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Auf der Suche nach Antworten in Chemnitz: Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU).

Dialog in Sachsen

Gekommen, um zuzuhören

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Sachsens Ministerpräsident Kretschmer versucht, mit den Bürgern in Chemnitz ins Gespräch zu kommen. Er trifft vor allem auf frustrierte Menschen, die ihre Gefühle rauslassen.

Die ersten, die sich in die Schlange stellen zum „Sachsengespräch“ mit Ministerpräsident Kretschmer sind eingefleischte Chemnitzer. „Mit zwei hergezogen und nie wieder weg.“ Sie, 49, trägt blaue Funktionsjacke, er, 47, eine Jeansjacke, die etwas zu groß ist für die schmalen Schultern. Auch ihren Sohn haben sie mitgebracht. Mit dem Neunjährigen waren sie auch am Montagabend auf der Demonstration, die eskalierte und von der Bilder durch die ganze Welt gingen, auf denen Männer die Arme zum Hitlergruß erhoben. Es war die erste Demonstration in ihrem Leben.

Eigentlich wollen sie mit der Presse lieber nicht reden, ihre Namen nicht nennen. Aber auf die Frage, warum sie gerade jetzt demonstrieren, warum sie heute Abend hier sind, haben sie dann doch Antworten, eine viertel Stunde lang sprudelt es aus ihnen heraus. Ihr Sohn steht stumm dazwischen und guckt von Mutter zu Vater und wieder zurück. „Wenn ich hier durch Chemnitz gehe, dann habe ich das Gefühl als gehe ich durch Köln“, sagt er. „Das bin ich nicht gewohnt“.

Es seien zu viele Flüchtlinge, die nach Chemnitz gekommen seien, die Stadt sei seither unsicher, als Frau könne man abends nicht mehr vor die Tür gehen, generell wüssten „die“ sich nicht zu benehmen, würden schnell aggressiv, zückten die Messer. Der Mord am 35-jährigen Tischler fände zu wenig Beachtung, es gehe nur noch „um links gegen rechts“, nicht mehr „um uns, um die normalen Bürger“. Sie sind hier, um die Chance zu nutzen, ihre Politiker zu Rede zu stellen. Dieses Gefühl teilen am Donnerstagabend fast alle im Chemnitzer Stadion.

Das Sachsengespräch war schon anberaumt, bevor es in Chemnitz kochte. Das Gesprächsformat gibt es, seit sich vor drei Jahren in Dresden Pegida gründete. Eigentlich ist die Stimmung seither ruhiger, die Reihen bei Pegida und den zahlreichen Ablegern haben sich gelichtet. Sprechen wollte die noch junge Landesregierung trotzdem mit den Bürgern. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) zieht mit seinen Ministern durchs Land und plaudert mit den Bürgern am kleinen Tisch, nicht auf dem großen Podium, ganz volksnah. Ein bisschen unverfängliche PR für den Ministerpräsidenten – so ungefähr sollte es wohl laufen.

Dann aber wurde auf dem Chemnitzer Stadtfest ein 35-jähriger Tischler erstochen, ein Deutscher. Tatverdächtig sind zwei geduldete Asylbewerber, einer aus dem Irak, einer aus Syrien – einer von ihnen mehrfach vorbestraft. In Chemnitz vermengen und entladen sich seither angestaute Unzufriedenheit mit der aktuellen Asylpolitik und lange gehegter Rassismus. Rechtsextreme Hooligans und Organisationen bliesen zum Marsch, unzufriedene Bürger schlossen sich an. Am Sonntag und Montag überrollten die Demonstranten die Stadt und die Polizei, erst 800, dann 6000, schrien „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ und „Das hier ist unsere Stadt“.

Auch das Sachsengespräch nutzt die rechte Bewegung Pro Chemnitz wieder für eine Demo, direkt vor dem Stadion, die Polizei schätzt die Teilnehmerzahl auf 900. Eine Gegendemo ist nicht angekündigt – die Organisation „Chemnitz Nazifrei“ fürchtet das „erhebliche Gewaltpotenzial“ derer, denen man sich entgegenstellt, und die Schwäche der Polizei.

Die Vorfälle in Chemnitz teilen das Land, aber nicht die, die heute Abend zum Stadion kommen: Viele von außerhalb sind fassungslos, sehen Chemnitz als Zeichen dafür, dass Hass und Rassismus vielerorts regieren statt der Demokratie, dass Sachsen ein „failed state“ ist, in dem Gedankengut wie zur Nazi-Zeit vorherrscht und auch die Behörden irgendwie mit Rechts kollaborieren. In ihren Augen arbeiten die, die da in Chemnitz auf der Straße stehen, daran, das Deutschland zu zerstören, das sie lieben.

