Der oder die Erste? Das entscheiden 1,3 Millionen Hamburgerinnen und Hamburger am Sonntag.
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Der oder die Erste? Das entscheiden 1,3 Millionen Hamburgerinnen und Hamburger am Sonntag.

Hamburg wählt

Gegner wider Willen

  • Jan Sternberg
    vonJan Sternberg
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  • Marina Kormbaki
    Marina Kormbaki
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Die Grünen in der Hansestadt fordern die SPD heraus. Aber eigentlich arbeiten die Koalitionspartner geräuschlos zusammen und teilen viele Ansichten.

Drei Stunden sind schon vergangen in der letzten Sitzung der Hamburger Bürgerschaft vor der Wahl. Der Amtsinhaber und seine Herausforderin haben sich noch kein einziges Mal angesehen, obwohl sie nebeneinander sitzen. Peter Tschentscher (SPD), Erster Bürgermeister, liest ausdauernd Akten. Manchmal zückt er den Kugelschreiber und notiert etwas. Katharina Fegebank (Grüne), Zweite Bürgermeisterin, tippt die ganze Zeit auf ihrem Smartphone. Noch vor kurzem haben die beiden in den Sitzungen miteinander gescherzt. Jetzt sind die Koalitionäre Konkurrenten.

Am Sonntag wird in Hamburg gewählt, es ist die einzige Wahl in einem Bundesland in diesem Jahr. Deshalb und wegen des Desasters von Thüringen schauen die Parteizentralen von CDU und FDP nun gespannt in die Hansestadt.

Dabei steht Deutschlands zweite Metropole traditionell vor allem für sich selbst. Anderswo im Land müssen die neuen SPD-Chefs Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans erklären, warum die Sozialdemokratie partout nicht wieder flott wird. In Hamburg steuert Tschentscher unbeirrt seinen Kurs, der ihn bei Umschiffung einiger Untiefen in den Hafen des Wahlsiegs bringen kann. Er knüpft an die jahrzehntelang eingeübte Erzählung an, dass im Rathaus nun mal ein SPD-Mann ans Ruder gehört.

„Es gab Zeiten, als die SPD in Hamburg nicht an der Regierung beteiligt war und in denen es große Probleme gab“, sagt Tschentscher im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Alle anderen haben regiert, CDU, FDP, die Schill-Partei, später auch die Grünen. Am Ende dieser zehn Jahre hatten wir die höchsten Kitagebühren aller Zeiten, hatten Studiengebühren, tiefe Schlaglöcher in den Straßen und einen riesigen Bauskandal bei der Elbphilharmonie.“

In der längst zum neuen Hamburger Wahrzeichen erklärten Elbphilharmonie hat Tschentscher kürzlich am Steinway-Flügel in die Tasten gegriffen – vierhändig mit dem Pianisten Joja Wendt. Seitdem erwähnt der stets kühl und sachlich auftretende Tschentscher, dass er ja nicht nur ein dröger Zahlenfuchs sei, sondern auch Klavier spielen könne: „Es hat mir Spaß gemacht, weil es einigermaßen gelungen ist und dem Publikum gefallen hat. Ich denke, die Menschen mögen es, wenn Politiker auch etwas anderes können als nur Politik.“

Dann bremst er sich selbst: „Es gibt ein großes öffentliches Interesse an der Person des Ersten Bürgermeisters. Dem möchte ich gerecht werden, ohne dass Politik zur Show wird.“ Zu extrovertiert dürfe es nicht werden. Sehr wenigen Beobachtern wird bei Tschentscher zuerst die Eigenschaft „extrovertiert“ einfallen, und es soll auch Gegenden geben, in denen ein Kurzauftritt am Steinway noch nicht den Höhepunkt einer Politshow darstellt. Aber hier ist Hamburg.

Nach Olaf Scholz’ Wechsel in die Bundespolitik empfängt seit zwei Jahren der drahtige Tschentscher im holzvertäfelten Bürgermeisterzimmer. Der Ex-Finanzsenator und frühere Laborarzt hat die Zeit genutzt, um an seinem Selbstbewusstsein zu arbeiten. „Die Hamburgerinnen und Hamburger sind mit unserer Arbeit zufrieden“, sagt er. Er und die SPD würden dafür stehen, dass aus Visionen Realität werde – im Unterschied zu den Mitbewerbern.

Es ist die einzige Spitze gegen die Koalitionspartnerin. Genauso wie auf der Regierungsbank verhalten sich SPD und Grüne im Wahlkampf – weder mit- noch gegeneinander, sondern nebeneinander her.

Die Grünen gingen mit großen Hoffnungen in diese Wahl. Zum ersten Mal eine Frau als Chefin, zum ersten Mal eine Grüne – mit Katharina Fegebank schien diese Sensation greifbar. Noch vor wenigen Wochen lagen SPD und Grüne Kopf an Kopf.

In Hamburg und im Rest der Republik war die Hoffnung unter Grünen groß, Fegebank möge der Partei zu einem zweiten Ministerpräsidentenamt nach Baden-Württemberg verhelfen. Nach den vermasselten Landtagswahlen in Ostdeutschland bietet sich ihr in Hamburg die Chance, die Erzählung von den regierungsfitten Grünen wiederaufzunehmen und den Höhenflug in den Umfragen mit Substanz zu unterlegen. In den aktuellen Umfragen zieht aber Tschentscher davon.

