Aber wir wollen nicht mit Ihnen sprechen.“ Dann schließt sie wortlos die Tür.

Auf RND-Nachfrage verweist das Verteidigungsministerium auf das Soldatengesetz. „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu Einzelpersonalangelegenheiten nicht äußern. Gemäß Soldatengesetz (§ 29) sind Inhalte aus Personalakten strikt vertraulich zu behandeln und dürfen ohne Einwilligung der Soldatin/des Soldaten nicht weitergegeben werden“, heißt es in der Antwort des Wehrressorts.

Der Verdacht bleibt: Warum taucht Cropps Name mit Foto auf der DAP-Seite auf? Warum lässt Cropp die Möglichkeit ungenutzt, die Merkwürdigkeiten zu erklären? Hat er etwas zu verbergen? Vielleicht eine Sympathie für rechtsnationale und völkische Ideen?

In einer Kladde von Franco A., gegen den der Bundesgerichtshof inzwischen eine Anklage wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zugelassen hat, finden Ermittler eine Notiz. Er müsse einem gewissen „Côme“ noch einen Brief schreiben, heißt es dort.

Die Fahnder rätseln, wen Franco A. mit „Côme“ gemeint haben könnte. Vielleicht seinen Kommandeur im französischen Illkirch?

Ob diese Vermutung zutrifft, kann nur Franco A. beantworten. Das RND bittet ihn um Aufklärung. Doch eine Antwort bleibt der Oberleutnant schuldig.

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