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Gegen Korruption in Südafrika: Couragiert am Kap

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Von: Johannes Dieterich

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Schachspiel bei Agrizzi zu Hause: Schmiergeldkoffer als „Bauern“ und König Zuma (Mitte) in orangefarbener Häftlingskluft.
Schachspiel bei Agrizzi zu Hause: Schmiergeldkoffer als „Bauern“ und König Zuma (Mitte) in orangefarbener Häftlingskluft. © Johannes Dieterich

Whistleblower Angelo Agrizzi bringt Südafrikas Kleptokratie ins Wanken und bezahlt nun teuer dafür.

Allmählich gewöhnt man sich an das Rauschen, das aus Angelo Agrizzis Richtung kommt – genauer gesagt: aus dem Schlauch, der zu seiner Nase führt. Die durchsichtige Leitung ist fast 20 Meter lang und mit einem im ersten Stock der Johannesburger Villa aufgestellten Sauerstoffgerät verbunden: Wenn der Geschäftsmann seiner häuslichen Routine nachgeht, muss er aufpassen, dass er sich da nicht verheddert. Wird die Stromversorgung unterbrochen, was in Südafrika ständig passiert, sackt Agrizzis Sauerstoffgehalt im Blut innerhalb von fünf Minuten von über 90 auf unter 70 Prozent ab: Lebensgefahr!

Der schwergewichtige Hüne nimmt am Tag 48 Medikamente zu sich: In der Mehrheit als Pillen, acht Ampullen spritzt er sich täglich in den Bauch. Agrizzi ist zuckerkrank, leidet unter einem Lungenproblem und muss seinen Blutdruck im Zaum halten, Leber und Niere sind angeschlagen, sein Herz wurde bereits von einem Tumor befreit. „Brahmane“, wie ihn Freunde seiner bulligen Statur wegen nennen, ist gesundheitlich ein Wrack: Bereits zweimal sah sich der 54-Jährige an den Ufern des Hades angelangt – das zweite Mal, nachdem er im Gefängnis vergiftet wurde. Zumindest ist das seine Sicht der Dinge; offiziell wurde der Mordanschlag bisher nicht bestätigt.

Seit Angelo Agrizzi insgesamt neun Tage lang vor der Kommission zur Untersuchung zur Geiselnahme des Staates – der „State Capture Commission“ – auspackte, ist er im ganzen Land bekannt. Seine Aussage im Januar 2019 fegte durch Südafrika wie ein Wirbelsturm. In akribischen Details beschrieb er dem Vorsitzenden Richter Raymond Zondo, wie seine Firma Bosasa im Austausch für öffentliche Aufträge Schmiergeld in der politischen Kaste verteilte. Im Tresorraum wurden Berge an Banknoten abgezählt und in Sporttaschen gestopft, um an einflussreiche Staatsmänner und -frauen verteilt zu werden – bis hinauf zu Präsident Jacob Zuma persönlich. Agrizzi war der erste Zeuge, der vor der Zondo-Kommission alles zum Besten gab. „Er war der wichtigste ‚Whistleblower‘, den Südafrika bislang erlebt hat“, meint eine Ex-Kollegin.

Rassismus im Suff

Für den Kronzeugen selbst hat sich sein Mut bislang nicht ausbezahlt. Agrizzi wurde von seinen Widersachern als Rassist gebrandmarkt, weil er Schwarze Angestellte im Suff als „Kaffers“ bezeichnet hatte – das schlimmste Schimpfwort, das man in Südafrika verwenden kann. Mehrfach entschuldigte sich der Enkel einer italienischen Einwandererfamilie dafür – der Schandfleck blieb aber. Nach dem Auftritt vor der Zondo-Kommission wurde Agrizzi mehrmals verhaftet. Das erste Mal bereits wenige Tage nach seiner Aussage; das zweite Mal kam er sogar ins Gefängnis, wo ihn nachts in der Zelle zwei Gestalten aufgesucht und ihm eine Spritze ins Genick gejagt haben sollen. Jedenfalls schwebte Agrizzi dann wochenlang auf der Intensivstation zwischen Leben und Tod.

