+
Tessa Ganserer.

Transidentität

Gegen Blicke gibt es kein Gesetz

Seit sechs Jahren sitzt Tessa Ganserer für die Grünen im Landtag in Bayern – aber erst seit Januar mit ihrer richtigen Identität.

Wenn sie morgens das Haus in Nürnberg verlässt, dann ist der anstrengendste Teil schon geschafft, und es kann nur noch gut werden. Denn als Transfrau Sonntagmorgen mal einfach ungeschminkt zum Bäcker? Geht nicht. Als erste transidente Politikerin in einem deutschen Parlament sind auf Tessa Ganserer zudem besonders viele Augen gerichtet. Keine leichten Umstände für die aufwühlende Zeit, in der ihr biologisch männlicher Körper an ihre weibliche Geschlechtsidentität angeglichen wird.

Ganserer sitzt schon seit 2013 für die Grünen im Bayerischen Landtag, zunächst mit ihrem männlichen Vornamen, seit Beginn dieser Legislaturperiode als Tessa. Ganserer ist transident. Sie wurde bei der Geburt als Junge eingeordnet, stellte sich lange als Mann dar – sie identifiziert sich aber als Frau. Wie viele transidente Menschen in Deutschland leben, ist schwer zu sagen. Die Bundesregierung ging lange von mehr als 7000 aus. Die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität schätzt die Zahl auf bis zu 500.000, so an die 0,6 Prozent der Bevölkerung.

In der Öffentlichkeit zu stehen, habe es ihr wahnsinnig schwer gemacht, überhaupt zu sich selbst zu stehen, erzählt Ganserer. Als Politikerin wünsche man sich zwar Aufmerksamkeit, jedoch für seine Themen und Meinungen. „Bei meiner Transidentität geht es um den intimsten Teil meiner Persönlichkeit.“ Emotionaler Abstand sei da nicht möglich, die Sorge vor negativen Reaktionen und Anfeindungen groß. „Ich hatte Jahre lang Angst vor dem Coming-out, bis ich einfach nicht mehr anders konnte.“

Dass sie eine Frau ist, weiß die gebürtige Niederbayerin schon seit vielen Jahren. Irgendwann hat sie dann angefangen, zeitweise als Frau zu leben. Doch der Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung war groß. Die Menschen sollten sie so wahrnehmen, wie sie sich sieht. Nach Jahren der Quälerei habe sie es einfach nicht mehr ausgehalten. „Ich konnte mich nicht mehr verstecken.“

Im November 2018 gibt Ganserer bekannt, dass sie transident ist, wenige Wochen später, im Januar legt sie ihre männliche Verkleidung endgültig ab. Vorm Coming-out wussten nur wenige von ihrem wahren Ich: ihre Frau, ihre Schwiegermutter, ihre zwei Kinder, ein guter Freund und ihre Landtagsfraktion. Selbst ihren Vater hatte Ganserer nicht eingeweiht. Am Wochenende vorher war sie noch zu Besuch bei ihm im Bayerischen Wald, habe es aber nicht fertiggebracht, sich vor ihm zu outen, erzählt sie.

Nun weiß plötzlich ganz Deutschland von Ganserers Transidentität. Es trudeln Anrufe, SMS, E-Mails und Facebooknachrichten ein, viele sind von anderen Transidenten, einige aber auch von Menschen, die Ganserers Geschichte einfach beeindruckt und berührt, die ihr zu ihrem Mut gratuliert haben. „Diese ausgesprochen positiven Reaktionen haben mir die Kraft gegeben, die ich am Schluss nicht mehr hatte“, gesteht Ganserer

Auch heute noch stärken sie solche Nachrichten. Denn, das betont Ganserer, „trans zu sein ist nicht mit dem Coming-out erledigt. Erst dann geht der lange, steinige Weg los.“ Etwa wenn sie auf offener Straße oder in sozialen Medien beleidigt werde, wenn Menschen in der Bahn sie nicht nur irritiert, sondern abwertend anschauen. Gegen manches geht Ganserer strafrechtlich vor, gegen Blicke aber gibt es kein Gesetz. „Diese ablehnenden diskriminierenden Reaktionen geben immer wieder zu spüren, dass Teile der Bevölkerung mit Transidentität nicht zurechtkommen. Man muss dann immer wieder versuchen, das nicht zu nah an sich ran zu lassen.“ Und wenn dann noch sexuelle Belästigung hinzukommt, dann bedeutet das Diskriminierung als Frau und als Transident.

Diskriminierung kommt aber auch von oberster Stelle: Das Transsexuellengesetz von 1981 sieht vor, dass Transidente mit Psychologen und einem Richter sprechen müssen, um Vorname und Geschlecht offiziell zu ändern. In Sitzungen des Bayerischen Landtags, auf seinen Veröffentlichungen und im Internet wird deshalb noch immer Ganserers männlicher Vorname angezeigt. Tessa steht nur in Klammern dahinter. Eine belastende Situation, wie sie sagt. Sie findet das Gesetz entwürdigend, fühlt sich als Transfrau vom Staat nicht für voll genommen.

„Ich werde mich nicht vor einen Richter stellen, um mir intimste persönliche Fragen zu meinen frühkindlichen Erlebnissen, meinen sexuellen Präferenzen und Partnerinnen gefallen lassen, damit er für diesen Staat entscheiden kann, dass ich die Frau bin, die ich schon immer war.“ Kein Mensch, kein Staat und erst recht kein Richter habe das Recht dazu, über das Geschlecht eines anderen Menschen zu bestimmen. Im Frühjahr wollte der Bund das Gesetz erneuern, nach heftiger Kritik von Betroffenenverbänden wurde das Vorhaben für zunächst unbestimmte Zeit auf Eis gelegt.

Ganserers persönlicher Kampf ist auch ein politischer. „Ich will mein Mandat offensiv dafür nutzen, auf die Problemlage aufmerksam zu machen und Reformen einzufordern.“ Denn als Politikerin finde sie nun mal mehr Gehör – und es stärke sie, nicht nur für sich alleine zu kämpfen, sagt sie. „Ich zeige, dass es möglich ist, auch in öffentlichen Funktionen zu seiner Identität zu stehen.“

Tessa Ganserer ist aber lange nicht „bloß“ trans: „Ich bin Kaffeetrinkerin, Frühaufsteherin, Linkshänderin, Niederbayerin. Ich bin Vollblutpolitikerin genauso wie ich mit jeder Faser meines Körpers Frau bin.“ Sie wünscht sich, dass jeder jeden so nimmt, wie er ist. Sie weiß, was sie da verlangt: „Das Anerkennen der wissenschaftlichen Fakten, dass das Geschlecht sich nicht zwischen den Beinen, sondern zwischen den Ohren manifestiert, ist so revolutionär wie die Erkenntnis, dass die Erde keine Scheibe, sondern eine Kugel ist.“ (Rachel Boßmeyer, dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion