Die Gefangenen des Kaukasus

Wie ein Clan aus Inguschetien einen privaten Kleinkrieg gegen eine Entführerbande aus Tschetschenien gewann

Von Felix Hassel (Nasran)

Vielleicht ist es das Erbe von Großvater Belcharojew, der lieber als Partisan in die Berge ging, als sich vom sowjetischen Diktator Stalin deportieren zu lassen. Oder die jahrzehntelange Bespitzelung durch den sowjetischen Geheimdienst KGB. Auch die jahrhundertealten Gesetze des Kaukasus können der Grund dafür sein, dass die Belcharojew-Familie nicht nachgab, als tschetschenische Geiselnehmer zwei ihrer Kinder entführten. Statt auf die Gnade der Gangster vertrauten die Belcharojews, eine der prominentesten Familien der tschetschenischen Nachbarrepublik Inguschetien, auf Panzerfäuste, Maschinenpistolen und die Hilfe Allahs. Sie lieferten sich mit den Entführern eine wilde Schießerei und begannen ihrerseits einen gnadenlosen Kidnapper-Feldzug. 110 Tage, 17 Entführte und vier Tote, später waren die Kinder wieder frei und ein selbst für russische Verhältnisse sensationeller Kriminalfall beendet.

Nach Angaben des Moskauer Innenministeriums sind im Nordkaukasus von 1995 bis Ende September vergangenen Jahres 1289 Menschen entführt worden. Der Moskauer Regierung dient der angebliche Kampf gegen die Geiselnehmer als eines der Hauptargumente für den Tschetschenienkrieg. Noch immer sitzen bis zu 700 Geiseln in tschetschenischen Kellern oder abgelegenen Häusern. Spektakulär am Fall Belcharojew ist nicht, dass die Kidnapper eine der prominentesten Familien Inguschetiens ins Visier nahmen und ihre Opfer am hellichten Tag in der Hauptstadt Nasran entführten. Aufsehen erregte vielmehr die Entschiedenheit der Belcharojews - und ihre offene Schilderung des Entführungsablaufs.

Während die russische Regierung oder ausländische Hilfsorganisationen jeweils bis zu mehreren Millionen Dollar zahlten, um ihre Repräsentanten aus tschetschenischer Gefangenschaft freizukaufen, schlossen die Belcharojews die Zahlung von Lösegeld kategorisch aus und erklärten den Geiselnehmern den Krieg. "Wir sind die ersten, die den Gangstern eine Lektion erteilt haben", sagt Ibrahim Belcharojew, der Sicherheitschef der Familie.

Dabei sieht aus Sicht der Geiselnehmer zunächst alles nach einem leichten Routineauftrag aus. Es ist der Morgen des 21. Juni 1999, als der vierzehn Jahre alte Abdulchamid Belcharojew das Haus verlässt, um zusammen mit seinem neunjährigen Nachbarn Idriss Sjasukow zum Judounterricht im städtischen Kulturpalast zu fahren. Doch dort kommen die Jungen nie an. Ein unauffälliger weißer Lada folgt Abdulchamid und Idriss. Wenige hundert Meter neben der Residenz des inguschetischen Präsidenten Ruslan Auschew schlagen die Entführer zu: Zwei Männer in Trainingsanzügen überrumpeln die Jungen und werfen sie in den Kofferraum des Lada. Später laden sie die Jungen in eine große Wolga-Limousine um und bringen ihre Opfer ungehindert über die Grenze nach Tschetschenien.

Als Abdulchamid und Idriss am Nachmittag nicht wieder zurück sind, wird den Belcharojews klar, dass die Jungen entführt worden sind, denn die Familie macht aus ihrem Wohlstand keinen Hehl. Wo rostige Ladas und klapperige Lastwagen üblich sind, fahren die Belcharojews im schweren Volvo vor. Das Stammhaus der Familie an Nasrans Achrijewa-Hauptstraße ist ein Prachtbau aus Ziegelstein, umschlossen von einer mehrere Dutzend Meter langen Mauer und verziert mit metallenen Ornamenten, wie es im islamischen Inguschetien bei Reichen üblich ist.

