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Ariel Scharon gedenkt der Toten in der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. Das Bild stammt aus dem Mai vergangenen Jahres.

General - im Krieg wie im Frieden

Premier Ariel Scharon hat mit eigenwilligen Taten Israel geprägt, nun wird er nicht mehr in die Politik zurückkehren

Von PIERRE HEUMANN

Das ärztliche Bulletin lässt kaum Zweifel: Es steht schlecht um Ariel Scharon. Der israelische Ministerpräsident ist nach siebenstündiger Operation in ein Tiefkoma versetzt worden. Er wird bis auf weiteres künstlich beatmet. Ein Krankenhaussprecher nannte den Zustand des 77-Jährigen, der am Montagabend einen zweiten Schlaganfall erlitten hatte, "ernst, aber stabil". Auch wenn derzeit niemand eine Prognose über den Verlauf der Krankheit wagt, gilt als sicher: Ariel Scharon wird nicht in die Politik zurückkehren. Damit endet die Karriere eines umstrittenen und gleichzeitig verehrten Generals und Politikers, der sich immer wieder durch eigenwillige Taten hervorgetan hat.

Um sich den Wandel Scharons vor Augen zu führen, genügt ein Blick ins Jahr 2001: "Wie kann es dieser Scharon überhaupt wagen, als Premier zu kandidieren?", ärgerten sich damals Diplomaten in Tel Aviv. Kurz zuvor war der letzte Anlauf gescheitert, die Verhandlungen von Camp David zwischen Israelis und Palästinensern zu einem guten Ende zu bringen. Der damalige Premier Ehud Barak verlor in der Folge massiv an Popularität, und Scharon wurde mit Glanzresultat gewählt. Doch Beobachter blieben skeptisch: Sie erinnerten an den Unheil bringenden Gang Scharons auf den Tempelberg, wo er jüdische Präsenz markieren und gegen die Teilung Jerusalem demonstrieren wollte. Tags darauf brach die zweite Intifada aus. Viele beschuldigen Scharon, den blutigen Aufstand der Palästinenser mit seinem provozierenden Gang losgetreten zu haben. Scharon wurde weltweit zum Buhmann.

Fünf Jahre später ist von dieser Ablehnung nichts mehr zu spüren. Scharon wird von vielen nicht mehr als Provokation wahrgenommen, sondern als staatsmännischer Hoffnungsträger. Der Mann, der einst schwor, nie im Leben eine einzige Siedlung zu räumen, begriff im Alter, dass er etwas aufgeben müsse, um wenigstens den Kern des Siedlungsprojekts zu retten. Den Verzicht auf Gaza betrachtete er als zumutbares, verhältnismäßig kleines Opfer, zumal er damit in Washington seinen guten Willen unter Beweis stellen konnte. Aber Scharon ist ganz der General geblieben, der er stets war. "Es gibt keinen neuen Scharon", meint der Journalist und Historiker Tom Segev. Der Premier sei lediglich zur Erkenntnis gelangt, dass der Gaza-Streifen eine Front sei, die sich nicht mehr verteidigen lasse. Deshalb blies er zum Rückzug aus Gaza. Er hat keinen Versuch unternommen, mit den Palästinensern darüber zu verhandeln und Gegenleistungen zu verlangen, denn er betrachtete die Palästinenser nicht als Partner. Scharon vertraute (fast aus Prinzip) keinem Araber. Scharon war aber nie ein Ideologe, auch kein religiös verbrämter Nationalist, für den der Traum von Erez Israel wichtig war. Er dachte strategisch und taktisch - und da war er als guter Offizier stets flexibel. Als er in den achtziger Jahren den Bau von Siedlungen in der Westbank und im Gaza-Streifen zügig vorantrieb, wollte er eine Entspannung des Konflikts vermeiden, ja verhindern. "Ich dachte, es müsse unmöglich werden, eine schnelle, klare Lösung durchzusetzen, weil keine Lösung dieser Art mit der Realität übereinstimmen würde", schrieb er in der 1989 erschienen Autobiografie "Warrior".

