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Stephanie König (l.) und Torsten Jens pflanzen mit Geflüchteten Setzlinge am Alten Flugplatz.

Wir schaffen das

Geflüchtete und die Naturschule Hessen Frankfurt: „Das meiste kam aus dem Herzen“

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Stephanie König und Torsten Jens wollten Geflüchteten die Natur nahebringen. Daraus wurde viel mehr.

  • In Frankfurt half die Naturschule Hessen Geflüchteten, in Deutschland anzukommen.
  • Am Anfangen standen Skepsis und Misstrauen, aber auch viel Eurphorie und Tatkraft.
  • Auch wenn dsa Projekt nicht von Dauer ist, haben die Beteiligten viel mitgenommen.

Frankfurt - Es hilft zu wissen: Der Alte Flugplatz im Norden Frankfurts ist ein Sehnsuchts- und Lieblingsort der Stadt. Einst nervte er die Anwohner mit dem Hubschrauberlärm der US-Truppen – dann brachen kluge Planer den Beton auf, ließen die Natur wieder frei, und heute leben dort so viele Vögel und Amphibien wie kaum irgendwo sonst.

Am Alten Flugplatz Frankfurt-Bonames nahm die Geschichte ihren Anfang

Ein Wunder von einem Biotop, und dort sollte also eine große Unterkunft für Geflüchtete entstehen. Anfang 2016 wurden die Pläne bekannt. Entsetzt waren: Nachbarn, Naturschützer – und die Geflüchteten. „Hier stand ja nichts“, sagt Stephanie König. „Aber unsere Reaktion war: Ja!“, sagt Torsten Jens. „Es war die Chance, dass wir etwas tun können. Dass wir das schaffen.“

Jens, 53, und König, 56, leiten die Naturschule Hessen, sie organisieren Workshops für Kinder und Erwachsene, und sie erklären seit vielen Jahren als Landschaftslotsen die Umwelt rund um den Alten Flugplatz. „Wir fanden den Satz von Merkel richtig gut“, sagen sie. „Wir stehen voll dahinter in Bezug auf dieses Projekt.“

Dieses Projekt: Die Stadt hält an der Unterkunft für 350 Menschen fest, Modulwohnungen für Familien, trotz der Proteste der Gegner. „Am Anfang sind Steine geflogen“, sagt Stephanie König, „die Security stand hier. Wir dachten: Oje, ob das was wird?“ – „Ich habe gesagt: Ich lerne Arabisch“, erinnert sich Torsten Jens, er lacht, „aber es war schnell klar: So einfach ist das nicht.“

Schon frühe mischten sich Skepsis und Euphorie

Skepsis und Euphorie wechseln sich zu jener Zeit ab. Die Naturschule macht ein Konzept: Sie will den Menschen, überwiegend aus Syrien und Afghanistan, aber auch aus vielen weiteren Ländern, die Stadtnatur nahebringen. Bei Führungen für die künftigen Bewohner schwärmen die beiden von Pflanzen und Tieren der Umgebung – „und dann die trockene Nachfrage: Gibt es auch Kühlschränke?“ Das interessiert die Leute. Erst einmal nicht die Natur, sondern das praktische Leben.

Dass all die Menschen ihre Vergangenheit als Rucksack dabeihaben, dringt im Lauf der Zeit durch den Alltag. Zur Arbeit der Naturschule gehören Floßfahrten, inklusive Floßbau, alle gemeinsam, aus Holzteilen. „Wir haben uns gar keine großen Gedanken gemacht“, sagt Torsten Jens. Dann bemerkt die Gruppe: „Die gucken uns zu – Menschen, die wochenlang übers Mittelmeer geflohen sind –, wie wir Flöße bauen, als Spaß, zum Vergnügen.“

Ein Junge bricht schließlich das Eis, er will mitmachen, er nimmt eine Schwimmweste und wagt sich auf das wackelige Holzkonstrukt auf dem Fluss, er ruft den Familien zu: Kommt her, schaut mal! Erst später erzählt er, dass er nicht schwimmen kann.

