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Das Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ nach der Explosion am 20. Juli 1944, die Hitler verletzt überlebte.

Hitler-Attentat

Gegen die Glorifizierung Stauffenbergs

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Historiker warnen davor, das Erbe des Hitler-Attentäters zu vereinnahmen.

Erst wollten sie am besten nichts von ihm hören, später haben sie ihn glorifiziert, heute wird sein Name auch dazu missbraucht, zum Widerstand gegen die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel anzustacheln: Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

Das Verhältnis der Deutschen zum Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944 ist stark geprägt vom jeweiligen Zeitgeist. Nach dem Krieg galten die Verschwörer, die zumeist aus der Wehrmacht stammten, vielen als Verräter. In den 1980er Jahren wurden plötzlich Mut und Edelmut der NS-Widerständler entdeckt – und ein bisschen aufs Volk übertragen. Vor zwei Jahren warb dann gar die Thüringer AfD-Landtagsfraktion mit dem Bild Stauffenbergs und dem Spruch „Der echte Antifaschismus hat keine bunten Haare“ für sich.

Werbung stößt Stauffenberg-Enkelin bitter auf

Stauffenberg-Enkelin Sophie von Bechtolsheim hält dies für übergriffig. Die Historikerin sagt: „Wir wissen nicht, wie die Menschen heute sich benehmen würden, und wenn eine Partei versucht, daraus Profit zu schlagen, ist das schon unangemessen, und ich würde sogar sagen unanständig.“ Bechtolsheim stößt auch die Verwendung des Begriffes „Widerstand“ durch die AfD bitter auf. Vergleiche zwischen „einem Widerstand in einem Rechtssystem, in unserem System“ und der Situation „der Männer und Frauen, die im Nationalsozialismus am Galgen gelandet sind“ herzustellen, sei absurd.

Ende Juni hatte von Bechtolsheim ihr Buch „Stauffenberg – Mein Großvater war kein Attentäter“ (Herder) veröffentlicht, in dem sie gegen Vereinnahmungen und Fixierungen auf die Einzelperson Stauffenberg anschreibt. Dahinter verschwänden die vielen einzelnen Persönlichkeiten aller Widerstandskreise aus der öffentlichen Wahrnehmung.

Der Begriff Attentäter passt nicht

Die Enkelin, die ihren Großvater nie kennenlernen konnte, befürchtet die „Verschüttung“ des Lebens von Stauffenberg. „Seine Geisteshaltung, seine Motive, seine Lebensleistung zusammenzuschnüren und sein ganzes Leben auf diese Tat hin zu stilisieren, das wird ihm nicht gerecht“, sagt sie. Der Begriff Attentäter, glaubt sie, könnte Stauffenberg in eine Reihe mit Attentätern der Rote-Armee-Fraktion oder islamistischer Attentäter stellen. „Er gehört nicht in die Reihe all derer, deren Ziel einzig die Gewalt, einzig die Aufmerksamkeit durch einen Mordanschlag ist.“

Im Frühjahr hatte das Erscheinen der Biografie „Stauffenberg. Porträt eines Attentäters“ (Blessing) von Thomas Karlauf für Aufsehen gesorgt. Darin vertrat er die These, Stauffenberg habe Hitler nicht aus moralischen Gründen töten wollen, sondern um einer vollständigen Niederlage Deutschlands zuvorzukommen. Karlauf sagte im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland allerdings auch: „Stauffenberg steht für Mut, Konsequenz und Entschlossenheit. Entschlossenheit, für das einzutreten, was er als richtig erkannt hatte, und dafür das Äußerste zu wagen. Er hat sich aus dem Milieu, in dem er aufgewachsen ist und das ihn bestimmte, erst befreien müssen, bevor er erkennen konnte, dass Hitler die falsche Wahl war. Er gehört in die Mitte der Gesellschaft, weil er jedem von uns den Spiegel vorhält: Und was tust du?“

Gedenken

Mit einer Feierstunde und einer Ausstellung in der Frankfurter Paulskirche erinnert die Stadt an die Frauen und Männer des deutschen Widerstands. Neben Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) wird der Autor und Stauffenberg-Biograf Thomas Karlauf in der Paulskirche sprechen. 

Karlauf war zuvor von der rechtspopulistischen Wählergemeinschaft „Bürger für Frankfurt“ als Redner abgelehnt worden, weil er Stauffenberg als „willigen Mitläufer der Nationalsozialisten“ darstelle, der erst „ganz spät und aus fragwürdigen Motiven zum Widerstand gegen das Hitler-Regime gefunden habe“. In der Tat ist Karlaufs Sicht deutlich differenzierter, wie er in seiner neuen Biografie beschreibt.

In Berlin werden rund 400 Rekrutinnen und Rekruten der Bundeswehr am heutigen Tag bei einem feierlichen Appell auf dem Paradeplatz des Bendlerblocks ihr Gelöbnis ablegen.

Die Ansprache zum Gelöbnis wird die neue Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) halten. Anschließend erinnern die Bundesregierung und die Stiftung 20. Juli 1944 in einer Feierstunde im Ehrenhof der Gedenkstätte Deutscher Widerstand an den Mut und die Aufrichtigkeit derer, die der NS-Diktatur die Stirn boten. Das ZDF überträgt die Gedenkveranstaltung ab 13 Uhr live.

Die Gedenkrede wird in diesem Jahr die Kanzlerin halten. Vor einer Woche hatte Merkel die NS-Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 in ihrer Videobotschaft als Vorbilder im Kampf gegen Rechtsextremismus heute bezeichnet. „Auch wir sind heute verpflichtet, uns allen Tendenzen entgegenzustellen, die die Demokratie zerstören wollen“, sagte sie. Es brauche ein „deutliches Zeichen aller“. (cle/elm)

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