Geld oder Leben

Russische Soldaten machen gezielt Jagd auf tschetschenische Männer - Beute für ein makabres Geschäft

Von Florian Hassel (Karabulak)

Seit sechs Wochen zieht Ismail Abubakarow immer wieder ein abgegriffenes schwarzweißes Passfoto aus dem Portemonnaie: Es zeigt seinen Sohn Adam, einen 16-Jährigen mit dunkelblonden Haaren und melancholischen Augen. "Ich bete jeden Tag zu Allah, daß er mir meinen Jungen lebend wiedergibt", sagt Abubakarow, ein 50 Jahre alter Mann mit langen Koteletten und einer klobigen Kunststoffbrille sowjetischer Produktion im schmalen Gesicht.

Zwei Monate ist es her, dass russische Soldaten Adam Abubakarow und zehn andere junge Tschetschenen verhaftet haben. Seitdem betreiben die Soldaten und ihre Mittelsmänner mit den Abubakarows und den Eltern der anderen Festgenommenen ein ebenso makaberes wie einträgliches Geschäft: Tausende Dollar gegen das Leben und die Freiheit ihrer Söhne. Wer den Sohn oder Mann lebend wiedersieht, gehört zu den Glücklichen; andere Tschetschenen verschwinden spurlos oder werden von den russischen Besatzern ermordet, berichteten Flüchtlinge der FR. Ismail Abubakarow brachte seine Frau Chawa, die beiden Söhne und seine Tochter bereits Anfang Oktober aus der von der russischen Luftwaffe bombardierten Hauptstadt Grosnij in die Nachbarrepublik Inguschetien in Sicherheit. In den ersten Januartagen fuhr Adam Abubakarow zurück nach Tschetschenien. Bei seiner geliebten Großmutter im Dorf Germentschuk südöstlich von Grosnij verbrachte er den Fastenmonat Ramadan.

Am 22. Februar verabschiedete sich der Enkel von der Großmutter und machte sich auf den Weg zu seinen Eltern. Als Adam einen russischen Kontrollposten bei der Stadt Urus-Martan erreichte, zeigte er den Soldaten seinen Flüchtlingsausweis: Dieser bestätigte, dass Adam seit Mitte Oktober als Flüchtling in Inguschetien registriert war. Die Soldaten verhafteten ihn und zehn andere junge Tschetschenen trotzdem und brachten sie in ein Lager bei Urus-Martan, von den Russen euphemistisch "Filtrationslager" genannt.

Zwei Tage später erfuhren die Abubakarows durch andere Flüchtlinge von der Festnahme ihres Sohns. Mutter Chawa, die als Frau am wenigsten fürchten musste, beim Weg durch die russischen Kontrollposten ihrerseits verhaftet zu werden, fuhr nach Urus-Martan. Tschetschenische Polizisten der Moskau-nahen Miliz des Tschetschenenführers Bislan Gantemirow bestätigten, ihr Sohn sitze in dem Lager, und boten sich als Unterhändler mit den russischen Soldaten an - ein übliches Verfahren, mit dessen Hilfe die russischen Einheiten ihre Identifizierung zu verhindern suchen. Die elf Gefangenen würden nur zusammen freigelassen, erklärten die Gantemirow-Polizisten. Der Preis: 6000 Dollar, ein Vermögen für die Flüchtlinge, die oft nicht einmal genug Geld für den nächsten Bus haben.

Mutter Chawa fuhr nach Inguschetien zurück. Die Abubakarows sammelten im Flüchtlingslager, und Vater Ismail verpfändete seinen Traktor. Eine Woche später fuhr Mutter Chawa mit 700 Dollar in der Tasche nach Urus-Martan. Die Polizisten nahmen das Geld aller Angehörigen in Empfang und sagten: "Wir müssen uns erst mit den russischen Wärtern des Filtrationslagers einigen. In drei Tagen könnt ihr eure Jungs am Lagereingang abholen." Adam Abubakarow und die zehn Mitgefangenen wurden auch tatsächlich aus dem Lager geholt und bis zum Kontrollposten gebracht. Doch dort nahmen sie die Russen erneut fest und brachten sie in ein anderes Lager: die ehemalige Koranschule, ein vierstöckiges Gebäude im Zentrum von Urus-Martan. "Beide haben uns betrogen", sagt Ismail Abubakarow, "die Russen und unsere eigenen Landsleute."

Offiziell leugnen die russischen Behörden, dass Lager wie die von Urus-Martan existieren. Lediglich in Grosnij und im bereits berüchtigten Gefängnis Tschernokosowo würden Rebellen aus der Massse der Zivilisten "herausgefiltert", so die offizielle Version von Vize-Justizminister Jurij Kalinin und Wladimir Kalamanow, dem Menschenrechtsbeauftragten des Kreml für Tschetschenien. Sonst aber gebe es "keinerlei Filtrationslager auf dem Territorium Tschetscheniens", sagte Kalinin.

