+
Unter den Folgen der Klimakrise leiden vor allem die Menschen, die sowieso schon diskriminiert werden.

Umweltschutz

Es geht nicht nur ums Klima

Beim Umweltschutz müssen soziale Ungerechtigkeiten mitbedacht werden. Sonst reichen wir unsere Probleme auf der gesellschaftlichen Leiter einfach nur nach unten – anstatt sie zu lösen.

Die Klimakrise ist schlimm, schon klar. Also verringern wir jetzt unsere Emissionen und dann ist alles gut, oder? Wenn das mal so einfach wäre. Seit Jahrzehnten wissen wir vom Treibhauseffekt, seit Jahrzehnten gibt es die technischen Lösungen. Trotzdem verbrennen wir immer noch Kohle, Öl und Erdgas. Warum? 

Keine leichte Frage, aber ein Blick in die Geschichte hilft uns zumindest ein paar Schritte weiter. In den USA der 60er und 70er Jahre gab es große Umweltschutzbewegungen, die gegen dreckige Industrien vor Ort protestierten. Von gesellschaftlichen Problemen wie Rassismus wollten sie nichts wissen. Aber es zeigte sich: Wenn der Umweltprotest „erfolgreich“ war, zog die dreckige Industrie einfach dort hin, wo Schwarze oder Indigene lebten, deren Stimmen in einer rassistischen Gesellschaft weniger gehört werden.

Damit hatte die Umweltbewegung insgesamt versagt, denn sie verschob die Umweltverschmutzung nur, anstatt sie zu vermeiden. In diesem Kontext entstand das Konzept der Umweltgerechtigkeit („environmental justice“). Es lehrt uns: Wenn wir soziale Ungerechtigkeiten nicht mitbedenken, werden unsere Probleme einfach auf der gesellschaftlichen Leiter ein paar Stufen nach unten weiter gegeben – und nicht wirklich gelöst. 

Ärmere leiden mehr

Ähnlich ist es jetzt in der Klimakrise. Unter ihren Folgen leiden die Menschen mehr, die sowieso schon diskriminiert werden. Das wissen alle, die schon mal „Geschlecht und Klimakrise“ im Internet recherchiert haben. Am offensichtlichsten ist aber das, was sich auf der materiellen Ebene zeigt: Ärmere Länder im globalen Süden leiden mehr unter Naturkatastrophen, während wir reicheren, hochindustrialisierten Länder im Vergleich noch relativ wenig spüren. Auch in Zukunft werden sich Reichere besser vor den kommenden Härten schützen können als Ärmere. 

Genau das wird uns zum Verhängnis, weil zentrale Entscheidungen in unserem System von denjenigen getroffen werden, die viel Kapital haben. Deshalb heißt es ja Kapitalismus. Ob die Braunkohle in Deutschland verbrannt wird, entscheiden wir nicht demokratisch. Allein Unternehmen wie RWE, LEAG und MIBRAG dürfen darüber entscheiden, weil die Braunkohle nun mal ihr Eigentum ist. Die aktuellen demokratischen Mittel versagen beim Versuch, den Ausstieg rechtzeitig durchzusetzen. 

Wenn Außerirdische vorbei flögen, würden sie sich ratlos am Kopf kratzen. Wir erlauben wenigen Menschen zu entscheiden, die fossilen Energieträger der Welt zu verbrennen, um kurzfristige Profite zu machen – gegen das langfristige Interesse der gesamten Menschheit. 

Wenn wir sagen #AlleFürsKlima, dann sagen wir #Klimagerechtigkeit und denken auch gesellschaftliche Herrschaftsstrukturen mit. Nur mit einer umfassenden Systemanalyse werden wir anfangen, Fortschritte im Klimaschutz zu machen. Klimaschutz muss antirassistisch, antifaschistisch und feministisch sein. Und er muss verstehen, dass der Ursprung des Klimazusammenbruchs im Kapitalismus liegt. System Change, not Climate Change!

Von Sina Reisch

Sina Reisch ist bei der Bewegung Ende Gelände engagiert.

Aktivist*innen von Fridays for Future haben am Freitag, 20. September 2019 die Frankfurter Rundschau gekapert. Einfach bei www.fr.de/fridays Mailadresse eingeben, Verfizierungscode bekommen und die Klima-Sonderausgabe lesen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion