Flüchtlingslager Moria auf Lesbos
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In Armut und ohne Perspektive: Geflüchtete in Moria.

Moria

Geflüchtete auf Lesbos: „Man sollte nicht an einem Ort wie Moria leben“

  • vonAndreas Sieler
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Faris Al-Jawad von Ärzte ohne Grenzen spricht über die Situation in den Camps auf Lesbos, die Hürden der griechischen Behörden und mögliche Covid-19-Ausbrüche.

  • Auf Lesbos spitzt sich die Lage im Geflüchteten-Lager Moria weiter zu
  • 15.000 Menschen leben dort unter unmenschlichen Bedingungen
  • Im Falle eines Corona-Ausbruchs könnte sich das „Virus wie ein Waldbrand“ ausbreiten

Vor den Folgen eines Covid-19-Ausbruchs in dem völlig überfüllten Geflüchteten-Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos wird schon lange gewarnt. Nun hat die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) am vergangenen Wochenende ein Isolationszentrum für Verdachtsfälle geschlossen. Grund seien Bußgelder, die lokale Behörden gegen die Organisation verhängt hätten sowie eine drohende strafrechtliche Verfolgung aufgrund angeblicher Verstöße gegen die Stadtplanungsverordnung, wie MSF mitteilt. Die Hilfsorganisation reagiert mit deutlicher Kritik und Unverständnis. Faris Al-Jawad, zuständig für die Kommunikation von MSF in Griechenland, zur Lage in Moria.

Geflüchtete auf Lesbos: In Moria leben aktuell rund 15.000 Menschen, der Ort ist für 3000 Personen konzipiert

Herr Al-Jawad, das Lager in Moria ist bekanntermaßen überfüllt. Können Sie die Situation dort aus ihrer eigenen Erfahrung beschreiben?

Aktuell leben dort rund 15000 Flüchtlinge. Die Zahl fluktuiert. Die Menschen befinden sich an einem Ort, der für 3000 Personen oder weniger konzipiert ist. Die Zustände sind eng und klaustrophobisch. Es mangelt an einer vernünftigen medizinischen Versorgung, am Zugang zu Ärzten und an der Grundversorgung: Waschbecken, Toiletten, Duschen. Außerdem treffen natürlich verschiedene Altersstrukturen, Sprachen und Kulturen auf engem Raum aufeinander.

Die Menschen sind erschöpft, es kommt zu Gewalt. Jeder, der mit der Situation konfrontiert wird, findet die Zustände unerträglich. Es gibt viele Kinder, die aus Kriegsregionen geflohen sind. Ihre Unterbringung unter diesen unmenschlichen Umständen nach den Traumata, die sie erlebt haben, schadet ihrer mentalen Gesundheit. Unsere Psychologen haben mit Kindern zu tun, die von Alpträumen geplagt werden, an Mutismus leiden und sich in extremen Fällen selbst verletzen und sagen, dass sie nicht mehr leben wollen und schlimmstenfalls Selbstmordversuche begehen.

Hier leben Menschen, die Krieg, Gewalt und schreckliche Dinge erlebt haben. Sie kamen hierher mit der Erwartung, dass sie nun vielleicht an einem Ort sind, der sicher ist, an dem sie geschützt sind, an dem sich um sie gekümmert wird und an dem sie manifestierte Rechte haben. Und dann stellen Sie fest, dass es das nicht wert war. Das ist verheerend.

Moria auf Lesbos: 15.000 Menschen leben „im Dreck unter unmenschlichen Bedingungen“

Wie steht es um die medizinische Situation in den Camps?

Wir betreiben Gesundheitsförderung und haben ein großes Team aus Sanitätern. Wir haben darüber hinaus eine Kinderklinik, die Kindern eine medizinische Grundversorgung bietet. Unser Team geht in die Camps und hilft bei der Aufklärung über Präventiv-Maßnahmen gegen Covid-19. Wir haben Psychologen, die sich um Kinder kümmern und um die ernsten Fälle unter Erwachsenen. Und wir hatten ein Isolationszentrum für Covid-19-Verdachtsfälle.

