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Putins „unbesiegbare Waffe“: Russland will Ukraine mit „Kinschal“-Raketen angreifen

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Von: Tobias Utz, Nico Scheck

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Russland setzt laut eigenen Angaben die Rakete des Typs „Ch-47M2 Kinschal“ ein. An einem verbreiteten Video gibt es jedoch enorme Zweifel. Neue Angriffe sind wohl geplant.

Update vom Mittwoch, 23.03.2022, 08.00 Uhr: US-Präsident Joe Biden hat in einer Rede Bezug zum angeblichen Einsatz von „Kinschal“-Hyperschallraketen Russlands genommen. „Sie haben gerade die Hyperschall-Rakete gestartet, weil es das Einzige ist, was sie mit absoluter Sicherheit durchbringen können“, sagte Biden.

Das sei ein Zeichen der russischen Schwäche, Putin stehe angesichts großer militärischer Verluste im Ukraine-Krieg mit dem Rücken zur Wand. Der russische Präsident habe nicht mit der Einheit der Nato gerechnet. Russland behauptete zuletzt die „Kinschal“-Rakete bereits zweifach eingesetzt zu haben. Daran gibt es erhebliche Zweifel (s. Update v. 22.03.2022, 11.30 Uhr). Der Kreml kündigte ungeachtet der Gerüchte allerdings neue Einsätze von Putins „unbesiegbarer Waffe“ an (s. Update v. 22.03.2022, 15.30 Uhr).

Hyperschallrakete
Ein Mikoyan MiG-31 Abfangjäger der russischen Luftwaffe beladen mit einer ballistischen Luft-Boden-Rakete „Kinschal“. © Lev Fedoseyev/Imago Images

Ukraine-Krieg: Russland kündigt neue „Kinschal“-Raketenangriffe an

+++ 15.30 Uhr: Russland hat neue Angriffe mit „Kinschal“-Hyperschallraketen des Formats „Ch-47M2“ auf die Ukraine angekündigt. Ein Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums sagte am Dienstag in Moskau, dass die „Angriffe dieses Luft-Raketensystems auf die ukrainische Militärinfrastruktur während der militärischen Spezial-Operation“ fortgesetzt würden. Laut Angaben des Kreml kam die „Kinschal“-Rakete bislang zwei Mal zum Einsatz. Daran gibt es erhebliche Zweifel (s. Update v. 11.30 Uhr).

Update vom Dienstag, 22.03.2022, 11.30 Uhr: Wie kürzlich bekannt wurde, hat Russland erstmals die „Ch-47M2 Kinschal“, eine Hyperschallrakete, eingesetzt (s. Erstmeldung). Medienberichten zufolge wurde das Geschoss unter anderem als „unbesiegbare Waffe“ Wladimir Putins bezeichnet. Passend dazu verbreitete der Kreml ein Video des ersten Einsatzes der Rakete. An der Echtheit der Aufnahmen kommen nun Zweifel auf. Offenbar zeigt das Video etwas ganz anderes.

Bereits kurz nach der Veröffentlichung des Videos äußerten mehrere Fachleute bereits Zweifel daran. Laut Angaben russischer Behörden soll das Video die Bombardierung eines ukrainischen Waffendepots zeigen. Eine solche hätte demnach jedoch weitere Explosionen zur Folge gehabt, welche jedoch nicht zu erkennen sind. Stattdessen zeigt das Video einen halbminütigen Gebäudebrand, ohne zusätzliche Detonationen. Diese Kritik kommt vor allem von der Plattform „The War Zone“. Demnach ist das von Russland verbreitete Video ein Fake. Gezeigt wird darin kein Waffenlager, sondern ein Bauernhof. Dieser wurde offenbar bereits eine Woche zuvor bombardiert und liegt im Osten der Ukraine.

Die enormen Zweifel an der Echtheit werden mit dem vermutlichen Startort der Drohne, welche die Aufnahmen lieferte, begründet. Dabei handelt es sich um eine „Orlan-10“-Drohne, die in der Regel eine Reichweite von bis zu 150 Kilometern, in Ausnahmefällen sogar von bis zu 600 Kilometern haben soll. Das berichtet ntv. Russland gab am Samstag an, dass das bombardierte ukrainische Waffenlager in der Westukraine, unweit der Grenze Ungarns und Rumäniens liege. Wäre das tatsächlich der Ort des Lagers, hätte die Drohne laut Angaben der Plattform in der Republik Moldau starten müssen.

Putins Kinschal-Rakete: Das macht die „unbesiegbare Waffe“ so gefährlich

Erstmeldung vom Samstag, 19.03.2022, 15.45 Uhr: Moskau – Sie ist schnell, sie ist präzise - und sie gilt als Putins Geheimwaffe. Der Ukraine-Konflikt tobt unaufhörlich, erstmals hat Russland nun die Rakete vom Typ Kinschal, geschimpft „Ch-47M2 Kinschal“ eingesetzt. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, war es wohl das erste Mal überhaupt, dass die Hyperschallrakete jemals zum Einsatz kam. Der Ukraine-Krieg als Uraufführung, sozusagen.

Russlands Präsident Wladimir Putin rühmte die hochmoderne Waffe anno 2018 nach dem ersten erfolgreichen Test als „praktisch unbesiegbar“. Doch was macht die Rakete so gefährlich?

