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31 Männer und acht Frauen sind in dem bis zu minus 25 Grad Celcius kalten Kühlsystem im Innern des Lkw erfroren.

Essex

Gehandelt und verkauft

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Ihnen wird ein guter Job versprochen, eine Perspektive – doch was sie erwartet ist ein Martyrium. Wer nicht auf der Reise stirbt, wird in der Fremde ausgebeutet. In Großbritannien hat der Fund von 39 Toten in einem Container eine Debatte über moderne Sklaverei angestoßen.

Es tut mir so leid, Mama und Papa“, beginnt die Serie der Textnachrichten von Pham Thi Tra My an ihre Eltern in Vietnam. „Meine Reise ins Ausland ist gescheitert. Mama, ich liebe dich so sehr.“ Dann folgt dieser erschütternde Satz der Tochter, aus dem alle Hoffnung entwichen ist. „Ich sterbe, weil ich keine Luft bekomme.“ Es ist 4.28 Uhr in Vietnam, 22.28 Uhr im Vereinigten Königreich, als die Familie diese SMS erreicht.

Vier Stunden später, am frühen Morgen des 23. Oktober, und beinahe 10 000 Kilometer entfernt werden Rettungskräfte in das Industriegebiet in Grays in der Grafschaft Essex gerufen, um in einem weißen Lastwagen-Container eine furchtbare Entdeckung zu machen. In dem Anhänger liegen 39 Leichen, 31 Männer und acht Frauen sind tot, alle erfroren in dem bis zu minus 25 Grad Celcius kalten Kühlsystem im Innern des Lkw – ein „Metall-Sarg“, wie Medien den schalldichten Anhänger später nennen.

Befand sich die 26-jährige Pham Thi Tra My unter den Opfern? Zwar ist das von den Behörden nicht vollends bestätigt, doch die verzweifelte Familie im fernen Vietnam betrachtet das für sie so qualvolle Schweigen der Tochter als Nachweis genug. Seit den Nachrichten an jenem Morgen gab es keinen Kontakt mehr, obwohl die junge Frau sich sonst regelmäßig während ihrer Reise, die sie zunächst nach China und von dort nach Frankreich führte, gemeldet hatte.

Die Polizei in Großbritannien sowie anderen Ländern ermittelt, um sowohl die Identität der 39 Toten zu klären als auch mehr über die Hintergründe der Tragödie zu erfahren. Sie stellt sich auf eine „langwierige Untersuchung“ ein, da die Migranten kaum Dokumente mit sich geführt hätten, heißt es, weshalb sie mithilfe von Fingerabdrücken, DNA-Proben und körperlichen Merkmalen wie Narben identifiziert werden müssten. Mittlerweile aber gehen die Behörden zumindest davon aus, dass die Opfer aus Vietnam stammen.

In Gedenken an die Opfer wurden am Fundort Blumen niedergelegt.

Medienberichten zufolge haben in den entsprechenden Provinzen Nghe An und Ha Tinh 28 Familien Angehörige als vermisst gemeldet. Zudem hat die vietnamesische Polizei acht Verdächtige festgenommen. Sie sollen nach Ansicht der Polizei Teil eines Schleuserrings sein. Gegen Maurice R., den 25-jährigen Fahrer des Lkw mit bulgarischem Kennzeichen, wurde am vorvergangenen Wochenende Anklage wegen Totschlags erhoben. Der Nordire hatte den Notruf gewählt, kurz nachdem er um halb eins an jenem frühen Mittwochmorgen den Container am Hafen Purfleet abgeholt und im nahen Industriegebiet die Leichen gefunden hatte.

Der Sattelaufleger war zuvor vom belgischen Zeebrugge auf die Insel verschifft worden. Wann und wo die Menschen in den Lkw gelangten, ist auch zwei Wochen nach der Tragödie unklar. Die Anklage wirft Maurice R., der von Freunden nur „Mo“ genannt wird, nicht nur Totschlag in 39 Fällen, sondern auch Menschenhandel, Geldwäsche und Verstöße gegen das Einwanderungsgesetz vor. Am Montag vergangener Woche wurde der Nordire dem Gericht vorgeführt. Da hieß es, er sei angeblich Teil eines Netzwerks gewesen, das sich darauf spezialisiert, illegale Migranten nach Großbritannien zu schmuggeln.

Einen Lastwagen mit Migranten hat die Polizei nahe der griechischen Stadt Xanthi bei einer Autobahn-Kontrolle am Montag festgesetzt. Dem Newsportal „Xanthinews“ zufolge sollen sich im Laderaum des Lkw 41 Menschen befunden haben. Manche hätten bereits Atemprobleme gehabt, als die Türen des Lasters geöffnet wurden. Bei den Insassen soll es sich überwiegend um Männer im Alter zwischen 20 und 30 Jahre gehandelt haben. Über ihre Herkunft ist noch nichts bekannt, griechische Medien mutmaßen jedoch, dass sie illegal aus der Türkei eingereist sind. Immer wieder nimmt die griechische Polizei Schleuser fest, die mit Minibussen oder in Hohlräumen von Lastwagen Migranten aus der Region des griechisch-türkischen Grenzflusses Evros nach Griechenland bringen.

Wurden die 39 Menschen Opfer einer Gruppe der Organisierten Kriminalität? Sollten sie von Menschenschmugglern als Sklaven ins Königreich gebracht werden? Gehandelt und verkauft von Gangs, um in Restaurants oder Bordellen zu schuften? Der schreckliche Fall hat auf der Insel eine Debatte über moderne Sklaverei entfacht. In dem Report „Precarious Journeys“, den mehrere Anti-Sklaverei-Organisationen mit Hilfe des britischen Innenministeriums erarbeitet haben, wird deutlich, dass von 2009 bis 2018 mindestens 3187 Menschen aus Vietnam als potenzielle Schleuseropfer erfasst wurden. Die Dunkelziffer, so betonen Experten, dürfte weitaus höher liegen.

Laut eines Berichts der Regierung gehen die Behörden davon aus, dass zwischen 10 000 und 13 000 Menschen im Königreich in irgendeiner Form von moderner Sklaverei feststecken. Die drittgrößte Gruppe der Opfer ist laut offiziellen Angaben jene der Vietnamesen, mehr als die Hälfte von ihnen sind minderjährig. So wie Minh einer war, als er in die Fänge von Schmugglern geriet, wie er Medien erzählte.

Als der damals 16-Jährige im Sommer 2013 irgendwo nahe Dover von der Ladepritsche des Lastwagens springt, ahnt er nicht, dass er sich im Vereinigten Königreich befindet. Minh weiß lediglich, dass er an diesem Ort ist, um zu arbeiten. Schmuggler hatten ihn von Vietnam aus auf die Insel gebracht. Es ist eine gefährliche Reise, die für viele Menschen immer wieder im Tod endet. Für den Teenager sollte der wahre Horror jedoch erst mit seiner Ankunft in England beginnen.

Er wird in ein zweistöckiges Haus in der Grafschaft Derbyshire gebracht, das einmal ein gemütliches Familienheim gewesen sein mag, hinter dessen Mauern sich aber nun eine Cannabis-Farm verbirgt. Minh, so wird ihm aufgetragen, soll sich fortan um die Dutzenden Pflanzen kümmern, die in den Zimmern wuchern. Die solch einen starken süßlichen Gestank verbreiten, dass der Teenager nach ein paar Tagen Kopfschmerzen bekommt und ihm schlecht wird. Die anderen vietnamesischen Männer gehen, sperren die Tür ab und ihn ein. Minh ist allein.