Jachja Belcharojew, einer von acht Brüdern, ist Vizepräsident des inguschetischen Parlaments und leitet als ausgebildeter Arzt den Gesundheitsausschuss. Bruder Sultan, der Vater des entführten Abdulchamid, berät Präsident Ruslan Auschew, Koreisch Belcharojew diente als stellvertretender Premierminister. "Jede reiche Familie in Inguschetien musste damit rechnen, Opfer einer Entführung zu werden", sagt Ibrahim Belcharojew bei einer Tasse Tee im Wohnzimmer, das durch einen schwarz-gelben Wandteppich mit Suren aus dem Koran geschmückt ist. "Wir haben nicht geglaubt, dass tatsächlich jemand wagt, sich mit uns anzulegen. Wir haben auf unsere Stärke vertraut."

Die hat ihre Wurzeln nicht nur im Wohlstand und hohen Staatsämtern, sondern vor allem in der Struktur eines weitverzweigten Clans, der zusammenhält wie Pech und Schwefel. Stammvater Batal Belcharojew sammelte für seine Auslegung des Islam im 19. Jahrhundert so erfolgreich Anhänger um sich, dass der Zar ihn als "Gefahr für die gesellschaftliche Ordnung und Ruhe" gleich zweimal nach Sibirien deportieren ließ. Als Stalin am 23. Februar 1944 eine halbe Million Tschetschenen und Inguschen wegen ihrer angeblichen Kollaboration mit Hitler nach Kasachstan deportieren ließ, ging Ibrahims Großvater mit einigen Anhängern in die Berge und setzte den Sowjets im jahrelangen Partisanenkampf zu. Auch nach Stalins Tod überwachte der KGB die Belcharojew-Sekte. Öffentliche Ämter waren für ihre Mitglieder ebenso unerreichbar wie die Zulassung zum Studium. "Wir haben gelernt, dem Staat zu misstrauen und uns nur auf uns selbst zu verlassen", sagt Ibrahim Belcharojew.

Als deshalb die Familie nach der Entführung ihre Gegenstrategie plant, denkt Jachja Belcharojew, ein schmächtiger Mann mit zurückweichenden schwarzen Haaren und dünnem Schnurrbart, keinen Moment daran, die Behörden offiziell um Hilfe zu bitten. Das oberste Prinzip für den Entführungsfall hat der Familienrat schon vorher beschlossen: Keine Kopeke Lösegeld, selbst wenn deswegen einer der Unseren sterben muss. Die Belcharojews versetzen nicht nur die 70 Köpfe zählende Familie, sondern auch die Anhänger der von ihnen geführten Sekte in Alarm: nach ihren eigenen Angaben rund 10 000 von 300 000 Inguschen. Vertraute bei den russischen Sicherheitsbehörden überlassen den Belcharojews Scanner, mit denen sie den Radio- und Mobiltelefonverkehr in Inguschetien und Tschetschenien abhören. Der Clan beginnt mit einer privaten Rasterfahndung nach den Entführern und ihren Hintermännern. Zunächst erfolglos.

Als drei Wochen später immer noch jede Spur von den entführten Kindern fehlt, setzt die Familie für Informationen eine Belohnung von 20 000 Dollar aus. Fünf Tage später meldet sich ein tschetschenischer Kontaktmann: Brigadegeneral Suleim Jamadajew, Führer eines mächtigen Clans in Tschetscheniens zweitgrößter Stadt Gudermes, habe die Entführung in Auftrag gegeben. Zum Beweis übergibt der Kontaktmann das Videoband eines Verhörs mit einem seinerseits gekidnappten Offizier Jamadajews. Das Video bietet den Belcharojews eine Überraschung: In Nasran soll der Autohändler Baschir Barachojew, ein Nachbar und alter Freund der Familie, die Jungen ausspioniert und die Entführung organisiert haben. Seitdem ist Barachojew zweimal zu Besuch gewesen, um sein Beileid auszudrücken. Noch am gleichen Abend lädt die Familie den Nachbarn erneut zu Gast - und präsentiert ihm das Video. Barachojew gesteht. Mit der Warnung "Wenn Du uns nicht hilfst, verbrennen wir Deine gesamte Familie" lassen ihn die Belcharojews als Geisel im Keller verschwinden.

