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Geht der Wut in Sachsen auf den Grund: Petra Köpping (SPD), Ministerin für Gleichstellung und Integration

Sachsen

Ein Gefühl der Demütigung

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Am Reformationstag macht sich Sachsens SPD auf die Suche nach den Wut-Ursachen der Bürger. „Niemand hat ihnen zugehört“, sagt Integrationsministerin Köpping.

Wenn Petra Köpping durch Sachsen fährt, Bürgersprechstunde hat oder am Rande von Demonstrationen Leute anspricht, macht sie immer dieselben, fast therapeutischen Erfahrungen: Einmal angestupst, erzählen sie, reden und reden, berichten aus ihrem Leben, entladen sich, manchmal ohne Punkt und Komma. „Niemand hat ihnen zugehört“, sagt die sächsische Integrationsministerin. „Niemand hat die Lebensgeschichten gewürdigt. Niemand hat konkrete Probleme wirklich ernstgenommen.“

Reformationstag in Leipzig, Alte Handelsbörse, 80 Gäste, die sächsische SPD ist auf der Suche nach Wut-Ursachen – 26 Jahre nach der Wiedervereinigung und wenige Wochen nach einem Einheitsfeiertag, der an der Dresdner Frauenkirche in Hassgeschrei ausartete. Die 58-jährige Ministerin, die wie keine anderes Mitglied der Dresdner CDU/SPD-Koalition seit Monaten durchs aufgewühlte Land fährt und die Ohren aufstellt, sucht schon lange nach Antworten auf die Frage, warum Misstrauen und Distanz zu Politik und Demokratie ausgerechnet in Sachsen und Ostdeutschland so groß sind. „Woher kommt all die Wut?“, fragt die ehemalige Bürgermeisterin und Landrätin.

Nach vielem Zuhören und Grübeln ist sie vor allem in der Zeit nach 1990 fündig geworden. „Eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Nachwendezeit, mit den vielfachen Schicksalsumbrüchen und Hoffnungen fand kaum mehr statt“, kritisiert sie. Wer es doch tat, sei als „Jammer-Ossi“ oder „DDR-Nostalgiker“ abgestempelt worden. Das habe die Leute im Osten wütend gemacht. In Sachsen, wo die AfD der CDU einheizt und Pegida seit zwei Jahren montags Kanzlerin Merkel beschimpft, sei es noch schlimmer gewesen.

„Weil von Staats wegen immer alles toll geredet wurde, entwickelte sich die Nachwendezeit noch mehr zum Tabuthema.“ Aber es sei höchste Zeit, darüber zu reden, über etwas, das wie ein „Stachel“ im Bewusstsein vieler Menschen stecke: Arbeitsplatzverluste, entwertete Biografien, Tränen, Trauer, Treuhand, Turbokapitalismus. Und auf der anderen Seite die „westdeutschen Glücksritter“, die Antikmöbelhändler, die ostdeutsche Dörfer ausräumten, die Führungspositionen für „Wessis“, die unseriösen Autohändler und Versicherungsvertreter, die Leute über den Tisch zogen.

Nur noch ein Klotz am Bein

„Das alles hinterließ ein Gefühl der Demütigung.“ Während man sich selbst beim Verlieren zugesehen habe, schienen andere zu gewinnen. Gerade Sachsen sei unter CDU-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf zum Versuchsfeld neoliberaler Politik geworden.

„Nach meiner Erfahrung wurde auch das zarte Pflänzchen demokratischer Beteiligung nach 1990 in Sachsen am Wachsen gehindert.“ Sachsen hatte seinen „König Kurt“, der die Menschen an die Hand nahm, ihren Stolz kitzelte und sie so durch unübersichtliche Zeiten führte. Zum Dank dafür wählten sie ihn drei Mal mit absoluten Mehrheiten, wie sie heute CDU-Vorsitzende nur noch aus Erzählungen kennen.

Vielen Sachsen hänge das wie ein „Klotz am Bein“ und sie würden es an Kinder und Enkel weitergeben. Wem der Osten gehöre, wer ihn beherrsche, darüber sei nun zu reden, aber bitte nicht in antiwestdeutschen Schwarz-Weiß-Tönen. Osteuropa zeige, wie viel dramatischer Umbrüche verlaufen sind, die „ohne helfendes Westdeutschland“ zurechtkommen mussten.

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