Putins Geheimwaffe: Hyperschallrakete „Kinschal“ zerstört Munitionsdepot in der Ukraine

Tatsächlich hat die Hyperschallrakete im Ukraine-Krieg beim ersten Einsatz ordentlich Schaden angerichtet. Laut Angaben aus Moskau wurde mit der Hyperschallrakete „Kinschal“ (dt.: Dolch) ein Raketenarsenal im Gebiet Iwano-Frankiwsk zerstört. So sei das unterirdische Munitionsdepot der ukrainischen Luftwaffe in Deljatyn im Südwesten der Ukraine am Freitag (18.03.2022) durch die ballistische Rakete vernichtet worden, erklärte Generalmajor Igor Konoschenkow, ein Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, am Samstag.

Hyperschallrakete
Ein Mikoyan MiG-31 Abfangjäger der russischen Luftwaffe beladen mit einer ballistischen Luft-Boden-Rakete „Kinschal“. © Lev Fedoseyev/Imago Images

Russland hat als erstes Land der Welt Hyperschallraketen entwickelt. Diese Raketen sind in der Lage, bei extremer Geschwindigkeit Höhe und Richtung zu ändern - und somit der gegnerischen Flugabwehr auszuweichen. Anlass für die Entwicklung der Raketen war der Wille Moskaus, den in Europa stationierten US-Raketenschild überwinden zu können. Nun kam sie erstmals gegen die Ukraine zum Einsatz.

Hyperschallrakete „Kinschal“: Russlands Waffe mit „hoher Zerstörungskraft“

Wassili Kaschin, Militärexperte und Leiter eines Forschungszentrums in Moskau, sprach nach dem Einsatz der Kinschal-Rakete von einer „Weltpremiere“. Ganz offensichtlich habe das russische Militär die Rakete unter Kampfbedingungen einsetzen wollen. Laut Kaschin sei das Waffendepot im Dorf Deljatyn ein naheliegendes Ziel für eine Kinschal-Rakete gewesen, denn: „Solche Infrastruktur ist mit klassischen Raketen nur schwer zu zerstören. Wegen seiner hohen Geschwindigkeit hat die Hyperschallrakete eine höhere Durchschlags- und Zerstörungskraft.“

Die Hyperschallrakete vom Typ Kinschal erreicht eine Geschwindigkeit von Mach 10, also rund 12.000 Stundenkilometern. Dabei trägt sie bis zu 480 Kilogramm Sprengstoff oder einen nuklearen Sprengkopf. Laut russischen Angaben verfügt der neuartige Raketentyp über eine Reichweite von bis zu 2000 Kilometern. Damit wären die meisten europäischen Großstädte für die Kinschal binnen 10 bis 30 Minuten erreichbar.

Abgeschossen werden die Hyperschallraketen von den russischen Kampfflugzeugen MiG-31. Damit verlängert sich deren Reichweite um die zurückgelegte Flugstrecke. Erst in sicherer Entfernung vom Flugzeug zündet das eigene Raketentriebwerk.

Ukraine-Krieg: Was Putins Hyperschallrakete „Kinschal“ so gefährlich macht

Besonders tückisch an Putins Hyperschallrakete Kinschal ist dessen Geschwindigkeit und Mobilität. Die Rakete ist noch schneller als die herkömmlichen Überschallwaffen. Und anders als ballistische Flugkörper bleibt sie auch spät im Flug noch gut manövrierbar. Damit bleibt der gegnerischen Luftabwehr nur wenig Zeit für eine Reaktion.

Nach Abschuss steigt die Kinschal auf eine Höhe von 18 bis 20 Kilometern. Gelenkt wird sie vermutlich mit einem so genannten Inertialen Navigationssystem und dem Satelliten-Navigationssystem GLONASS. Weil die Rakete ihre Flughöhe in der Atmosphäre verändern kann, sind Ausweichmanöver jederzeit möglich.

Kinschal: USA hinkt bei Hyperschallraketen hinterher

Russland ist nicht die einzige Nation, die über diesen Waffentyp verfügt. Auch China ist laut afp im Besitz solcher Raketen. Nordkorea besitzt zumindest flugfähige Prototypen. Seit Jahren investierten auch die USA viele Milliarden Dollar in die Entwicklung und Produktion von Hyperschallwaffen. Der Erfolg ist bislang überschaubar. Als großes Problem gelten offenbar die extrem hohen Temperaturen, die beim Flug der Raketen entstehen.

Neben den USA listet die Nato in einem Papier von 2020 auch Forschungen in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Australien und Indien auf. Zum Teil geht es dabei aber auch um die Abwehr der Hyperschallraketen. Das hat Gründe.

Hyperschallrakete „Kinschal“: Westen hat „keine Verteidigung“ gegen Putins Geheimwaffe

Denn auch die Abwehrsysteme im Westen hinken hinterher. „Wir haben keine Verteidigung, die den Einsatz einer solchen Waffe gegen uns verhindern könnte“, gab US-Luftwaffengeneral John Hyten 2018 zu. In einem Bericht der Münchener Sicherheitskonferenz von 2019 heißt es: „Hyperschallraketen mit ihrer neuartigen Kombination von Geschwindigkeit und Manövrierfähigkeit können alle gegenwärtigen Raketenabwehrsysteme überwinden und verkürzen radikal die Reaktionszeit des angegriffenen Akteurs.“ Zu spüren bekommen hat das nun leidlich die Ukraine. (nc/tu)

Unterdessen erleidet Russland im Ukraine-Krieg derzeit schwere Verluste. Daher will Putin nun Verstärkung aus dem Osten schicken.

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