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Lalibela in Äthiopien: Wo Bäume fehlen, trägt der Wind fruchtbaren Boden ab. Gegen dieses Problem sollen viele neue Bäume helfen, die nun ausgepflanzt werden.

Umwelt

Gemeinsam, aber anders

Ein Plädoyer für die Berücksichtigung sozialer und kultureller Unterschiede im Umgang mit dem Klimawandel.

Der heute weltweit verbreitete naturwissenschaftliche Wissenskanon beinhaltet inzwischen eine Vielzahl „herausfordernder“ Beobachtungen: Innerhalb weniger Dekaden hat demnach der Einfluss des Menschen auf seine natürliche Umwelt exponenziell zugenommen. Während sich die Weltbevölkerung im 20. Jahrhundert vervierfacht hat, stiegen die industrielle Massenproduktion und der Konsum von Industriegütern um das 40-fache. Die Aussterberate von Pflanzen und Tieren hat eine Geschwindigkeit erreicht, die mit dem großen Massensterben der Dinosaurier gleichgesetzt wird. 

Eine Umweltveränderung, die alle anderen Wandlungsprozesse von der lokalen bis zur globalen Ebene beeinflusst, ist der vom Menschen verursachte Klimawandel. Das Verbrennen fossiler Rohstoffe, großflächige Entwaldung und intensive Landwirtschaft haben die Konzentration der Treibhausgase Kohlendioxid, Methan und Lachgas in der Atmosphäre seit den 1950er-Jahren verdreißigfacht und einen Wert erreicht, wie er innerhalb der letzten 800 000 Jahre nicht vorlag. Naturwissenschaftler haben diese grundlegenden und wichtigen Erkenntnisse nach allen Regeln ihrer Fächer systematisch zusammengetragen. Es fällt allerdings auf, dass dieses Wissen sehr unterschiedlich gedeutet wird und sehr unterschiedliche Resonanzen erfährt. 

Weltweit zeigen sich bis heute große Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Umgang mit dem Klimawandel. Es entstehen sehr unterschiedliche Aufmerksamkeiten, sehr verschiedene Vorstellungen über Bedrohungen und Chancen, und schließlich streiten sich Akteure mitunter über die Notwendigkeit verschiedener Maßnahmen und Strategien. Kollektive Anstrengungen scheitern damit häufig nicht an den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Möglichkeiten, sondern vielmehr an sozialen und kulturellen Differenzen zwischen Akteuren. Es sind dabei vielfach bereits existierende geteilte Wissensbestände, Interessen und Ideen, die dem naturwissenschaftlichen Wissen entgegenstehen. 

Aus dieser Perspektive ist es kaum überraschend, dass Lösungsansätze zum Klimawandel regelmäßig an ihre (welt-)gesellschaftlichen Grenzen stoßen. Überraschend ist vielmehr, dass sich viele immer noch darüber wundern. Wer Lösungen umsetzen will, muss diese Grenzen systematischer in den Blick nehmen. Maßnahmen zum Klimawandel müssen systematisch – kulturgerecht – gestaltet werden. 

Verschiedene Prioritäten 

An dieser Stelle setzen sozial- und kulturwissenschaftliche Untersuchungen zum Klimawandel an. Wir erforschen jene „zones of cultural friction“ im Umgang mit dem Klimawandel. Wieso reagieren Gesellschaften so träge? Wieso ist Wissen und Handeln oftmals entkoppelt? Warum fällt es so schwer, gemeinsame Lösungen zu finden? Müssen überhaupt gemeinsame Lösungen gefunden werden, um erfolgreich zu sein? Welche Governance-Strukturen sind jeweils angemessen? Hier sind noch viele Fragen unbeantwortet. 

Je nach Lebenswelt wird der globale Klimawandel nicht nur lokal unterschiedlich wahrgenommen, sondern auch mit verschiedenen Prioritäten versehen. Es zeigt sich, dass unterschiedliche bestehende, geteilte Wissensbestände und Routinen dazu führen, dass auch Klimawissen und Praktiken schließlich „variabel“ werden. Akteure, die vermeintliche Lösungen zum Klimawandel präsentieren, seien es Lösungen zum Klimaschutz oder zur Anpassung an Veränderungen, werden auf größere Akzeptanz stoßen, wenn sie diese Unterschiede berücksichtigen. Klimaschutz und -anpassung können nur greifen, wenn historisch gewachsene, sozialkulturell verankerte Klimakulturen berücksichtigt werden. Inzwischen liegen zahlreiche sozial- und kulturwissenschaftliche Erkenntnisse dazu vor. Lasst uns diese nutzen und Brücken bauen.

Von Christian Reichel und Thorsten Heimann

Elemente dieses Textes basieren auf Christian Reichels Buch: „Mensch-Umwelt-Klimawandel. Trans-lokales Wissen und Resilienz im Schweizer Hochgebirge“. Es erscheint im Herbst im Transcript Verlag. Thorsten Heimanns Ideen können vertiefend in „Klimakulturen und Raum. Umgangsweisen mit Klimawandel an europäischen Küsten“, Springer VS, nachgelesen werden.

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