Fehlende Information

Gehörlose klagen an

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Weil in Gebärdensprache kaum informiert wird, sind viele „besorgt und verunsichert“.

Wie gut kann in zweieinhalb Minuten über das neuartige Virus, seine Ausbreitung und den Verlauf einer möglichen Erkrankung aufgeklärt werden? Und wie lange sind diese Informationen überhaupt gültig? Zweieinhalb Minuten – so lang dauert ein Video in Gebärdensprache, das vom Ministerium für Soziales in der vergangenen Woche veröffentlicht worden war. Viel mehr offizielle Informationen gibt es für Gehörlose bisher nicht – nun wollen sie ihr Recht darauf einklagen.

„Gehörlose fühlen sich schlecht informiert“, sagt Daniel Büter, Referent des Deutschen Gehörlosenbundes und selbst gehörlos, im Telefoninterview mit der FR. Nachdem Büters Dolmetscher sich vorgestellt hat, übersetzt dieser in Ich-Perspektive, was Büter per Videoanruf in Gebärdensprache sagt. Er beklagt im Namen des Gehörlosenbundes den fehlenden Zugang zu gesundheitlichen Informationen.

Ein Live-Ticker wäre ideal

Anfang März schickte die Organisation einen Brief an das Gesundheitsministerium, das Robert-Koch-Institut, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und weitere Ämter, in dem sie erklären, dass Gehörlose aufgrund der mangelhaften Informationslage „besorgt und verunsichert“ seien. „Seither hat sich schon etwas getan, aber nicht genug“, sagt Büter. Von einigen Institutionen sei gar keine Antwort gekommen. Und mit der Rückmeldung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sei seine Organisation unzufrieden. Die Zentrale kündigte am Montag auf FR-Nachfrage an, im Laufe der Woche werde ein aktuelles Erklärvideo in Gebärdensprache veröffentlicht.

Unterstützt fühle man sich in dieser Angelegenheit bisher nur vom Ministerium für Soziales, sagt Büter. Neben dem Gehörlosenverbund München und der Stadt Hamburg hatten diese in Zussammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum „Selbstbestimmtes Leben für Menschen mit Sinnesbehinderung“ ein Info-Video veröffentlicht über Ausbreitung, Maßnahmen und Empfehlungen. „Aber auch das ist sehr allgemein und teilweise wieder veraltet“, findet Büter. Man wünsche sich einen Live-Ticker mit aktuellstem Stand. Und auch, dass Pressekonferenzen der Regierung simultan übersetzt werden, während sie abgehalten werden.

Denn: Schriftliche Informationen nützten nicht jedem Gehörlosen, sagt Büter: „Gebärdensprache ist seit 2002 in Deutschland eine anerkannte Sprache. Für Gehörlose die Muttersprache.“ Die deutsche Sprache sei aber „wie eine Fremdsprache, da sie einer anderen Grammatik und anderer Syntax folgt.“ Er selbst könne die deutsche Schriftsprache zwar lesen, „viele können das aber nicht. Und wir sind eine Interessensvertretung“.

Deutschland habe 2006 die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet, es gelten EU-Richtlinien und das Behindertengleichstellungsgesetz. Diese verpflichteten dazu, gesundheitlich relevante Informationen in Deutscher Gebärdensprache und mit Untertiteln zu veröffentlichen. „Weil das nicht umgesetzt wird, wollen wir relativ schnell eine Klage einreichen.“

Im Gegensatz zu Gehörlosen, sagt Frank Schäfer, stellvertretender Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenbundes in Hessen, können Blinde und Sehbehinderte Berichte im Radio und Fernsehen verfolgen. Aber da sie viele Informationen im Nahbereich nicht mit den Augen, sondern mit den Händen wahrnehmen und somit viele Dinge anfassen müssen, sei für sie regelmäßiges Händewaschen besonders wichtig.

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