Drei Monate lang verbringt der Jugendliche hier, es sind Monate voller Angst, Einsamkeit, Stress. Hinter den Rolläden gehen Tage in Nächte und wieder in Tage über. Minh sitzt in der Dunkelheit, stets getrieben von der Sorge, dass ihm das Essen ausgehen könnte, das seine Schlepper tiefgefroren in Kisten dagelassen haben und das er sich in einer alten Mikrowelle in der Küche aufwärmt. Minh weiß, er ist in ernsthaften Schwierigkeiten, sollten die Pflanzen unter den unzähligen Lampen sterben, also kümmert er sich noch härter um deren Überleben.

Wann und wo die Menschen in den Lkw gelangten, ist auch mehr als eine Woche nach dem Fund in einem Industriegebiet unklar.

Einmal wagt er den Fluchtversuch, doch ohne Erfolg. Vielmehr wird ihm eingetrichtert, dass sie ihn umbringen würden, sollte er noch einmal versuchen zu entkommen. „Es war wie eine andere Welt“, wird Minh später gegenüber dem „Guardian“ sagen. „Ich fühlte mich nicht einmal mehr wie ein Mensch. Ich habe sehr schnell verstanden, dass die Pflanzen wertvoller waren als mein Leben.“ Erst als die Polizei während einer Razzia die Cannabis-Farm entdeckt, ist sein Sklaven-Dasein vorüber. Trotzdem, ein Happy End gab es nicht sofort. Vielmehr fand sich der Jugendliche gefangen im britischen Justizsystem, das ihn nicht als Opfer, sondern als Kriminellen behandelte.

Sein Kampf um Gerechtigkeit warf viele Fragen in Großbritannien auf, wie das Land mit Kindern umgeht, die auf die Insel geschleust und versklavt werden. Im Jahr 2015 wurde mit dem Modern Slavery Act ein Gesetz geschaffen, das die Hürden für die Beschäftigung von Menschen aus bestimmten Ländern erhöht. Kritiker klagen jedoch, das Gesetz sehe zu wenig Opferschutz vor und konzentriere sich zu stark auf polizeiliche Maßnahmen.

Da die ins Land geschmuggelten Menschen wüssten, dass sie illegal im Königreich seien, hätten sie Angst vor der Polizei und es sei extrem unwahrscheinlich, dass sie ihre desperate Lage meldeten, heißt es in dem in diesem Jahr veröffentlichten Report „Precarious Journeys“. Manche würden vielleicht nicht einmal erkennen, dass sie Opfer von Menschenhandel seien, da sie selbst entschieden hätten, nach Großbritannien zu reisen und Schleuser dafür bezahlten, den Trip zu organisieren und einen Job für sie zu finden. Die Kosten für eine Reise liegen dem Bericht zufolge zwischen umgerechnet 9000 und 36 000 Euro.

Die Gründe, warum es so viele Menschen, insbesondere aus Vietnam, ausgerechnet nach Großbritannien zieht, sieht die Soziologin Tamsin Barber von der Oxford Brookes Universität zum einen darin, dass es bereits ein breites Netzwerk von Landsleuten gibt, die den Neuankömmlingen mit Unterkunft und Job helfen können. Zudem wissen die Menschen, dass sie im Königreich wahrscheinlich Arbeit finden und einiges an Geld an ihre Familien in der Heimat schicken können. Auf der Insel herrsche eine hohe Nachfrage nach gering qualifizierten Arbeitern, die dann in Restaurants, in Nagelstudios oder eben in der illegalen Industrie des Cannabis-Anbaus tätig sind, sagte Barber gegenüber Medien.

Organisationen, die sich dem Kampf gegen moderne Sklaverei verschrieben haben, warnen seit Jahren vor dem wachsenden Problem. Sollte oder wollte auch die 26-jährige Pham Thi Tra My, die vermutlich zu den 39 Toten zählt, in einem Nagelstudio arbeiten? Ihr Bruder erzählte einem BBC-Reporter, dass seine Schwester 30 000 Pfund, umgerechnet knapp 35 000 Euro, an Menschenschmuggler bezahlt habe, die ihr ein gutes, sorgenfreies Leben in Großbritannien versprochen haben.

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