In der schmalen Fußgängerzone von Hamburg-Rahlstedt fällt das Durchkommen an einem Sonnabend im Wahlkampf besonders schwer. Zwischen Supermarkt, Sparkasse, Reisebüro und Optiker haben die Parteien ihre Infostände aufgebaut. Am Stand der Grünen bildet sich eine Schlange Wartender um Fegebank. Ein junger Mann mit CDU-Broschüren fällt aus der Reihe.

„Ich bin zwar von der falschen Partei“, sagt der Helfer vom Nachbarstand der Christdemokraten, „aber mein Vater ist Grünen-Wähler.“ Er bittet Fegebank um ein Selfie, für seinen Vater. „Klar“, sagt sie, aber die umstehenden Grünen-Wahlkämpfer werden nervös. Ob der Mann die „CDU-Propaganda“ fürs Foto kurz weglegen könnte? Tut er nicht, und Fegebank hat kein Problem damit. „Bei uns ist es genau umgekehrt“, sagt die Tochter eines Lateinlehrers, „der Papa ist eher konservativ.“ Der junge Mann möge seinem Vater doch ihren Gruß ausrichten.

Fegebank hat keine Berührungsängste mit dem bürgerlichen Lager. Im Gegenteil. Sie setzt auf die Verbürgerlichung der Grünen.

Die 42-Jährige ist seit fünf Jahren Zweite Bürgermeisterin in Hamburg. Als Wissenschaftssenatorin hat sich die Mutter von Zwillingen den Ruf einer sachorientierten, zielstrebigen Politikerin erarbeitet. In ihrer Amtszeit wurde die Universität Hamburg Exzellenzuniversität. Erst vor wenigen Tagen wurde Fegebank vom Deutschen Hochschulverband zur Wissenschaftsministerin des Jahres gekürt.

„Radikal“: Der Begriff fällt häufig im Gespräch mit Fegebank. Sie fordert ein „Umdenken“ und „Umsteuern“, etwa für mehr Klimaschutz. Doch die behauptete Radikalität schlägt sich nicht nieder in der Politik der Hamburger Grünen. Vom Mietendeckel-Rigorismus der Berliner Grünen etwa, von kostenlosem öffentlichen Nahverkehr oder autofreien Innenstädten hält sie nichts. Lieber spricht Fegebank von der „autoarmen Innenstadt“.

„Wir setzen auf Veränderung, wir wollen Umbrüche beherzt angehen – aber so, dass die Menschen keine Angst haben“, sagt Fegebank und kommt schnell auf einen Mann zu sprechen, der die grüne Politik der Paradoxien schon länger vorlebt: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann.

Er aus dem Süden, sie aus dem Norden; er ein älterer Mann, sie eine jüngere Frau – die Unterschiede zwischen Kretschmann und Fegebank sind offensichtlich. Und doch ist er ein Vorbild: „Kretschmann hat mit der Politik des Gehörtwerdens, mit Klarheit in der Sache und einem unerschütterlichen Wertefundament Vertrauen geschaffen. Das beeindruckt mich“, sagt Fegebank.

Kretschmann verbrachte in der vergangenen Woche einen ganzen Tag im Hamburger Wahlkampf. An Fegebanks Seite absolvierte er Auftritte vor der Hamburger Wirtschaft. Sie warben für ein Miteinander von Ökonomie und Ökologie. Wieder lautete die Botschaft: keine Angst vor Grün.

Die Erzählung von den bürgerlichen Grünen reicht, um die CDU kleinzuhalten, deren letzte Sicherheit von der Thüringen-Sturm weggefegt wurde. Gegen eine bürgerliche SPD hilft es wenig.

Doch Tschentscher muss aufpassen, dass er nicht kurz vor dem Ziel noch auf ein Riff aufläuft. Kurz vor der Wahl ist die gefährliche Warburg-Untiefe aufgetaucht: Die Hamburger SPD muss sich des Verdachts erwehren, mit der Privatbank M.M. Warburg gekungelt zu haben. Es geht um eine Steuerrückforderung von 45 Millionen Euro, die das Finanzamt verjähren ließ, während Tschentscher Finanzsenator war. Es geht um Treffen des Warburg-Bankiers Christian Olearius mit Ex-Bürgermeister Scholz und dem Hamburger Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs – und um Warburg-Spenden an Kahrs’ SPD-Kreisverband.

Und es gibt das Klimariff: „Fridays for Future“ ist in Hamburg stark wie in keiner anderen Stadt, am Freitag vor der Wahl kommt Greta Thunberg zur Großdemonstration. Das hilft den Grünen – Tschentscher hingegen tut sich mit den Klimabewegten schwer. Zwei Mal diskutierte er im Wahlkampf mit „Fridays for Future“-Aktivistinnen und wich keinen Deut von seiner Position ab, dass Klimaschutz nur im Zusammenspiel mit Wirtschaft und Hafen zu bekommen sei.

Während Fegebank von der „autoarmen Innenstadt“ spricht, will Tschentscher die sprichwörtlichen Hamburger Staus bekämpfen, in dem er die U-Bahn ausbaut, einen Fünf-Minuten-Takt einführt und Radwege baut. Selbst die CDU ist hier radikaler, fordert ein 365-Euro-Ticket für alle. Und Hamburg nach Vorbild anderer nordeuropäischer Hafenstädte zur Fahrradstadt umzubauen, trifft auf Tschentschers geballte Vorsicht. „Wir bauen bereits 30 bis 40 Kilometer neue Radwege pro Jahr, können Hamburg aber nicht von einem Jahr auf das andere zu einer Radfahrerstadt machen wie Kopenhagen oder Amsterdam. Die haben dafür auch sehr viel länger gebraucht.“

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