Kommentar

Es geht um Menschenwürde

  • schließen

Die US-Regierung zeigt die Leichenfotos von Udai und Kusai Hussein, um Zweiflern in Irak zu beweisen, dass beide tatsächlich tot sind. Diesen Zweck wird die

Die US-Regierung zeigt die Leichenfotos von Udai und Kusai Hussein, um Zweiflern in Irak zu beweisen, dass beide tatsächlich tot sind. Diesen Zweck wird die Veröffentlichung kaum erfüllen. Wer es nicht glauben will, wird behaupten, die Fotos seien manipuliert; Zeit wäre dafür gewesen. Andere werden sie zu Ikonen der Märtyrer machen. Doch das ist nebensächlich, ebenso nebensächlich wie der unverhüllte Triumphalismus, der stets und nicht nur in den USA mit der Veröffentlichung von Opfer-Bildern verbunden ist.

Es geht um Menschenwürde. Unabhängig von den Untaten, die Udai und Kusai vorzuwerfen waren und die zudem vielfach belegt sind, ist die Zurschaustellung eine Verletzung des Grundsatzes, den die zivilisierte Welt unter anderem aus den Prinzipien der US-Verfassung und der allgemeinen Erkenntnis ihrer eigenen Geschichte übernommen hat. Der Grundsatz hat gegolten, als die Fotos des hingerichteten Nicolae Ceausescu verbreitet wurden; er wurde von der US-Regierung im Zusammenhang mit dem minderen Vorfall laut erhoben, als das irakische Fernsehen amerikanische Kriegsgefangene vorführte. Er muss auch hier gelten, weil der Grundsatz unteilbar und allgemein gültig ist.

Dokumente der Zeitgeschichte? Wohl wahr. Doch dies sind keine Dokumente, die eine emotionslose Betrachtung ermöglichen und die größeren Erkenntniswert haben als Fotografien von zerstörten Basaren, verstümmelten und toten Zivilisten und anderen "Kollateralschäden". Gegen deren Darstellung wehren sich aber Verteidiger der US-Politik (und nicht nur sie), weil es auch Propagandastoff sei. Dies hier etwa nicht?

Es geht auch um Beweismaterial. Seit die Umstände des Sturms auf das Haus bekannt geworden sind, in dem sich die gefürchteten und verhassten Brüder aufgehalten haben, steht auch die Frage, ob der tödliche Angriff mit den Overkill-Waffen, die der Task Force 20 und der Delta Force zur Verfügung stehen, unabweisbar notwendig war, ob Gefangennahme unmöglich war, ob die Tötung eines Vierzehnjährigen vermieden werden konnte.

Ein Gerichtsverfahren gegen Udai und Kusai - sie sind niemals außerhalb Iraks gerichtlich belangt, geschweige denn abgeurteilt worden - ist nicht mehr möglich. Die Untersuchung des finalen Angriffs ist jedoch unerlässlich. Sie wird nicht vor einem internationalen, mutmaßlich neutralen Gerichtshof stattfinden; dem haben die USA nie zugestimmt. Sie kann aber in den USA geführt werden. Die Fotos der Toten sind da Beweismaterial; sie zu veröffentlichen beeinflusst vor jeglichem Verfahren jedes denkbare Mitglied einer Jury, die unbeeinflusst sein soll und muss. Der Emotion, gleich welcher Art - selbst Mitleidsreaktionen sind ja nicht ausgeschlossen -, und der Vorab-Interpretation wird kein Mitglied einer Jury entgehen können. Das ist eine ernste Frage an die Justiz der USA, die unabhängig bleiben muss. Das aber wird durch die Veröffentlichung unmöglich gemacht.

Dossier: Irak nach dem Krieg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion