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Many birds in silhouette against a orange background perching on a single cable/wire with a single bird away by itself.
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Many birds in silhouette against a orange background perching on a single cable/wire with a single bird away by itself.

Der Utopische Raum

„Gemeinschaft der Ungewählten“ von Sabine Hark: „Wer ist das eigentlich, dieses Wir?“

Der Mensch ist ein soziales Wesen und jeder hat das Recht, in einer Gemeinschaft zu leben. Soweit die Theorie. Tatsächlich wird dieses Recht vielen bewusst verwehrt. Ein Buchauszug von Sabine Hark

Im August 2018 ziehen Neonazis und rechte Hooligans durch die Straßen von Chemnitz und machen gleichermaßen Jagd auf Personen, die als nicht-deutsch wahrgenommen werden, wie auf Journalist_innen und Gegendemonstrant_innen. Es gelingt ihnen, mitten in Deutschland einen rassistischen Ausnahmezustand zu etablieren. Leib und Leben von in Chemnitz lebenden geflüchteten Personen und Migrant_innen sind durch den Staat nicht mehr geschützt. (…)

Vor der Gefahr, dass Zorn zur Quelle der Politik, dass mit Zorn Politik gemacht wird, dass Angst vor und Wut auf „verachtete Minderheiten“, von denen „es jetzt das Land zu säubern“ gelte, stimuliert und Ressentiment zum wesentlichen Kitt gesellschaftlichen Zusammenhalts werde, hatte der Ökonom Lester Thurow schon Mitte der 1990er Jahre gewarnt. Diese Warnung ist seitdem kontinuierlich wiederholt und mindestens genauso oft überhört worden. Die Kölner Silvesternacht 2015/16 erwies sich in diesem Zusammenhang als Tipping-Point und ließ sie ein weiteres Mal laut werden: jene Stimmen, die schon wenige Monate zuvor, im kurzen Sommer des Willkommens 2015, die greifbar gewordene Kultur der Gastfreundschaft verunglimpft und aktiv bekämpft hatten und die auch nun wieder eine vermeintliche „Migrationskrise“ sowie den bevorstehenden Kollaps Europas beschwörten.

Die Erzählung unserer Gesellschaft schließt viele aus: „Gemeinschaft der Ungewählten“ von Sabine Hark

Sabine Hark ist Professorin für Gender Studies. Sie leitet das Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der TU Berlin.

Es sind diese Stimmen, angetrieben von einem „heiligen“ Zorn und der gefühligen Überzeugung moralischer Überlegenheit, die das Ende Europas herbeireden und die die Angst vor „Überfremdung“, unüberbrückbarer Differenz und „Andersartigkeit“ schüren. Die ihre Vision der Abschottung, Exklusion, Trennung und der Verweigerung von Gemeinschaft mit anderen als erstrebenswert darstellen, sie gar wirklich werden lassen wollen. Es ist die dystopische Vision einer zweigeteilten Welt von Gewählten und Ungewählten, der sie sich verschrieben haben und die unser aller Zukunft sein soll. Eine „saubere, gesunde und sichtbare Welt“ auf der einen Seite, eine „Welt der Übriggebliebenen, zurückgelassen im Dunkeln, in der Unsichtbarkeit und Krankheit“ auf der anderen, wie es der Anthropologe Michel Agier mit Blick auf die weltweite Internierung von Migrant_innen und Geflüchteten formuliert.

Denn so sehr wir sie brauchen, wir uns bisweilen nach ihr sehnen mögen, ist Gemeinschaft zugleich ein vielfach kontaminiertes, ein schwieriges, vielleicht sogar korrumpiertes Konzept. 

Sabine Hark

Ebenjene Dystopie, die Vision einer zweigeteilten Welt Gewählter und Ungewählter, macht jene Ereignisse des Sommers 2018 – die Weigerung Europas, die Geflüchteten willkommen zu heißen, einerseits, die Wiederkehr einer völkischen, zutiefst rassistischen Idee von Gemeinschaft in Chemnitz andererseits – nicht nur zu Sinnbildern des andrängenden Wirklichen, es macht sie auch zu theoretisch relevanten Ereignissen. Sie veranschaulichen… erstens, dass in Gemeinschaft leben kein universell geltendes Recht ist, dessen Status geklärt ist und das vorbehaltlos jeder und jedem zukommt. Sie veranschaulichen zweitens aber auch, dass es kein Recht ist, auf dem wir umstandslos bestehen können, weil Gemeinschaft ambivalent ist. Denn so sehr wir sie brauchen, wir uns bisweilen nach ihr sehnen mögen, ist Gemeinschaft zugleich ein vielfach kontaminiertes, ein schwieriges, vielleicht sogar korrumpiertes Konzept. Eine Idee und Praxis, der vielleicht gerade in Deutschland, mit der Erfahrung der im und durch den Nationalsozialismus entfesselten faschistischen Gewalt, mit Argwohn begegnet wird und auch weiterhin begegnet werden sollte.

Der Utopische Raum

Was bedeutet Erinnern in einer globalisierten Welt? Wie können wir bei uns Geschichte erzählen, ohne in koloniale Denkmuster zu verfallen? Wie können sich die Erinnerungskulturen unterschiedlicher Gesellschaften verbinden? Über diese Fragen gibt es heftige Debatten, etwa wenn es um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Nationalsozialismus und Kolonialverbrechen geht.