Erst mit der Zeit schwinden Berührungsängste

„Was dann kam, war eine emotionale Achterbahnfahrt“, sagt Jens. Erinnerungen erwachen, die Geflüchteten erzählen unter Tränen: So war das, da kommen wir her, bei uns gab es Granatäpfel – so groß! Nähe entsteht. „Ihr müsst unbedingt zu uns nach Syrien kommen, hat eine Familie gesagt“, schildert König. „Wenn wir je wieder zurückfahren, dann übers Meer, mit dem Floß – mit euch.“

Die Familien bringen sich im Lauf der Zeit stärker ein, helfen bei Projekten, erzählen Kindergruppen aus ihrem Leben. Sie sollen auch etwas dafür als Lohn bekommen, aber kein Geld. „Also haben wir gesagt: Wir fahren nach Schlüchtern und holen ein Schaf.“ So geschieht es. Das Schaf wird ausgesucht, eine Woche später – nach behördlicher Fleischbeschau, alles hochoffiziell – ist das Fleisch abholbereit. Eine Frau auf dem Land ist neugierig: Sind das echte Flüchtlinge, darf ich mal anfassen? Eine andere will den muslimischen Gästen aus Dankbarkeit ein Schweinchen schenken. „Da haben wir gesagt: Das ist nicht so eine gute Idee.“

Lustige Momente, traurige Momente, beklommene Momente. Eine deutsche Viertklässlerin drückt sich beim Ausflug zum Alten Flugplatz ganz eng an Stephanie König. Was ist los? Ob das Flüchtlinge seien, fragt das Mädchen. Und wo sie denn dann ihre Schwimmwesten hätten. „Ich habe ihr erklärt: Die brauchen etwas ganz anderes.“

Ein Weidenlabyrinth erzählt die Fluchtgeschichte

Gespräche. König trifft sich abends mit den Frauen. Unter sich, ohne die Männer, haben sie enorm viel Power, tanzen zusammen, sprechen auch ganz offen. Eine der Frauen erzählt von ihren zwei Söhnen, die bei einem Bombenangriff ums Leben kamen. Stephanie König hat selbst zwei Söhne. „Da haben wir erst mal eine Runde zusammen geweint.“

Mit einer syrischen Familie bauen sie einen Pfad im Weidenlabyrinth aus den zwölf Stationen ihrer Flucht und laden die Stadtbevölkerung ein, den Weg von Erklärungstafel zu Erklärungstafel nachzuvollziehen – zu erkennen: Diese schier unglaubliche Reise hat die Familie lebend überstanden, wurde getrennt, fand erst hier, am Alten Flugplatz, wieder zusammen. Der Vater, gelernter Friseur, hat lange Arbeit suchen müssen. Die Familie ist inzwischen aus der Unterkunft ausgezogen in eine Wohnung, die meisten aus der Erstbelegung von 2016 sind weg. Die Proteste haben damals sehr schnell aufgehört. Es ist nichts Schlimmes passiert.

Die Naturschule plant für die Zeit nach den Geflüchteten

Die Menschen kommen nicht allein. „Sie bringen ein ganzes System mit“, sagt Torsten Jens. „Sie haben ihr Haus, ihr altes Leben, ihre guten Berufe aufgegeben, um hierher zu flüchten.“ Gebräuche. „Du trinkst nichts im Stehen. Du setzt dich hin.“ Der Umgang mit der Natur: Brombeeren und Äpfel aus der Umgebung ernten, nicht als Zufallsfund am Wegrand, sondern als Bestandteil der Versorgung. Was sie gern noch geschafft hätten: Mehr von der Kultur der Menschen ins Konzept des Ausflugsziels Alter Flugplatz einbinden, ihre Kochrezepte, ihre Lieder. „Essen verbindet. Und die Musik.“

„Das meiste kam aus dem Herzen“, sagen die beiden Landschaftslotsen, die zu wichtigen Bezugspersonen für entwurzelte Menschen wurden. „Wir würden alles wieder genauso machen. Den Menschen begegnen, wie sie sind – und wie wir sind“, sagt Torsten Jens. Er habe mit Murmeln spielen dürfen, das erste Mal seit der Kindheit. Dauerhafte Freundschaften seien trotz allem nicht entstanden, sagt Stephanie König, aber ein neues Bild von der Welt, in der wir leben, alle zusammen und doch getrennt.

Nächstes Jahr wird die Unterkunft aufgelöst; Gebäude und Technik haben ihre beste Zeit hinter sich. Die Naturschule macht ein Umweltbildungskonzept für die Zeit danach. (Von Thomas Stillbauer)

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