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Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) testet mit Crashtest-Dummys und fordert Anpassungen für Frauen und kleinere Fahrer.
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Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) testet mit Crashtest-Dummys und fordert Anpassungen für Frauen und kleinere Fahrer.

Entgegen Forschungen von ADAC und UDV

„Gendern“ im Straßenverkehr: Konservative wettern gegen „weibliche“ Crashtest-Dummys

  • VonMirko Schmid
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Crashtest-Dummys sind an die männliche Anatomie angepasst. Das kann für Frauen lebensgefährlich sein. Auf die Anregung, das zu ändern, reagieren Konservative gereizt.

Frankfurt – Katharina Fegebank ist Gleichstellungssenatorin der Hansestadt Hamburg und Mitglied der Grünen. Die Politikerin stieß nun eine schon länger leise köchelnde Debatte an – den Umstand, dass Crashtest-Dummys zur Erprobung von Nackenstützen, Seitenairbags und Gaspedalen auf den sogenannten 50-Perzentil-Mann angepasst sind. Die Anatomie der durchschnittlichen Frau hingegen spielt in der Erforschung von Unfallfolgen in der Kfz-Entwicklung und -Herstellung kaum eine Rolle.

Dies kann im schlimmsten Fall zu tödlichen Folgen für Frauen führen, die im Gegensatz zum 1,75 Meter großen und 78 Kilogramm schweren 50-Perzentil-Mann über einer Anatomie verfügen, die nicht im Bereich der statistischen Mitte europäischer Männer einpendelt. Frauen nämlich, so belegen es alle einschlägigen Statistiken, erleiden bei Unfällen häufiger schwere oder gar tödliche Verletzungen als Männer.

Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) stellte bereits vor Jahren fest, dass viele Frauen und kleinere Menschen beispielsweise den Fahrersitz im Auto weit nach vorn schieben müssen, um Gas-, Brems- und Kupplungspedal zu erreichen. Diese Verlagerung in den äußersten, vorderen Bereich der Fahrerkabine trägt unmittelbar zu einer größeren Gefährdung im Fall eines Unfalls bei. Kurzum: Da Autos an Männer angepasst werden, wird die höhere Gefährdungslage für Frauen schlichtweg eingepreist.

ADAC und UDV bestätigen höhere Verletzungsgefahr für Frauen durch auf Männer genormte Pkw

Bereits 2019 plädierte der Leiter der Unfallforschung der deutschen Versicherungen, Siegfried Brockmann, für eine deutlich verbesserte Ergonomie in den Fahrzeugen, welche zum Schutz kleinerer Autofahrerinnen und Autofahrer beitragen könnte. Unter anderem verstellbare Pedale und Lenkräder sowie für spezielle Knie-Airbags als Aufpralldämpfer regte Brockmann an. Und doch dient der 1,75 Meter große und 78 Kilogramm schwere 50-Perzentil-Mann weiter als Standard.

Dabei werden unter anderem Crashtests der UDV ignoriert, wonach die durchschnittliche Sitzposition kleinerer Fahrer-Dummies zu deutlich höheren Belastungswerten an den Oberschenkeln führt, als sie der 50-Perzentil-Mann erdulden muss. Auch der ADAC bestätigte infolge einschlägiger Tests, dass für Menschen mit einer deutlich vom Durchschnittsmann abweichenden Anatomie einem „deutlich höheren Verletzungsrisiko“ ausgesetzt seien. Betroffen, so der ADAC, seien Füße, Oberschenkel, Knie, Becken sowie der Brustbereich. Frauen müssen demnach ein um 30 Prozent höheres Risiko lebensbedrohlicher Brustverletzungen bei Unfällen erdulden, als Männer mit „Normalstatur“.

Der UDV konnte gar nachweisen, dass „frauengerechte“ PKW mit entsprechend angeordneten Pedalen, welche eine mittlere Sitzposition zum Lenkrad möglich machen, einen größeren Abstand zum Armaturenbrett ermöglichen würden. Dies würde laut UDV die Belastungswerte für die Extremitäten von Frauen und kleineren Menschen um rund das Fünffache senken.

Grüne Katharina Fegebank regt Verbesserungen für Frauen an, Bild-Zeitung reagiert mit Spott

Die Fakten liegen auf dem Tisch, Fegebanks Diskussionsanstoß reproduziert also Forschungsergebnisse bedeutender Forscher und Automobilclubs. Und doch: Konservative nehmen Fegebanks Initiative zum Anlass, Stimmung gegen die Grüne zu machen. Und Stimmung gegen Pkw, die besser an die Bedürfnisse von Frauen und kleineren Menschen angepasst sein könnten. Die Bild-Zeitung etwa titelte: „Vize-Bürgermeisterin will Crashtest-Dummys gendern“.  In einem Bild-Kommentar von Markus Arndt heißt es: „Wenn es nach Gleichstellungssenatorin Katharina Fegebank (44, Grüne) geht, sind Frauen offenbar zu dumm und ungeschickt, um einen Autositz einzustellen, oder den Gurt.“

Arndt lässt somit alle einschlägigen Forschungsergebnisse und die wissenschaftlich bestätigte höhere Gefährdung von Frauen außen vor und macht Fegebank einen Vorwurf, der durch kein Zitat der Politikerin gedeckt ist. Weiter heißt es: „Mobilität ist für alle da. Sie muss nicht ‚gendergerecht‘ gemacht werden, weil sie es längst ist.“ Auch hier kein Wort über die Forschungsergebnisse von UDV und ADAC, welche das Gegenteil nahelegen.

Bild-Mann Markus Arndt schließt mit: „Alles andere ist links-grüne Propaganda, oder noch schlimmer: purer Unfug.“ Dabei handelt es sich bei Fegebanks Anregung schlicht um eine Reproduktion valider Forschungsergebnisse, mithin dem Gegenteil von „Propaganda“ oder „Unfug“.

Stellvertetender CSU-Generalsekretär reagiert mit Sarkasmus auf „Gendern“ im Straßenverkehr

Dessen ungeachtet verbreiten konservative Politiker die Bild-Zeilen. Florian Hahn etwa, Bundestagsabgeordneter und stellvertretender Generalsekretär der CSU, teilt die Bild-Nachricht per Twitter und schreibt sarkastisch: „Endlich mal die wichtigen Dinge anpacken“ – dahinter ein „Facepalm“-Emoji.

Ihm antwortet die Twitter-Nutzerin Bettina Gunners: „Wissenschaftsfeindlichkeit, Misogynie, Inkompetenz und Populismus. Das scheinen so die Werte bei den spießig-konservativen Verliererparteien am rechten Rand zu sein. Niemand will euch. Niemand braucht euch. Gut, dass ihr entmachtet seid.“ (Mirko Schmid)

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