Die Dementis sind wenig überzeugend. Wie Alexander Tscherkassow von der Moskauer Menschenrechtsorganisation Memorial kam auch Marina Kazarowa von Amnesty International zu dem Ergebnis, Filtrationslager existierten "in fast jedem Dorf Tschetscheniens" - unter anderem in Urus-Martan, Snamenskoje, Tolstoj-Jurt und Gogarodsk, wie die FR bereits im Februar berichtete. Das Nachrichtenmagazin Itogi veröffentlichte am 7. März grauenerregende Bilder des Fotografen Wladimir Kulischow aus dem Lager von Tolstoj-Jurt: In einem mit Erde überschütteten Betonbunker werden nicht nur Männer, sondern auch Frauen festgehalten. Am gleichen Tag berichtete Swetlana Turjalaj von der Tageszeitung Komsomolskaja Prawda, wohin die Russen Häftlinge aus Tschernokosowo brachten, bevor im Februar die ersten internationalen Besucher zugelassen wurden: in einen von Stacheldraht umgebenen Zug im Dorf Tscherwlennaja, vierzig Kilometer nordöstlich von Grosnij. Selbst die Nachrichtenagenturen durchkreuzen manchmal die Moskauer Lügenpolitik: Kürzlich meldete die Agentur Itar-Tass, tschetschenische Rebellen hätten in der Nacht ein - offiziell gar nicht existierendes - Filtrationslager in Tscherwlennaja beschossen.

Der 49 Jahre Ruslan flüchtete mit seiner Frau Olga Mitte Oktober 1999 vor den russischen Bomben aus Grosnij nach Inguschetien. Ende Februar fuhr Ruslan, ein zurückhaltender Mann mit schmalem weißem Haarkranz und dem Gusto eines Englischprofessors, zum Besuch von Verwandten nach Brazkaja, in den von Russen zuerst besetzten und nach offizieller Version auch kontrollierten Norden Tschetscheniens. Dass es mit der Kontrolle nicht weit her ist, merkten die russischen Polizisten, als Unbekannte in der Nacht vom Gebäude der Landwirtschaftsverwaltung die russische Fahne stahlen. Die Antwort der Russen: Am nächsten Morgen holten sie 57 tschetschenische Männer aus den Häusern von Brazkaja. Die meisten, darunter Ruslan, brachten sie ins Lager Tschernokosowo. Was ihm dort widerfahren ist, will Ruslan nicht erzählen. Sechs Wochen dauerte es, bis seine Frau ihn über Mittelsmänner freigekauft hatte - für knapp tausend Dollar.

Die 44 Jahre alte Rosa Muslimow dagegen weiß nicht einmal, wo und mit wem sie über die Freilassung ihres Mannes verhandeln müsste. Am 5. März fuhr Mousar Muslimow zurück nach Grosnij, um zu sehen, ob das Haus der Familie die schweren Kämpfe überlebt hatte. Als er nach einigen Tagen immer noch zurückgekehrt war, machte sich seine Frau nach Grosnij auf, um ihren Mann zu suchen. Die Nachbarn in der Norilskaja-Straße hatten Muslimow am Morgen des 7. März zum letzten Mal gesehen. Seitdem ist er spurlos verschwunden.

Oft machen russische Soldaten mit festgenommenen Tschetschenen kurzen Prozess. Als die Russen am 9. März rund 4000 Einwohner des Dorfs Komsomolskoje überprüften, nahmen sie acht Männer fest, darunter den 30 Jahre alten Arbi Malujew, den 17-jährigen Said Bisajew und den 30 Jahre alten Flüchtling Saidrachman Bakajew. "Said und Arbi haben wir am nächsten Tag als übel zugerichtete Leichen im Krankenhaus von Urus-Martan wiedergefunden", sagte die 39 Jahre alte Sina Chamsatowa der FR - ein Bericht, den andere Flüchtlinge aus Komsomolskoje bestätigen. Magomed Machauri und seine Schwiegertochter Sarema fanden ihren Sohn und Ehemann Bislan am Abend des 4. April mit durchschnittener Kehle auf einer Brücke beim Dorf Assinowskaja. Neben ihm lagen der 16 Jahre alte Magomed und der 20-jährige Murat. Die Freunde waren am Morgen zum Ausflug ins nahe Inguschetien aufgebrochen. Sarema Machauri hatte zuvor gesehen, wie ihr Mann und seine Freunde an einem russischen Kontrollpunkt beim Dorf Nesterowskja verhaftet wurden.

Ismail Abubakarow hofft dagegen immer noch, dass er seinen Sohn lebend wieder in die Arme schließen kann. Neulich haben die tschetschenischen Polizisten der Familie ein neues Geschäft vorgeschlagen: Sie sollen noch einmal tausend Dollar für die Freilassung ihres Sohns Adam zahlen. Die Abubakarows haben bei tschetschenischen Geldverleihern einen Kredit aufgenommen, mit fünf Prozent Monatszinsen. Ismail Abubakarow hofft, ihn zurückzahlen zu können, wenn eines Tages der Friede nach Tschetschenien zurückgekehrt ist. "Alles, was ich will, ist mein Sohn", sagt er. "Er hat doch noch nichts vom Leben gesehen."

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