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Es reicht: Frauen und Angehörige von Gewaltopfern protestieren vor dem Nationalpalast. 

Mexiko

Geknebelt, stranguliert, verbrannt

Jeden Tag werden in Mexiko zehn Frauen ermordet - die wehren sich nun mit Demonstrationen.

Stimmungsvolle Sonnenuntergänge, weiße Blüten, einladende Strände, niedliche Tierfotos: Tausende Bilder kursieren derzeit im Netz unter dem Hashtag #IngridEscamilla. Der Name der 25-jährigen Mexikanerin, die von ihrem Freund getötet wurde, ist zum Symbol geworden. Nicht nur für die massive Gewalt gegen Frauen in Mexiko, sondern für ihre Entwürdigung auch noch nach dem Tod. Die Aufnahme ihrer verstümmelten Leiche am Straßenrand wurde vermutlich von der Polizei an die Redaktionen mehrerer Zeitungen weitergeleitet, sie landete auf zahlreichen Titelseiten. Die Fotos sorgten für landesweite Empörung und führten zu der ungewöhnlichen Aktion im Internet. „Wir füllen den Hashtag ihres Namens mit schönen Bildern“, erklärt eine Nutzerin.

Zwischen Regenbogen und Blumenbildern schieben sich immer wieder Fotos von wütend demonstrierenden Frauen. Denn in vielen Städten Mexikos gehen Feministinnen und Angehörige von Gewaltopfern auf die Straße, noch vermehrt, seit die Leiche Escamillas am 9. Februar in einem Viertel von Mexiko-Stadt gefunden wurde und die Fotos in den Zeitungen landeten.

Präsident in der Kritik

In der Hauptstadt zogen Demonstrantinnen am Wochenende zum Verlagshaus der Zeitung „La Prensa“, beschädigten Auslieferungsfahrzeuge und forderten eine Entschuldigung für den Abdruck der Bilder. Vor dem Haus der Ermordeten legten sie Blumen nieder. Escamillas Tante Victoria Barrios kritisierte die Behörden: „Sie sind unfähig zu handeln, obwohl täglich Frauen auf den Straßen von Mexiko-Stadt, in Siedlungen oder Dörfern unterwegs sind und nicht zurückkehren.“

Die Stimmung ist angespannt, Die nicht endenden Femizide, also Morde aus geschlechtsspezifischen Gründen, erzeugen nicht nur Angst, sondern auch Wut. In den vergangenen Tagen zerstörten vermummte Frauen Scheiben und Autos, die Polizei setzte Tränengas ein. Jeden Tag werden in Mexiko zehn Frauen ermordet. Und obwohl Präsident Andrés Manuel López Obrador ein konsequentes Vorgehen angekündigt hat, nimmt die Zahl weiter zu.

3825 Frauen wurden laut offiziellen Angaben 2019 umgebracht, 976 der Fälle gelten als Femizide. Das sind doppelt so viele wie 2015. Auffällig sei zudem die Brutalität, mit der die Täter vorgehen, sagt Maria de la Luz Estrada, die Sprecherin der Nationalen Beobachtungsstelle für Femizide: „Sie werden stranguliert, verbrannt, geknebelt und erstickt.“

Bereits in den 90er-Jahren sorgte Mexiko wegen Femiziden für Schlagzeilen. Hunderte junge Frauen wurden damals in der nördlichen Grenzstadt Ciudad Juárez verschleppt und später ermordet in der Wüste aufgefunden. Wer für die Verbrechen verantwortlich war, ist unklar. Gleichgültigkeit, Korruption und Machismus führen dazu, dass höchstens drei von hundert Fällen aufgeklärt werden.

Mitte Januar traf es die Künstlerin und Aktivistin Isabel Cabanillas. Unbekannte erschossen die 25-Jährige, die sich für ein Ende der Femizide eingesetzt hatte. Trotz der Gefahren klagen Frauen die Morde und sexuellen Übergriffe zunehmend öffentlich an. Vergangenes Jahr gingen in Mexiko-Stadt Tausende auf die Straße, um gegen Vergewaltigungen zu demonstrieren, die von Polizisten begangen wurden.

An der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (Unam) besetzen derzeit Studentinnen zahlreiche Fakultäten und andere Einrichtungen, um sich gegen sexuelle Angriffe zu wehren. Präsident López Obrador werfen sie vor, das Thema nicht ernst zu nehmen. Nach dem Mord an Ingrid Escamilla kritisierte der Präsident Journalistinnen wegen ihrer Fragen zu den Femiziden. „Es ist doch sehr klar, dass Medien diese Angelegenheit manipulieren“, sagte er. Und weil die Unam-Studentinnen zum Teil vermummt auftreten, vermutet er hinter deren Aktionen dunkle Mächte.

Zwar nahm sich der Staatschef wieder etwas zurück, dennoch zogen Feministinnen und Angehörige von Gewaltopfern vergangene Woche empört vor den Nationalpalast, um Druck auszuüben. Unter ihnen auch Lidia Florencio Guerrero, deren Tochter Diana im Juli 2017 ermordet wurde. „Wir werden ihn auch weiterhin daran erinnern, dass es uns gibt“, sagte sie. 

Wolf-Dieter Vogel, epd

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