Im Gespräch war der misstrauische Scharon ein Charmeur, witzig, lustig, zuvorkommend. Gern schwelgte er in Erinnerungen und erzählte von seinem Leben auf der Farm im Negev. Wenn "die Umstände es erlaubt hätten", diktierte Scharon einmal einem Journalisten der New York Times, "hätte ich mich vermutlich der Landwirtschaft zugewandt, statt eine Militärkarriere einzuschlagen". Er würde es vorziehen, sinnierte er weiter, dass Israel wegen seiner In-Vitro-Befruchtung bekannt wäre, und nicht für kriegerisches Verhalten. Doch bereits vor der Gründung Israels liebte der junge Ariel das Leben an der Front. Als 17-Jähriger zog er sich die erste Uniform an und machte schnell Karriere. Als hoher Offizier führte er in den 50er Jahren Kommandos an, die wegen ihrer rücksichtslosen Vergeltungsschläge gegen arabische "Infiltranten" berüchtigt waren. Im Sechs-Tage-Krieg gewann er eine der spektakulärsten Schlachten. Immer wieder machte er mit eigenwilligen, umstrittenen und waghalsigen Entscheidungen von sich reden. Gegen den ausdrücklichen Befehl seiner Kommandanten überschritt er im Jom-Kippur-Krieg den Suezkanal, was schließlich den Sieg Israels ermöglichte.

Und er war es auch, der 1982 sein Land als Verteidigungsminister ins Libanon-Abenteuer führte. Weil er dabei der Regierung falsche Tatsachen vorgespiegelt hatte, wurde er nicht nur zum Rücktritt gezwungen. Es wurde ihm auch offiziell verboten, je wieder Verteidigungsminister zu sein. Eine staatliche Kommission machte ihn zudem indirekt für die Massaker in den Beiruter Flüchtlingslagern Sabra und Shatila verantwortlich. Unter den Augen des israelischen Militärs und mit Erlaubnis Scharons waren maronitische Falangisten, eine mit Israel verbündete ultrarechte christliche Miliz, in die Flüchtlingslager eingedrungen, wo sie deren Bewohner systematisch umbrachten. Scharons Ruf bei der Linken und im Ausland war dahin. Nur innerhalb des Likud war der Hardliner politisch noch tragbar. Paradoxerweise war in Gaza gerade dieses alte Renommee des Haudegens gefragt, um die Siedlungen dort zu räumen.

Dabei übertraf Scharon nicht nur Charles de Gaulle, sondern auch Yitzhak Rabin. De Gaulle holte aus Algerien lediglich Soldaten, aber keine Zivilisten nach Hause zurück. Scharon aber zwang 8000 Bürger zur Rückkehr, die Gaza als ihre Heimat betrachtet hatten. Und dann zerstörte er deren Siedlungen. Scharons Politik war auch mutiger als jene von Rabin, der keine einzige Siedlung geräumt hat. Er reichte wohl die Hand zur Gründung der Palästinensischen Autonomiebehörde, deren Vorsitzender Yassir Arafat wurde. Aber ob es seiner Meinung nach je einen Staat Palästina geben müsse, dazu hat sich Rabin nie öffentlich geäußert - zum Teil wohl auch aus Angst vor der Reaktion Scharons, seines damaligen politischen Gegners. Scharon wäre ihm brutal über den Mund gefahren. Mit der lautstarken Unterstützung von Rabbinern brandmarkte er Rabin wegen des Friedensvertrages von Oslo als Verräter. Ein Attentat auf Rabin beendete dann das Streben nach Frieden.

Scharon, der sich am Kesseltreiben gegen Rabin beteiligt hatte, leitete ab 2004 nicht nur jene Schritte ein, die er zuvor so vehement abgelehnt hatte. Er gab Gebiete auf, ohne dafür eine Gegenleistung zu erhalten. Rabins Konzept "Gebiete im Austausch für Frieden" lehnte Scharon ab. Er glaubte nicht an Kooperation mit den Palästinensern. Er hat nur einen Wunsch: Von ihnen in Ruhe gelassen zu werden. Der Sicherheitszaun ist so gesehen nicht nur Wall gegen eindringende Terroristen, sondern auch Symbol für die angestrebte Abtrennung. Im Gegensatz zu Schimon Peres, der vom "Neuen Nahen Osten" schwärmte, in dem Israelis und Araber friedlich miteinander kooperieren, Handel treiben und sich gegenseitig an Investitionsprojekten beteiligen, ist Scharons Blick vor allem nach Westen gerichtet, nach Brüssel, Berlin, Paris und Washington. Ramallah, Gaza oder Kairo interessieren ihn weniger.

Scharon strebte keinen Frieden, sondern ein Management des Konflikts an. Mehr sei derzeit nicht drin, behauptete er immer wieder. Solange die Araber den historischen Anspruch der Juden auf die Heimat in Israel nicht anerkennen würden, sei an richtigen Frieden nicht zu denken.

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