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IS

Gelehrtenstreit über IS-Ideologie

  • Julia Gerlach
    VonJulia Gerlach
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Islam-Wissenschaftler diskutieren über den richtigen Umgang mit radikalen Ideen.

Der Eroberungszug der radikalen Kämpfer des sogenannten Islamischen Staats IS hat die islamische Welt bis ins Innerste erschüttert. Das gilt auch für die islamischen Gelehrten und ihre Überzeugungen. Wie islamisch ist IS und was bedeutet ihr Siegeszug für den normalen Gläubigen und seine Überzeugungen? So die Streitfrage. Ausgetragen wird die Auseinandersetzung über die richtige Antwort auf die Herausforderung IS in den Feuilletons der arabischen Medien, bei Konferenzen und auf den Fluren der Religionsfakultäten der großen Universitäten.

Auf der einen Seite steht die Fraktion, die mit vielen Argumenten belegen kann, dass die Ideologen des IS vom Islam und seinen Lehren abgewichen sind. Man könnte sie als „Islam-Verteidiger“ bezeichnen. Zu dieser Fraktion gehören die Mehrheit der Gelehrten und auch die Vertreter der ehrwürdigen Al-Azhar-Universität in Kairo, die kürzlich eine Konferenz zum Thema „Kampf gegen den Terror“ veranstalteten. Der Islam stehe für Frieden und nicht für Gewalt. „Es gibt dazu zentrale Stellen im Koran, wie beispielsweise die Sure: Wer einen Menschen tötet, der sündigt, als würde er die ganze Welt töten“, so Abdel Rady Radwan, Professor für islamische Philosophie an der Kairo Universität. Die Ideologen des IS bezögen sich nicht auf den Islam, sondern auf abweichlerische Interpretationen der Religion. Nur mit militärischer Gewalt sei diesen Auswüchsen beizukommen.

Um den Einfluss unter jungen Muslimen beizukommen, fordern Vertreter dieses Lagers zudem, den aus ihrer Sicht falschen Ideen des IS religiös etwas entgegenzusetzen. So hat der bekannte TV-Prediger und Azhar-Gelehrte Ahmed Krima ein Jugendzentrum ins Leben gerufen, in dem junge Muslime mit Diskussionsveranstaltungen von den IS-Ideen abgebracht werden sollen.

„Das größte Problem ist, dass die Jugendlichen in diesem Teil der Welt weder in der Schule noch in der Moschee die Gelegenheit bekommen, über die Religion zu diskutieren und sich mit ihren Inhalten auseinanderzusetzen“, sagt er. In Kombination mit dem Gefühl, sozial benachteiligt zu sein und keine Chance auf eine gute Zukunft zu haben, mache dies die Jugend anfällig für die radikalen Parolen der IS-Ideologen. „Die Ideen des IS sind eine falsche Interpretation des Islam“, sagt er. Diese gelte es in den Köpfen der Muslime zu berichtigen.

Die Vertreter der anderen Fraktion, die man als Reform-Fraktion bezeichnen könnte, lehnen diesen Ansatz ab. „Man kann leider nicht sagen, dass IS den Islam falsch interpretiert. Sie beziehen sich in allem, was sie sagen, auf islamische Quellen. Wenn man ihnen sagt, dass sie den Islam verlassen haben, dann lachen sie nur“, so Ahmed Said al Masry vom Kairoer „Institut für strategische Studien und Entwicklung“. Gerade was die Rolle der Frau angehe und sogar im Hinblick auf die kürzlich veröffentlichte Anweisung an IS-Kämpfer, gefangene Frauen anderer Religionen zu vergewaltigen und wie Vieh zu behandeln, könnten sie sich durchaus auf islamische Quellen beziehen. „Das ist für Muslime eine große Herausforderung. Wir müssen uns damit auseinandersetzen!“, sagt er. Assem Hefny, der an der Universität Marburg Islamwissenschaften lehrt, geht noch einen Schritt weiter. Er wirft den „Islam-Verteidigern“ vor, ebenso selektiv vorzugehen wie die IS-Ideologen. Während die einen nur die Stellen lesen würden, die ihr brutales Vorgehen rechtfertigen, würden die anderen nur die Passagen gelten lassen, in denen vom Frieden die Rede ist.

„Wir brauchen eine kritische Auseinandersetzung. Es müssen neue Bedingungen und Regeln formuliert werden, wie die islamischen Texte zu lesen und zu interpretieren sind. Dies setzt einen Konsens unter den wichtigsten Gelehrten voraus. Wir brauchen eine Einigung darüber, wie wir in Zukunft leben wollen,“ sagt er. So könne aus der Katastrophe, den der IS-Siegeszug für die Region darstellt, der Anfang einer dringend notwendigen Reform des Islams werden. Allerdings, so räumt er selbst ein, stehen die Chancen dafür derzeit nicht gut: Es dominieren die Kriegsparolen und in solchen Zeiten bleibt für grundlegende Diskussionen wenig Raum.

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