Gegenwärtig erlebt Südafrikas junge Demokratie die wohl heikelste Phase ihrer 28-jährigen Geschichte. Richter Zondo legte Anfang Januar den ersten Teil seines dreibändigen Abschlussberichts vor: Schon aus dem geht das atemberaubende Ausmaß der Plünderung der Staatskasse und der Unterwanderung staatlicher Institutionen hervor, die das Kap der Guten Hoffnung in den vergangenen zehn Jahren an den Rand des Abgrunds führten. Umgerechnet fast 100 Milliarden Euro soll der Raubzug die Bevölkerung gekostet haben. Und der institutionelle Schaden ist mit Geld nicht zu beziffern.

Staatspräsident Cyril Ramaphosa versichert, den Augiasstall seines Vorgängers Zuma auszumisten. Doch ein großer Teil seines Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) hält Zuma die Stange. Bislang endete lediglich eine Handvoll Verantwortlicher des „state capture“ vorm Kadi, weil die von Zuma kastrierte Staatsanwaltschaft ihrer gewaltigen Aufgabe nicht nachkommt.

Obwohl Whistleblower wie Angelo Agrizzi vom Präsidenten persönlich für ihren Mut und ihren Patriotismus gepriesen werden, haben sie tatsächlich mehr zu befürchten als die von ihnen bloßgestellten Verbrecher. Die Whistleblowerin Babita Deokaran musste ihre Aussage im vergangenen August mit dem Leben bezahlen; Athol Williams, der die absichtliche Zerschlagung der Steuerbehörde durch seinen Arbeitgeber, die US-Beratungsfirma Bain & Company, aufgedeckt hatte, musste nach Morddrohungen außer Landes fliehen. Agrizzi wurde bereits zweimal vor den Kadi gezerrt. Von Gerechtigkeit scheint das Kap so weit wie vom Nordpol entfernt zu sein.

Ein Zufall hatte den zum Koch ausgebildeten Agrizzi vor mehr als 20 Jahren mit Gavin Watson, einem von vier Brüdern aus dem Haus eines Kaufmanns in der Hafenstadt Port Elizabeth, zusammengebracht. Die weißen Watsons sprachen fließend Xhosa, spielten Rugby und widersetzten sich schon vor dem Ende der Apartheid der Rassentrennung im Sport – wofür ihnen der ANC einen Ehrenplatz eingeräumt hat.

Angelo Agrizzi.
Angelo Agrizzi. © Johannes Dieterich

Der leidenschaftliche Christ Gavin, der jeden Tag bei Bosasa mit stundenlangen Gebetstreffen begann, wusste seinen guten Ruf bei der Regierungspartei in klingende Münzen zu verwandeln: Er zog immer mehr öffentliche Aufträge an Land, die die Firma innerhalb von wenigen Jahren von 400 auf mehr als 6000 Beschäftigte anschwellen ließ. Bosasa versorgte täglich eine Viertelmillion Häftlinge mit Essen, sorgte auf den Flughäfen für Sicherheit und zäunte öffentliche Gebäude mit digitalen Einfriedungen ein: Insgesamt sollen öffentliche Aufträge von mehr als 700 Millionen Euro zugeflossen sein.

Urlaub in den Emiraten

Die Aufgaben innerhalb des Unternehmens waren fein säuberlich aufgeteilt: Als Chief Operation Officer (COO) war Agrizzi für den Betrieb Bosasas zuständig, während CEO Watson für neue Aufträge sorgte – mit immer fragwürdigeren Methoden, wie sich alsbald herausstellte. Anfangs hatte Agrizzi wohl damit nichts zu tun, doch irgendwann musste er die von seinem Chef angeleierten Schmiergeld-Arrangements immer häufiger durchziehen. „Ich tat das, weil Watson mich dazu anwies. Aber ich fühlte mich immer schlechter dabei. Ich begann, innerlich zu verfaulen.“