Zwei Tage später melden sich die Komplizen des verräterischen Nachbarn auf dessen Mobiltelefon. Baschir Barachojew verabredet ein Treffen mit drei Geiselnehmern an der inguschetisch-tschetschenischen Grenze. Zu dem fährt freilich nicht er. Ibrahim Belcharojew, der Bruder des entführten Abdulchamid, führt ein mit Maschinenpistolen und reichlich Munition ausgerüstetes Kommando an. Das kommt, wie Ibrahim stolz vermerkt, "ohne Angestellte aus: alles meine Vettern". Das Ziel des familiären Sturmtrupps: die drei Geiselnehmer als Geiseln nehmen und sie gegen die entführten Kinder austauschen. Doch die Tschetschenen sind auf der Hut. Als die Wagen der Belcharojews neben ihnen halten, eröffnen sie das Feuer. Am Ende des viertelstündigen Gefechts ist ein Geiselnehmer tot, die beiden anderen schwer verletzt. Einer von ihnen stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus. Den anderen verhören die Belcharojews erst in ihrem Keller. Dann bringen sie ihn ins Krankenhaus und spenden Blut für ihn. Doch drei Tage später stirbt auch Aslambek Dimilchanow, Bruder eines tschetschenischen Top-Kommandeurs, an seinen Verletzungen. "Statt drei lebender Geiseln hatten wir nur Tote. Das passte natürlich schlecht zu unserer Austauschstrategie", erzählt Ibrahim Belcharojew.

Um den Tod der Geiselnehmer geheim zu halten und den Wert der Ware nicht vollends zu verderben, kaufen die Belcharojews beim örtlichen Fleischkombinat eine große Kühltruhe und frieren die toten Tschetschenen ein. Dann nehmen sie die Spur auf, auf die der Geiselnehmer sie vor seinem Tod gesetzt hat: Weitere Mitglieder der Jamadajew-Gang sitzen in Urus-Martan, einer Stadt südlich von Grosny, und seit dem Ende des ersten Tschetschenien-Kriegs 1996 ein Zentrum für das Geschäft mit den Geiseln. Walentin Wlassow, der Tschetschenien-Beauftragte des russischen Präsidenten, sitzt in Urus-Martan 1998 ebenso seine mehrmonatige Geiselhaft ab wie die englischen Geiseln Camilla Carr und Jon James, die 14 Monate gefangen bleiben. Auch Abdulchamid Belcharojew und Idriss Sjasukow werden in Urus-Martan gefangen gehalten. Sie vertreiben sich die Zeit mit Lesen des Korans. "Ihr bekommt keinen Rubel für mich", sagt Abdulchamid seinen Wächtern. "Wenn Ihr mich tötet, gebt meine Leiche in würdigem Zustand zurück."

Anfang August 1999 gibt Ibrahim Belcharojew seinem Rollkommando den Einsatzbefehl Richtung Urus-Martan. Die Truppe findet zwar nicht die entführten Jungen, nimmt aber dafür einen weiteren Geiselnehmer gefangen und bringt ihn in den Familienkeller. Dessen nächster Insasse wird Timur Jewlojew, ein Beamter der Omon-Eliteeinheit der inguschetischen Polizei. Der Beamte hat den Wagen mit den entführten Jungen über die inguschetisch-tschetschenische Grenze begleitet. Die Belcharojews wundern sich nicht: Anders, als die russische Propaganda betont, verdienen am Entführungsgeschäft nicht nur Tschetschenen prächtig mit.

Von Januar bis September 1999 wurden in Russland 620 Menschen entführt; "nur" 278 von ihnen im Nordkaukasus, sagt Nikolaj Morosow, Vize-Chef der Abteilung für den Kampf mit dem Organisierten Verbrechen im Moskauer Innenministerium. In den russischen Kaukausrepubliken Dagestan, Nordossetien und Inguschetien finden tschetschenische Geiselnehmer oft bereitwillige Geschäftspartner - zum Beispiel unter Offizieren der russischen Armee. Leutnant Garegin Arutjunow vom Aufklärungsbataillion der 99. Division des russischen Innenministeriums verkauft im März 1999 zwei Untergebene tschetschenischen Geiselnehmern. Leutnant Wiktor Churdij und zwei andere Offiziere vom 503. Motorschützenregiment in Wladikawkas werden sich Anfang August 1999 mit den Tschetschenen handelseinig und überlassen ihnen die Gefreiten Pawel Kupin und Alexander Schirow.

