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„Liebe Landsleute“, begrüßte Kohl die Gäste, ein Wort aufgreifend, das er 1989 benutzte.

Helmut Kohl

Der gefesselte Riese

Vor 25 Jahren spürte Helmut Kohl in Dresden, dass die deutsche Einheit kein Traum bleiben muss. Kohl nannte den Abend später ein Schlüsselerlebnis. Heute ist Kohl ein kranker Mann, ein „alter gefesselter Riese“, wie ihn Österreichs Alt-Kanzler Wolfgang Schüssel liebevoll nennt.

Auch der Freitagabend vor 25 Jahren war eher mild, niemand musste dicke Winterjacken tragen, Schals oder Mützen. Ansonsten war damals alles anders: Die Berliner Mauer war gerade anderthalb Monate zuvor gefallen, die Frauenkirche in Dresden noch eine rosenbewachsene Ruine, es gab sogar noch die DDR, angeführt von einem blassen, kleinen Mann namens Hans Modrow. Es waren unruhige, aber auch beschwingte Zeiten, die Zukunft war ungewiss. Niemand wusste, ob es weiterhin eine DDR geben würde. Alles war offen, Weltpolitik wurde von der Hand in den Mund gemacht.

Bundeskanzler Kohl war an jenem Abend in Dresden, er hielt vor mindestens 20.000 Menschen in der Nähe der Frauenkirchenruine eine Rede. Die vielleicht schwierigste Rede seines langen Kanzlerlebens, wie er später meinte. Ein Gang auf dünnem Eis. Kohl durfte die Hoffnungen der Ostdeutschen nicht enttäuschen, er durfte die Befürchtungen und Ängste der Alliierten nicht befeuern, er musste allen und allem gerecht werden, durfte nicht nationalistisch klingen, aber auch nicht inhaltslos. Viele jubelten ihm zu, etliche riefen „Deutschland, Deutschland“, es gab Transparente, auf denen das Wort „Wiedervereinigung“ stand. Aus „Wir sind das Volk“ wurde „Wir sind ein Volk.“

Kohl nannte den Abend später ein Schlüsselerlebnis. „Mein Ziel bleibt, wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, die Einheit unserer Nation", sagte er in jener Rede. Und als er die Fahnen sah, die Deutschland-Rufe hörte, wurde ihm klar:„Ich dachte bei mir: Die Sache ist gelaufen. Das Regime ist am Ende und die Menschen wollen die Einheit." So berichtete er es später.

Es war ein bewegender Abend

Am Freitagabend war er wieder in Dresden. Die Konrad-Adenauer-Stiftung hatte zu einer Feier ins Albertinum geladen, einen prächtigen Museumsbau unweit der Stelle, an der Kohl 1989 sprach.

Der 84-Jährige, der damals die schwierigste Rede seiner langen Kanzlerjahre gehalten hatte, ist heute ein kranker Mann, er sitzt im Rollstuhl, ein „alter gefesselter Riese“, wie ihn Österreichs Alt-Kanzler Wolfgang Schüssel am Abend liebevoll nennt. Kohl fällt das Sprechen schwer. „Liebe Landsleute“, begrüßte er die Gäste, ein Wort aufgreifend, das er 1989 benutzte. „Die Jahre waren schön und fürchterlich.“

Schüssel hat es ein paar Minuten zuvor geschildert: „Alles hätte auch ganz anders kommen können“, sagte er und erinnerte an das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking und an eine Hassrede des Serben Slobodan Milosevic, auf die tausendfaches Blutvergießen im früheren Jugoslawien folgte.

Es war ein bewegender und sentimentaler Abend, ganz im Gegensatz zu den schroffen Pegida-Aufläufen, welche gerade mit ihrer brüllenden Sprachlosigkeit und ihrem kaltherzigen Zorn die alte Residenzstadt zerzausen und die Politik aufs Höchste alarmieren: „Aus Ängsten kann nichts Gutes erwachsen“, sagt Ministerpräsident Stanislaw Tillich in einer kleinen und klugen Rede. Er erinnert daran, dass Westdeutschland Hunderttausende DDR-Flüchtlinge aufgenommen habe. Er fordert „Einsatz“ von der Politik, fordert, die Werte der friedlichen Revolution zu „verteidigen“. Es ist ein kämpferischer, ernster Appell, etwas, das gar nicht so recht in die Feierlichkeit dieses Abends passen will, aber wohl mal deutlich gesagt werden muss.

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