Sein Pakt mit dem „Vampir“ hatte allerdings auch angenehme Seiten. Agrizzi besaß damals gleich zwei rote Ferrari, pflegte sich in Designer-Klamotten einzukleiden und verbrachte Luxusurlaube in den Arabischen Emiraten, in Frankreich und Italien. Doch als bekanntwurde, dass die Staatsanwaltschaft in Sachen Bosasa zu ermitteln begann und ein erster Bericht an die Öffentlichkeit gelangte, musste Agrizzi erschrocken feststellen, dass sein Name darin die Hauptrolle spielte – dagegen kam Watson überhaupt nicht vor. Der Zuma-Freund verfügte über derart gute Beziehungen zur Staatsanwaltschaft, dass er für die Tilgung seines Namen sorgen konnte. „Da war für mich klar, wohin der Hase läuft“, erinnert sich Agrizzi: „Ich sollte als Sündenbock unter den Bus geworfen werden.“

Später erfuhr der COO, dass Watson bereits die Auszahlung seiner über die Firma laufenden Lebensversicherung beantragt hatte, als der am offenen Herzen operierte Agrizzi im Koma lag. Einigermaßen genesen kündigte er und machte keinen Hehl daraus, dass er auspacken würde. Watson bot ihm drei Millionen Euro an Schweigegeld an, auf Agrizzis Handy liefen indes die ersten Morddrohungen ein. Trotzdem sagte er gegenüber Zondo aus: „Das war ich schon alleine meiner Heimat Südafrika schuldig.“

Irgendwann wäre auch Gavin Watson an der Reihe gewesen: Hätte er sich nicht freiwillig zur Aussage vor der Kommission zur Verfügung gestellt, wäre er vorgeladen worden. Doch dazu kam es nicht: Am 26. August 2019 wurde der 71-Jährige morgens um fünf tot neben einem Fahrzeugwrack auf einer Zufahrtstraße zum Johannesburger Flughafen gefunden. „Selbstmord“, befand die Polizei. Der Bosasa-Chef sei mit hoher Geschwindigkeit gegen einen Betonpfeiler gerast. „Ausgeschlossen“, sagt Agrizzi. Mehrere Indizien wiesen darauf hin, dass Watson schon tot vor Ort zum Unfallopfer drapiert worden sei. Und die Mörder? „Sowohl in der Watson-Familie wie beim ANC hatten viele Interesse daran, dass Gavin nicht auspackt“, orakelt Agrizzi. Bei der Beerdigung sagt Jacob Zuma: „Wir sind der Familie Watson, deren Söhne sich dem Befreiungskampf anschlossen, zu größtem Dank verpflichtet.“

Todkrank unter Anklage

Als Agrizzi ein gutes Jahr später, am 14. Oktober 2020, zum zweiten Mal verhaftet wird, kommt er trotz seines miserablen Gesundheitszustands auch gleich ins Gefängnis. Seinen Antrag auf Kaution lehnt man wegen der angeblichen Fluchtgefahr ab. Dagegen wird sein Mitangeklagter Vincent Smith, ein ANC-Politiker, der sich von Bosasa unter anderem die Ausbildung seiner Tochter an einer britischen Uni bezahlen ließ, gegen Kaution freigelassen.

Bisher landete weder ein Mitglied der Watson-Familie noch einer der Aufsichtsräte von Bosasa auf der Anklagebank – stattdessen vier führende Firmenmitarbeiter, die zuvor alle als Whistleblower ausgesagt hatten. Dass statt den eigentlich straffällig Gewordenen die Kronzeugen in die Mangel genommen werden, kommt bei der Aufarbeitung des südafrikanischen „State Capture“ andauernd vor. Zahlreiche Whistleblower verloren ihren Job, wurden vor Gericht gezogen und müssen dort für ihren Rechtsbeistand auch noch selbst aufkommen – während die Anwälte ihrer Widersacher, meist korrupte Chefs von Staatsbetrieben, sich für die Kosten des anwaltlichen Beistands beim Steuersäckel bedienen dürfen. Angelo Agrizzi gab für seine Anwälte bereits eine Viertelmillion Euro aus – und dabei haben seine beiden Gerichtsverfahren noch nicht einmal begonnen. Dem angeschlagenen „Brahmanen“ kommt in diesem Fall sein katastrophaler Gesundheitszustand zugute: „So bin ich nicht verhandlungsfähig“, sagt er bitter lächelnd. Ob Angelo Agrizzi unter solchen Umständen gute Besserung zu wünschen ist?

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