Mit Vorträgen und Diskussionen will die Initiative „Der utopische Raum“ am kommenden Wochenende die Diskussion versachlichen und vertiefen. „Kritik der kolonialen Denkungsart – auf dem Weg zu einem transkulturellen Bewusstsein“ lautet der Titel der Veranstaltung mit zahlreichen digitalen Podien zu unterschiedlichen Aspekten des Themas.

Zum Auftakt am Samstag, 18.9. um 15 Uhr spricht die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann über das Thema „Die Gefahr einer einzigen Geschichte“. Es folgen Podien zur Erinnerungspolitik aus migrantischer, jüdischer und afrikanischer Perspektive, zur Beschäftigung mit Kolonialismus und Dekolonisierung in Wissenschaft und Zivilgesellschaft und vieles mehr. Zum Abschluss am Sonntag Vormittag, gibt es unter anderem ein Gespräch zwischen den beiden Autorinnen dieser Seite, Sidonia Blättler und Sabine Hark.

Für eine persönliche Teilnahme sind noch wenige Restplätze frei. Anmeldung unter info@medico.de Die Reihe „Der utopische Raum“, deren drittes Jahresprogramm mit dem Wochenende eröffnet wird, ist eine Kooperation der Stiftung Medico international, des Instituts für Sozialforschung und der Frankfurter Rundschau. Nähere Informationen und Livestream unter www.stiftung-medico.de/ur FR

Die Neuerfindung von Gemeinschaftlichkeit, die Suche nach einer neuen Sprache des Gemeinsamen, jenes Protokoll einer wahrhaft demokratischen Welt ist daher auch vor dem Hintergrund dieser Gewaltgeschichte ein ebenso dringliches wie komplexes Anliegen der Gegenwart. Worum es dabei gehen muss, ist einigermaßen klar. Nämlich imperial grundierte Dominanzkultur zu verlernen und Formen des Zusammenlebens entstehen zu lassen, die Herrschaft aktiv entsagen. (…)

Es braucht mehr, als dass wir uns unserer wechselseitigen Pflichten und Rechte aneinander erinnern und uns auf als zivil geltende Standards einigen, um ein radikal egalitär gestaltetes Zusammenleben wirklich werden zu lassen. (…) Privilegien nicht einzulösen, eine „imperiale Lebensweise“ zu verlernen, aktiv Nein zu einer über Jahrhunderte geformten Sozialisierung durch Dominanzkultur zu sagen, verlangt etwas anderes, als sich aus einer Position ebenfalls über Jahrhunderte geformter Enteignung heraus als politische Bürger_in neu zu entwerfen.

„Gemeinschaft der Ungewählten“ von Sabine Hark: Es braucht eine neue Vision von Bürger_innenschaft

Wenn die liberale Demokratie, wie die Historikerin Hedwig Richter argumentiert, im Wesentlichen ein Projekt des 19. Jahrhunderts und der neu entstehenden bürgerlichen Elite war, eine Weise des Zusammenlebens und Sichregierens also, die von weißen, cis-männlichen, heterosexuell lebenden und mit dem Recht auf Eigentum ausgestatteten Bürgern erdacht und ins Werk gesetzt wurde, braucht es im 21. Jahrhundert für die Demokratie des kosmopolitischen Zeitalters, für eine Demokratie der Vielen, dringend eine neue Vision von Bürger_innenschaft. Eine bürgerliche Revolution 2.0 wird nicht ausreichen, sie kann nicht einfach in die Zukunft hinein verlängert und dort vollendet werden – weil sie von Anfang an nicht universal gedacht, weil sie eine bürgerliche Revolution war: Eine „Geschichte der Sieger, der besitzenden Manner“, schreibt die politische Theoretikerin Isabell Lorey.

Ein dringliches Anliegen ist die Suche nach einer neuen Sprache des Gemeinsamen aber noch aus einem weiteren Grund. Stetig verblasst die Erfahrung, mit anderen in Gemeinschaft zu leben, mehr, franst das Recht auf Gemeinschaft aus und wird fragiler. Beständig wächst weltweit die Zahl derer, denen es vorenthalten ist, sind allzu viele verwiesen in ein Leben auf der Flucht oder in Haft, relegiert in ein Dasein an den Rändern, in einen Körper, der nicht der ihre ist, in die prekären Übergangszonen der Lager auf griechischen Inseln, an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, in der Wüste Libyens, in all den ungezählten Flüchtlingslagern der Welt, dort, wo internationale humanitäre Hilfe und polizeiförmig organisierte Versicherheitlichung oft ununterscheidbar ineinandergreifen. Abgeschoben in ein von Rassismus und Sexismus, von Homo-, Trans- und Cripfeindlichkeit getränktes, Physis und Psyche der Menschen beschädigendes Leben; ein Leben in Subalternität und Überflüssigkeit, Prekarität und Unhörbarkeit.

Gemeinschaft der Ungewählten. Umrisse eines politischen Ethos der Kohabitation. Suhrkamp, 271 Seiten, 15 Euro.

Wohl niemals zuvor in der Geschichte war die Zahl derjenigen, die um ihren „Standort in der Welt“ gebracht worden sind, um eine Formulierung Hannah Arendts aus ihren Ausführungen zu den „Aporien der Menschenrechte“ aufzugreifen, größer als heute. (…) Den Spuren dieses über viele Jahrhunderte hinweg ausgebildeten, gewaltförmigen Verlustes zu folgen und ihn zu unserem Commons zu machen, zu dem, was uns gemeinsam ist und was uns etwas angeht, ist die dringliche Aufgabe kritischer Theorie, heute vielleicht mehr denn je.

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