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Beim Lehrerverband schätzt man, dass etwa jeder fünfte Erstklässler bei der Einschulung wegen sprachlicher Defizite nicht in der Lage ist, dem Anfangsunterricht zu folgen.

Interview

„Es geht nicht um Stigmatisierung, es geht um Förderung“

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Hans-Peter Meidinger, Präsident des Lehrerverbandes, über Deutsch als Pflicht.

Hans-Peter Meidinger, 64, ist Gymnasiallehrer und seit 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL).

Kein Deutsch, keine Einschulung – die Republik diskutiert über den Vorschlag des CDU-Politikers Carsten Linnemann. Können Sie die Aufregung darüber nachvollziehen?
Ich kann die Aufregung durchaus nachvollziehen. Man stößt sich sicherlich am Begriff Grundschulverbot. Das war, glaube ich, auch nicht die Intention von Herrn Linnemann. Er hat darauf hingewiesen, dass in letzter Konsequenz die Einschulung zurückgestellt werden müsste, wenn keine ausreichenden Deutschkenntnisse vorhanden sind.

Wie ist es um die Deutschkenntnisse von Erstklässlern überhaupt bestellt?
Es gibt gravierende Defizite. Da hat Herrn Linnemann vollkommen recht. Wir schätzen, dass etwa jeder fünfte Erstklässler bei Einschulung wegen sprachlicher Defizite nicht in der Lage ist, dem Anfangsunterricht zu folgen. Das betrifft in erster Linie Kinder mit Migrationshintergrund – aber nicht nur. Auch Kinder aus Familien mit deutschen Wurzeln haben inzwischen erhebliche Sprachprobleme.

Was ist die Folge?
Alle Studien zeigen, dass Sprachdefizite, die zum Zeitpunkt der Einschulung bestehen, nicht im Laufe der Schulzeit wieder aufgeholt werden können. Im Gegenteil: Die Schere öffnet sich immer weiter, die Leistungsunterschiede werden größer.

Hatten sich die Länder nicht vorgenommen, mehr bei der frühkindlichen Bildung und Förderung zu unternehmen?
Vorschulische Sprachstandstests gibt es nur in einigen Bundesländern. Und selbst dort, wo sie durchgeführt werden, wie in Bayern oder Nordrhein-Westfalen, fehlen Ressourcen, Mittel und dafür ausgebildete Lehrkräfte, um Kinder mit Sprachdefiziten so zu fördern, wie es notwendig wäre. Den Erzieherinnen und Erziehern in den Kitas fehlt meist die notwendige Qualifikation – für „Deutsch als Zweitsprache“.

Was schlagen Sie vor?
Wir brauchen jetzt einen bundesweiten Mehrjahresplan. Der könnte entweder einen verpflichtenden Kita-Besuch mit sprachlicher Frühförderung vorsehen – oder eine obligatorische Vorschule für Kinder mit sprachlichen Defiziten. Ansonsten werden wir massive Integrationsprobleme bekommen. Wir erleben bereits jetzt einen Anstieg der Zahl von Jugendlichen, die ohne Abschluss die Schule verlassen – darunter ein hoher Prozentsatz von Kindern mit Migrationshintergrund.

Fehlt in der Politik das Problembewusstsein?
Problembewusstsein gibt es schon. Hinzu kommt, dass Erhebliches geleistet worden ist. Nach 2015 sind rund 200 000 Kinder von Flüchtlingen in die Schulen integriert worden – über Willkommens- und Sprachlernklassen. Leider hat man aus dem Auge verloren, dass es hier um eine Daueraufgabe geht.

Ist es stigmatisierend oder diskriminierend gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund, wenn das Thema so zugespitzt wie jetzt debattiert wird?
Wir neigen manchmal zu falscher Vorsicht. Da heißt es: Um Gottes Willen, sprecht doch nicht immer Migrationsfragen in Zusammenhang mit Defiziten an. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wir haben großen Handlungsbedarf und auch Verantwortung denen gegenüber, die wir aufgenommen haben. Hier geht es nicht um Stigmatisierung, sondern um positive Förderung.

Wenn jeder fünfte Erstklässler sprachliche Defizite hat, was bedeutet das für die anderen? Wird deren Unterricht schlechter?
Wir haben dazu Studien vorliegen: Je höher der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund, die nicht ausreichend Deutsch sprechen, desto geringer der Lernerfolg in der Gesamtklasse. Wenn in einer Klasse mit 20 Schülern sechs Schüler überhaupt kein Deutsch sprechen und andere bereits zumindest etwas lesen und schreiben können, wenn sie eingeschult werden, ist das nicht überraschend. Da bräuchte man dann eine zweite Lehrkraft, die sich um die Kinder mit besonderem Förderungsbedarf kümmert.

Würden Sie Kindern, die nicht ausreichend Deutsch sprechen, tatsächlich die Einschulung verweigern?
Nehmen wir mal den Fall: Ein Kind spricht kein Deutsch, hat auch keine Frühförderung bekommen. Dann wäre eine Verpflichtung des Staates da, eine intensive Förderung anzubieten. Als Schulleiter würde ich dann mit den Eltern reden – und klarmachen, dass das Kind mit den Kompetenzen, die es jetzt hat, in der Grundschule nicht mitkommen kann. Dann würde ich vorschlagen, eine Sprachförderung außerhalb der Schule zu besuchen und das Kind ein Jahr später einzuschulen.

Interview: Rasmus Buchsteiner

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