Im Fall des Omon-Polizisten Timur Jewlojew finden die Belcharojews allerdings heraus, dass der Beamte geglaubt hat, lediglich einen Waffenschmuggel zu decken. Nachdem das russische Innenministerium höflich bittet, selbst mit dem prinzipienlosen Polizisten abrechnen zu dürfen, übergeben die Belcharojews Jewlojew den Behörden. "Insgesamt haben wir 17 Menschen entführt und in unserem Keller verhört", sagt Ibrahim Belcharojew. "Viele waren unschuldig und kamen nach einem Tag wieder frei. Die Behörden haben während all dieser Monate die Augen geschlossen und uns weder geholfen, noch behindert." Nach Informationen über den angeblichen Aufenthaltsort der Jungen stürmen die Belcharojews Wohnungen und Keller in Nasran und Grosny. Sie finden zwar nicht ihre Jungen, befreien aber sechs andere Geiseln.

Abdulchamid und Idriss aber bleiben in Gefangenschaft. Alle paar Tage treffen sich die Belcharojews mit Unterhändlern der Geiselnehmer an der Grenze. Um das Kidnapping ihres Unterhändlers zu verhindern, belauern sich Bewaffnete beider Seiten mit Maschinengewehren und Panzerfäusten in eigens ausgehobenen Schützengräben - eine surreale Szenerie, die Ibrahim Belcharojew wie alle anderen Etappen der Geiselnahme auf Video festhalten lässt. Während die inguschetischen Grenzbeamten so tun, als existiere die konkurrierende Militärpräsenz gar nicht, beklagen sich Beamte des Innenministeriums: "Ihr verscheucht die Tschetschenen, von denen wir eine unserer Geiseln freikaufen wollen!"

Nachdem die Verhandlungen wochenlang auf der Stelle treten, bietet Ilies Talchadow, Chef der Leibwache des tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow, seine Hilfe an. Talchadow schickt seinen Schwager Chisir, Major der Leibwache, nach Nasran. Ibrahim Belcharojew erzählt ihm im Vertrauen von den tiefgefrorenen Tschetschenen. Wenig später melden sich die Geiselnehmer und zeigen sich auf einmal bestens informiert: "Unsere Jungs sind ja schon tot! Ihr habt ja gar nichts zum Tauschen." Die Belcharojews lassen den mutmaßlichen Verrat nicht auf sich sitzen, sondern rüsten am 30. September ein neues Kommando aus. Diesmal fahren sie direkt nach Grosny. Dort holen sie Chisir Talchadow aus seinem roten BMW 850, kidnappen einen weiteren Maschadow-Leibwächter und einen Begleiter und werfen alle zusammen in ihren Keller.

Diesmal zeigt der Fischzug Wirkung. Am 3. Oktober bringt ein Taxi den neunjährigen Idriss zum Stammsitz der Belcharojews. Eine Woche später, 110 Tage nach seiner Entführung, wird auch Abdulchamid freigelassen. Die Belcharojews lassen ihrerseits ihre in Urus-Martan entführte Geisel und die beiden Maschadow-Leibwächter frei und händigen die beiden tiefgefrorenen Leichen aus. Baschir Barachojew, der verräterische Nachbar, wird von einem islamischen Gericht zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Die Belcharojews feiern die Freilassung der Jungen mit einem siebentägigen Fest. Vor ihren Häusern in Nasran stehen Leibwächter, keiner der Männer verlässt seine Wohnung ohne Waffe. Abdulchamid und der kleine Idriss werden nun von Leibwächtern zur Schule und zum Judounterricht gebracht. Doch die Belcharojews glauben nicht, dass sich noch einmal ein tschetschenischer Gangster mit ihnen anlegen wird. Sieben angeblich an den Entführungen Beteiligte stehen noch auf ihrer Racheliste: vor allem Brigadegeneral Suleim Jamadajew, der Chef des Entführerrings in Gudermes, der nach den Erkenntnissen der Familie von den russischen Behörden nach Beginn des Tschetschenienkrieges zum Vize-Kommandeur von Gudermes ernannt worden ist. "Wir sind friedliebende Menschen", sagt Ibrahim Belcharojew. "Aber wenn man uns etwas antut, werden wir schlimmer als alle anderen zusammengenommen."

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