Zur Person

Faris Al-Jawad (34) kommt aus London, ist Journalist und arbeitet seit mehr als drei Jahren für Ärzte ohne Grenzen (MSF). Derzeit lebt er in der griechischen Hauptstadt Athen und koordiniert von dort aus die Kommunikation aus den Projekten in der Region.

Das nun geschlossen wurde …

Wir sind sehr enttäuscht und gewissermaßen empört, dass - nicht zum ersten Mal - eine Nichtregierungsorganisation oder Humanitäre Helfer mit solchen administrativen Hürden konfrontiert werden. Und eine wichtige Sache dürfen wir dabei nicht übersehen: Wir haben die Aufgabe übernommen, weil sonst niemand da war, der es getan hat.

Es war Aufgabe der Behörden. Wir haben hier 15000 Menschen, die im Dreck und unter unmenschlichen Bedingungen ohne Grundversorgung und ohne genügend Wasser auf engstem Raum leben. Ohne Social-Distancing. Ein Corona-Ausbruch wäre der perfekte Sturm. Wir waren da, weil wir diese Lücke und die Bedrohung erkannt haben. Das nun das Zentrum geschlossen und wir sinngemäß attackiert wurden – mit Strafen für eine Arbeit, die getan werden muss – ist schlicht absurd.

Geflüchtete auf Lesbos: Szenarien für Corona-Ausbruch in Moria

Besteht die Hoffnung, das Isolationszentrum wieder zu öffnen?

Es ist zu früh, das zu sagen. Wer weiß, was bei einem Ausbruch passiert. Im Moment ist das Zentrum geschlossen, das ist die Realität. Und wir sind nicht in der Position, es schnell wieder zu eröffnen.

Es ist eine besorgniserregende Lage.

Faris Al-Jawad

Welche Szenarien gibt es für einen Ausbruch von Covid-19 in Moria?

Ich sage nicht, dass wir in der Lage gewesen wären, zu verhindern, dass ein Worst-Case-Szenario eintritt. Ich denke, wenn in Moria Fälle auftreten, wo die Menschen so dicht aufeinander leben, wo Social-Distancing und Vorbeugungsmaßnahmen unmöglich sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Virus wie ein Waldbrand ausbreitet, extrem hoch. Und ohne das Isolationszentrum ist der Puffer weg, Menschen isolieren zu können. Es ist eine besorgniserregende Lage.

Lesbos: „Alle gefährdeten Personen, vor allem Kinder, Frauen und Risikopatienten müssen aus Moria evakuiert" werden

Können die Behörden angemessen auf einen Covid-19-Ausbruch in Moria reagieren?

Ich kann nicht sagen, was passiert oder wie sie reagieren werden. Was wir wissen, ist, dass die Situation für die Menschen in Moria jetzt unsicherer ist. Besonders, da wir von einer Pandemie und einer potenziellen Notfallsituation sprechen. Das Isolationszentrum war eine Notfall-Vorsorgemaßnahme, um das Worst-case-Szenario gegebenenfalls abzumildern.

Was muss Ihrer Meinung nach nun auf Lesbos passieren?

Es geht weniger um meine persönliche Meinung, aber diejenigen, die zur Covid-19-Risikogruppe zählen – chronisch Kranke und alte Menschen – sollten nicht an einem Ort wie Moria leben. Ich möchte mich jetzt nicht im Detail an der Antwort versuchen, wie eine langfristige Lösung der Krise um die Geflüchteten aussehen kann. Aber wir können sagen, was umgehend getan werden muss: alle gefährdeten Personen, vor allem Kinder, Frauen und Risikopatienten müssen aus Moria evakuiert und an einem sicheren und geeigneten Ort untergebracht werden.

Interview: Andreas Sieler

Erstmals ist im überfüllten Migrantenlager von Moria auf der griechischen Insel Lesbos ein Mensch positiv auf das Coronavirus getestet worden.

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