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Googles Image in Genderfragen lässt sich so nicht verbessern.

Gender Pay Gap

Google und die angebliche Lohnlücke seiner Ingenieure

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Kritiker bezweifeln die Zahlen des Konzerns, nach denen männliche Angestellte schlechter bezahlt werden als ihre Kolleginnen.

Wenn es im Silicon Valley ein Problem gibt, dann tut das Silicon Valley in der Regel das, was es glaubt, am besten zu können: Es erhebt Daten, analysiert und schafft Algorithmen.

So ist es auch bei Google geschehen, nachdem die Firma in den vergangenen Jahren immer stärker unter Beschuss geriet, weil sie, mehr noch als andere Tech-Firmen, die Geschlechter ungleich behandelt. Erst im vergangenen Jahre reichten Angestellte und ehemalige Angestellte eine Klage gegen Google ein. Das US-Arbeitsministerium stellt derzeit eine unabhängige Untersuchung an, ob bei Google systematisch diskriminiert wird.

Googles interne Daten ergaben allerdings, wie das Unternehmen just bekanntgab, ein ganz anderes Bild. Gemäß den Zahlen des vergangenen Jahres, so stellte es der Konzern jedenfalls dar, sind es die Männer, die bei der Bezahlung benachteiligt werden und nicht die Frauen. Folglich beschloss man, 2019 den Google-Männern 9,7 Millionen Dollar mehr an Gehältern zu zahlen als ursprünglich geplant war.

Google zeigte sich von seien eigenen Untersuchungsergebnissen überrascht. Das sei „ein Trend, den man nicht erwartet hatte“, hieß es. Gerade deshalb wollte man damit nicht hinter dem Berg halten. Schließlich scheinen die Zahlen zu belegen, dass die Firma die Kritik der vergangenen Jahre erhört hat und nicht nur die notwendigen Änderungen vorgenommen hat, sondern sogar mehr tut als nötig. Das Echo auf diese scheinbar guten Nachrichten war allerdings nicht ganz so, wie Google sich das erhofft hatte. Seriöse Publikationen wie die „New York Times“ und das Magazin „Wired“ zweifelten prompt die Statistiken und ihre Aussagekraft massiv an.

Der interne Algorithmus hatte die Bezahlung auf der jeweiligen Hierarchieebene der Firma zwischen den Geschlechtern verglichen. Im Fall von Ingenieuren des sogenannten Level 4 hatten demzufolge die Frauen besser verdient als die Männer.

Was der interne Blog jedoch im Unklaren ließ, war, dass sich die Zahlen nicht auf die tatsächlichen Gehälter des Jahres 2018 bezogen, sondern auf die voraussichtlichen Zahlungen im Jahr 2019 – darin eingerechnet geplante Änderungen in der Unternehmenspolitik zugunsten von Frauen.

Google-Mitarbeiterinnen wurden niedriger eingestuft als Männer

Die Statistik dient demnach also eigentlich nur als Rückendeckung dafür, die geplanten Änderungen zugunsten von Frauen, erst gar nicht vorzunehmen. Zudem, so bemängeln die Skeptiker, gingen die Rechnungen am Kern des Problems völlig vorbei. So richtet sich die Sammelklage der Google-Mitarbeiterinnen dagegen, dass sie bei gleicher oder sogar besserer Qualifikation von Anfang an niedriger eingestuft wurden als die Männer.

Kelly Ellis etwa, die sich dieser Klage angeschlossen hat, sagte aus, dass sie 2010 als Ingenieurin der Stufe 3 eingestellt worden sei. Männliche Kollegen werden unmittelbar nach der Hochschule auf Stufe 3 beschäftigt; Ellis hingegen hatte bereits vier Jahre Berufserfahrung als sie den Job bekam. Und einige der jüngeren frisch eingestellten Männer wurden direkt auf Stufe 4 gehoben.

Die für 2019 beabsichtigte Angleichung hätte an dieser Praxis nichts geändert. Nun fällt sie sogar ganz aus. Die Erhöhung der Zahlungen an die Männer auf der Stufe 4 um 9,7 Millionen Dollar übersteigt zudem um ein Vielfaches die Angleichung, die Google nach dem Report des Jahres 2017 vorgenommen hatte. Damals wurden die Gehälter von 228 Frauen um insgesamt 270 000 Dollar nach oben korrigiert. Eine Tatsache, die man damals stolz publizierte.

Lesen Sie dazu auch: „Der Fortschritt ist eine Schnecke“ - Interview mit einer Genderforscherin

Googles Image in Genderfragen lässt sich so nicht verbessern. Erst in der vergangenen Woche wurde während eines Gerichtsverfahrens bekannt, dass Google dem Topmanager Amit Singhal eine Abfindung von 35 Millionen Dollar gezahlt hatte, nachdem er wegen Vorwürfen sexueller Belästigung seine Stelle hatte räumen müssen. Das wurde ebenso wie ein ähnlicher Vorgang rund um den Firmenmitbegründer Andy Rubin geheim gehalten, solange es ging.

Um die Öffentlichkeit von einem wirklichen Wandel der Firmenkultur zu überzeugen, müsste Google nach Ansicht der Kritiker deutlich mehr tun. „Das Gehalt von 8000 Männern anzuheben, ist nicht das richtige Signal“, sagt der Anwalt Jim Finberg, der die weiblichen Angestellten in der Sammelklage gegen Google vertritt. „Es wird Zeit, wirklich etwas zu tun.“

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