Die Chemnitzer, die heute zum Sachsengespräch kommen, sehen das ganz anders: Vor allem „ganz normale Bürger“ hätten dort auf der Straße gestanden, die Rechten seien in der Unterzahl gewesen. Die Berichterstattung über Chemnitz sei eine Katastrophe, sagen sie. Seither gelte ihre Stadt als „Nazihochburg“. Zu Unrecht. „Ich bin stolz auf meine Stadt!“, ruft ein älterer Herr ins Mikrofon, als er mit Ministerpräsident Kretschmer im Stuhlkreis sitzt. Unverständlich ist ihnen auch die Politik, das aber nicht erst seit Sonntag. Deswegen ist Kretschmer ja hier, erklärt er, um zu reden, um zu hören, was die Chemnitzer zu sagen haben.

Für den 43-Jährigen ist es ein Drahtseilakt. Er darf die Chemnitzer nicht vor den Kopf stoßen, viele in Sachsen denken schließlich so wie sie. Er darf aber auch die Demonstrationen nicht verharmlosen. Er hat die Bilder gesehen, die Hitlergrüße, und weiß genau, dass er sich davon weit distanzieren muss. Also fängt Kretschmer, noch auf der großen Bühne, erst einmal mit einer Schweigeminute für Daniel H., den getöteten Tischler an.

 „Nachdem hier ein Mann so furchtbar ums Leben gekommen ist, können wir nicht einfach übergehen zur Tagesordnung“, sagt er. In den folgenden 60 Sekunden schweigt der ganze Raum. Durch die geöffneten Fenster ist das Gröhlen der Pro-Chemnitz-Demonstranten auf der anderen Straßenseite zu hören. „Ich habe viele getroffen, die sagen: Wir sind doch nicht alle rechtsradikal!“, sagt Kretschmer dann. „Und ich habe geantwortet: Ich weiß.“ Lauter, dröhnender Applaus, der erste.

Das erste dröhnende Buhen aus dem ganzen Raum heischt Kretschmer ein, als er Kraftklub erwähnt, eine der beliebtesten Bands Deutschlands, deren Mitglieder aus Chemnitz stammen. Er finde gut, dass die Band am Montag ein Konzert organisiert habe, um der Demo am vergangenen Montag etwas entgegen zu setzen. Geschrei, Gebrüll, Buhen, „Heuchler!“- und „Lügner!“-Rufe. Unklar, ob die Menschen Kretschmer oder Kraftklub meinen. Klar ist: Von Kraftklub, den prominentesten Söhnen der Stadt, fühlen sie sich verraten.

Ganz ähnlich geht es der Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD). Sie hat die Demos am Sonntag und Montag verurteilt – und wird ausgebuht, sobald sie nach Kretschmer zum Mikro greift. „Frau, geh heim, zieh weg, hör auf zu heucheln!“, sagt einer. Dem Landesfürsten mögen sie verzeihen, solange er sich nur gegen die richtet, die den Hitlergruß gezeigt haben. Der eigenen Bürgermeisterin nicht.

Später teilen sich Kretschmer und seine Minister auf kleinere Diskussionsrunden an Tischen und in Stuhlkreisen auf. Es ist zu voll, obwohl nur 500 eingelassen werden. „Lauter!“, rufen die, die sich in der dritten Reihe um die Tische drängeln. Bei Justiz-, Innen- und Integrationsministern ist es noch voller als am Rest.

Ungeschlagen, natürlich, die Diskussionsrunde mit Kretschmer und OB Ludwig, die sogar in einen Raum nebenan übertragen wird. Eine Krankenschwester, vielleicht 50 Jahre alt, mit ruhiger, bedachter Stimme ergreift das Wort und erntet tosenden Applaus für jeden Satz: Auch sie sei am Montag auf die Straße gegangen, weil sie es für falsch halte, jeden Deutschen als „rechts“ zu bezeichnen, der über einen Ausländer sagt: „Der hat ein Verbrechen begangen.“ Dann erzählt sie davon, wie bei ihr um die Ecke der Kindergarten geschlossen wurde, in den schon ihre Kinder gingen. Es fehle an Lehrern, an Schulen, am Essentiellen für die nächste Generation – und „Herr Maas sagt, die Milliarden die für Integration draufgehen, die gehen dem deutschen Steuerzahler nicht verloren“.

Kretschmer hört zu, nickt, verspricht am Ende, Möglichkeiten zu suchen, um schneller und effektiver gegen Flüchtlinge vorgehen zu können, die kriminell werden und den Behörden die Möglichkeit zu geben, Fakten direkter zu kommunizieren, damit „wir uns nicht aus der Bild-Zeitung informieren müssen“. Wie das genau aussehen und gehen soll? Das sagt Kretschmer nicht.

So bleibt das Sachsengespräch am Ende vor allem eins, wie es eine grauhaarige Frau ausdrückt: „Einfach eine Möglichkeit mal all die Gefühle auszudrücken, die sich in den letzten Tagen angesammelt haben.“

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