Stutthof-Prozess

Es geht ihnen nicht um eine harte Strafe

  • vonJoachim F. Tornau
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Im Prozess gegen einen ehemaligen Wachmann des KZ Stutthof tragen die Anwälte einstiger Gefangener ihre Plädoyers vor.

Bruno D. hört zu – sichtlich aufmerksam. Der 93-Jährige blickt den Anwälten jener Frauen und Männer, die er einst als SS-Mann im KZ Stutthof bewacht hat, gerade ins Gesicht. Gelegentlich nur lässt er seinen Rollstuhl unruhig einige Zentimeter vor- und zurückrollen, einmal schüttelt er den Kopf. Da geht es, nicht zum ersten und noch lange nicht zum letzten Mal, um die Schuld, die er als junger Wachposten in dem Konzentrationslager bei Danzig auf sich geladen hat.

Dem Verfahren gegen Bruno D. vor dem Hamburger Landgericht haben sich 40 Überlebende des Lagers als Nebenkläger angeschlossen. Es sind Menschen, die als Juden verfolgt wurden, ebenso wie ehemalige Kämpfer aus dem polnischen Widerstand. Alle sind sie ähnlich hochbetagt wie der Angeklagte. Eine Aussage im Gerichtssaal oder zumindest per Video hatten sich daher nur noch wenige von ihnen zugetraut. Für die Plädoyers der Nebenklage aber, die in diesen Tagen gehalten werden, haben viele der Überlebenden ihren Anwältinnen und Anwälten noch einmal etwas mit auf den Weg gegeben.

„Meine Mandantin“, sagt am Dienstag Irmela Vogel, „wäre gerne hier gewesen, um dem Angeklagten in die Augen zu schauen.“ Um ihm zu sagen, dass ihre Mutter und ihre Zwillingsschwester von den Nazis ermordet wurden und sie als junges Mädchen ganz allein dem Horror von Stutthof ausgesetzt war. „Die Erinnerung daran hat sich in ihre Seele und ihren Körper eingebrannt.“ Während Bruno D. ein Leben in Frieden habe leben können. Bis ins hohe Alter.

Verfahren gegen frühere KZ-Wachen

Wegen Verbrechen in den national-sozialistischen Konzentrationslagern führen die deutschen Staatsanwaltschaften noch 14 Ermittlungsverfahren. Offen seien drei Verfahren bezüglich des KZ Buchenwald und acht zu Sachsenhausen, zählt Thomas Will, Vizechef der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg mit. Verbrechen im KZ Mauthausen (Österreich) beschäftigen die Staatsanwaltschaften München I und Berlin.

Die Staatsanwaltschaft Itzehoe führt Ermittlungen gegen eine ehemalige Angehörige des Konzentrationslagers Stutthof. Neben dem Prozess zum KZ Stutthof in Hamburg gegen einen 93-jährigen Ex-Wachmann (siehe Bericht) läuft auch noch ein Verfahren gegen einen weiteren ehemaligen Angehörigen des Lagers durch die Staatsanwaltschaft Dortmund. Anklage wurde erhoben und liegt nun dem Landgericht Wuppertal vor.

Sechs weitere Verfahren laufen noch in Deutschland gegen mutmaßliche NS-Täter – diese stehen aber nicht im Zusammenhang mit Verbrechen in Konzentrationslagern, wie Forscher Will betont. Dabei geht es etwa um Massaker von SS-Einheiten in Frankreich.“ Will verspricht: „Wir wollen weiterhin möglichst viele Täter ermitteln und finden diese auch noch.“ dpa

Für Reue ist es nicht zu spät

Ein anderer Überlebender lässt ausrichten, er habe in Stutthof „in jeder Minute um sein Leben gefürchtet“, wie seine Anwältin Christine Siegrot erklärt. „Er hatte Angst vor Wachleuten wie Ihnen.“ Auf eine harte Strafe für den Angeklagten aber kommt es den Überlebenden, wie sie fast unisono erklären lassen, nicht an. Sondern vor allem darum, dass ihr Leid anerkannt, ihre Geschichte nicht vergessen wird. Statt eigene Strafanträge zu stellen, schließen sich die Nebenklagevertreter der Staatsanwaltschaft an, die wegen 5230-facher Beihilfe zum Mord eine Jugendstrafe von drei Jahren gefordert hat.

In ihren Schlussvorträgen kritisieren die Anwälte das jahrzehntelange Versagen der bundesdeutschen Justiz bei der Verfolgung von NS-Verbrechen. Sie betonen die große Bedeutung, die dem Prozess angesichts von erstarkendem Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus auch 75 Jahre nach Kriegsende noch zukomme. Und Rechtsanwältin Siegrot erinnert daran, dass das Verfahren, wie so viele zuvor, beinahe an einer vermeintlichen Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten gescheitert wäre: Dem Gericht sei hoch anzurechnen, dass es ein vorgelegtes Gefälligkeitsgutachten nicht akzeptiert und stattdessen eigene Untersuchungen in Auftrag gegeben habe.

Dass sich Bruno D. dem Verfahren schließlich gestellt hat, trägt ihm immerhin etwas Anerkennung ein. Für seine kategorische Weigerung, in seinem Wachdienst einen Beitrag zum Funktionieren der nationalsozialistischen Mordmaschinerie zu erkennen, aber muss er sich viel harsche Worte anhören.

„Ich habe nichts Unrechtes getan, weil ich es tun musste“: So lasse sich die Rechtfertigung des Angeklagten im Kern zusammenfassen, sagt Anwalt Markus Horstmann. „Das ist schwer verdaulich.“ Er hoffe, dass der ehemalige SS-Mann das ihm zustehende letzte Wort vor der Urteilsverkündung nutzen werde, um doch noch ein Zeichen der Reue zu zeigen: „Auch nach 75 Jahren endet nicht die Chance, sich seiner persönlichen und moralischen Verantwortung zu stellen.“

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