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"In die Fresse": Juso-Chef Kühnert schenkte der Parteivorsitzenden Boxhandschuhe.

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"Das geht so nicht, Leute!"

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Beim Bundeskongress der Jusos liefert sich SPD-Chefin Andrea Nahles einen Schlagabtausch mit dem Parteinachwuchs.

Für Andrea Nahles kommt es gerade knüppeldick: Der ungebremste Umfrageniedergang der SPD, die Auflösungserscheinungen in einigen Landesverbänden, der Streit um die Europaliste – und dann macht auch noch eine heftige Erkältung der Parteichefin das Leben schwer. Tagelang soll Nahles mit Fieber im Bett gelegen haben. Als sie am Samstagmorgen vor einer ehemaligen Schraubenfabrik in Düsseldorf aus dem Auto steigt, sieht man eine Frau, die nicht nur politisch schwer angeschlagen ist. Aber Nahles gibt nicht auf. Sie kämpft. Deshalb hat sie die Reise zum Bundeskongress des SPD-Nachwuchsverbands auf sich genommen, obwohl sie sich als ehemalige Juso-Chefin ausrechnen kann, dass diese Veranstaltung für SPD-Vorsitzende kein Wellnesswochenende ist.

Nicht mal höflich ist der Applaus, als Nahles in die Parteitagshalle kommt. Im Vergleich zu dem Jubel, mit dem die designierte Europa-Spitzenkandidatin Katarina Barley am Vorabend empfangen worden war, ist es fast schon totenstill. Nahles geht offensiv damit um. „Ich bin nicht hierhergekommen, um mir Applaus abzuholen, sondern weil ich etwas zu sagen habe“, beginnt sie ihre Rede. Dann liest sie dem Parteinachwuchs die Leviten. Die Entscheidung für die große Koalition, getroffen von der SPD-Basis im Rahmen eines demokratischen Mitgliedervotums, sei von den Jusos bis heute nicht akzeptiert worden, klagt Nahles. „Die Partei ist nicht zur Ruhe gekommen, wir diskutieren ununterbrochen weiter.“ Zugespitzt gesagt: Egal, welche Erfolge die SPD erreiche, ob bei Brückenteilzeit, Arbeitsmarktpolitik oder Mieterschutz – die Antwort der Jusos sei stets: Das reicht nicht – raus aus der Groko. „Ich akzeptiere nicht, dass einmal gefallene Grundsatzentscheidungen bei jeder sich bietenden Gelegenheit neu infrage gestellt werden“, ruft Nahles. „Das geht so nicht, Leute!“

Auch sie leide unter den Umfragen, räumt die Parteichefin ein. „Jede Woche ein tieferer Tiefpunkt, das ist auch für mich immer wieder ein Schlag in die Magengrube“, gibt sie zu. Aber wie der römische Kaiser Nero in der Arena den Daumen zu heben oder zu senken und die Parteispitze zu bewerten, sei keine Lösung. „Die SPD befindet sich nun in einem inhaltlichen Klärungsprozess, und wenn wir den hinter uns haben, muss es nach vorne gehen“, fordert Nahles. „Wenn uns das nicht gelingt, ist die Partei nicht aus der Krise zu führen und zwar von niemandem“, fügt sie hinzu. Es ist die beinahe trotzige Replik auf die immer stärker zunehmende Kritik an der Parteichefin: Glaubt bloß nicht, dass es andere besser können.

Der Fall Maaßen war zu viel

Und trotzdem – ganz auf Beifall der Jusos verzichten will Nahles auch nicht. Ein Seitenhieb gegen die Junge Union hier, einer gegen die CDU-Bildungsministerin Anja Karliczek da – und die Jusos johlen. Das ist der Vorteil, den Nahles gegenüber dem nach ihr sprechenden Generalsekretär Lars Klingbeil hat. Sie kennt den Nachwuchsverband immer noch gut genug, um zu wissen, welche Knöpfe sie dafür drücken muss. Und im Zweifel wird sie von den Jusos als eine der ihren akzeptiert. Klingbeil hat da einen deutlich schwereren Stand.

Mit der Entscheidung, auf der SPD-Bundesliste für die Europawahl zwei junge Frauen gegen den Willen ihrer Landesverbände auf die vorderen Plätze zu schieben, haben allerdings sowohl die Chefin als auch ihr General bei den Jusos Anerkennung gewonnen. „Ich habe euch bei eurem letzten Kongress in Saarbrücken versprochen, dass die Kandidatenliste weiblicher und jünger werden muss, und das habe ich gehalten“, sagt Nahles. Dass sie dafür jetzt in der Partei ihren Kopf hinhalten müsse, sei in Ordnung. „Aber jetzt müsst ihr mich auch dabei unterstützen, dass wir diesen Listenvorschlag bei der Europa-Delegiertenkonferenz in einer Woche durchbringen.“

Juso-Chef Kevin Kühnert, der den Kongress am Freitagabend mit einer kämpferischen Rede eröffnet hatte, mag die Kritik der Chefin nicht auf sich sitzen lassen. „Raus aus der Groko: Das war nicht die Platte, die wir aufgelegt hatten“, sagt er in seiner Antwort auf Nahles. Darauf habe er gerade am Anfang der Koalition minutiös geachtet. Selbst während des Asylstreits in der Union hätten die Jusos die Füße still gehalten. „Erst in der Affäre Maaßen mit ihren irren Wendungen ist der Punkt gekommen, wo wir gesagt haben, es reicht uns“, beteuert Kühnert. Inzwischen seien die Jusos es aber leid, nach jeder neuen Provokation durch die Union von der SPD-Spitze erklärt zu bekommen, dass der Geduldsfaden noch ein bisschen stärker gespannt sei. „Wer immer nur ankündigt, dass er irgendwann Konsequenzen zieht, es dann aber nicht tut, landet irgendwann als Bettvorleger“, sagt der Juso-Chef. „Das wollen wir nicht.“

Er hat noch ein Geschenk für Nahles: Zwei Boxhandschuhe, weil sie vor einem Jahr scherzhaft angekündigt hatte, dass die Union „in die Fresse“ bekomme. „Mehr davon fänden wir gut“, sagt Kühnert. „Einer ist für Horst Seehofer, einer für Anja Karliczek – immer feste druff.“ Zumindest in dem Punkt sind sich Parteivorsitzende und Nachwuchschef einig.

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