„Allein über den Brenner fahren pro Jahr rund zehn Millionen Fahrzeuge und Güter von fünfzig Millionen Tonnen“, erklärt Dorfmann.
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„Allein über den Brenner fahren pro Jahr rund zehn Millionen Fahrzeuge und Güter von fünfzig Millionen Tonnen“, erklärt Dorfmann.

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„Es geht um weit mehr als Handel“

  • Peter Riesbeck
    vonPeter Riesbeck
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Der Südtiroler Europaabgeordnete Herbert Dorfmann spricht im FR-Interview über geschlossene Schlagbäume zwischen Österreich und Italien.

Herr Dorfmann, Österreichs Regierung hat Grenzkontrollen auf dem Brenner zu Italien angekündigt, kennen Sie den genauen Zeitpunkt?
Soweit ich das sehe, geht es um den Zeitraum von April/Mai.

Über Grenzkontrollen und das Zersplittern Europas wird vor allem unter wirtschaftlichen Aspekten geredet, Studien beziffern die wirtschaftlichen Folgekosten auf jährlich 18 Milliarden Euro. Jenseits der Warenströme, was befürchten Sie für die Grenzregion Tirol?
Es gibt schon auch einen ökonomischen Effekt, aber in diesem Fall ist der nicht-ökonomische vielleicht sogar der wichtigere Aspekt. Die Grenze zwischen Italien und Österreich in Südtirol ist nicht irgendeine normale Grenze in Europa, viele in Südtirol empfinden das immer noch als ungerechte Last der Geschichte. Aber die offenen Grenzen haben diese Spannungen natürlich entlastet. Von meinem Heimatort dauert es eine Stunde nach Innsbruck. Für mich als Kind ist das mit Grenzkontrollen verbunden, das war immer eine richtige kleine Reise. Für meine Kinder ist die Fahrt nach Innsbruck heute völlig normal, auch wegen der gemeinsamen Währung. Hier beweist sich Europa im Alltag. Und das ist für uns Grenzlandeuropäer entscheidend. Das Unsichtbarmachen der Grenzen ist ein historischer Erfolg in Europa. Da geht es um weit mehr als Grenzkontrollen oder Handel.

Sie haben den ökonomischen Effekt angedeutet, können Sie das näher beschreiben?
Allein über den Brenner fahren pro Jahr rund zehn Millionen Fahrzeuge und Güter von 50 Millionen Tonnen. Das bedeutet im Durchschnitt 20 bis 30 Fahrzeuge in der Minute, in Stoßzeiten sind das bis zu 100 Fahrzeuge in der Minute. Was das an Rückstau bei Kontrollen bedeutet, lässt sich kaum abschätzen. Allein die Verlangsamung der Warenflüsse. Oder der grenzüberschreitende Zugverkehr. Ganz abgesehen davon, es fehlt sowohl an Parkflächen als auch Grenzlogistik. Derzeit sind Kontrollen de facto unmöglich. Das alte Grenzhäuschen ist heute eine Raststätte. Kontrollen können punktuell was bringen, aber sie sind in der Substanz kaum möglich. Das ist eine Illusion.

Wie erleben die Menschen die Schengen-Debatte mit Blick auf den täglichen kleinen Grenzverkehr?
Ich erlebe viele Menschen in Südtirol als unheimlich resigniert. Viele nehmen das in Südtirol als großen Rückschritt wahr. Niemand hat damit gerechnet, dass so etwas Rückwärtsgewandtes nochmal passieren könnte. Wir haben die Grenze ja nicht mehr als Trennendes wahrgenommen. Das Überwinden von Grenzen ist eine unheimliche Errungenschaft der EU.

Interview: Peter Riesbeck

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