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Gefahr durch Messer

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Mannheim, Anfang Mai 2022: Ein Polizeieinsatz endet tödlich. Videos gibt es nur von Zivilpersonen.
Mannheim, Anfang Mai 2022: Ein Polizeieinsatz endet tödlich. Videos gibt es nur von Zivilpersonen. © René Priebe/dpa

Allein in diesem Jahr starben in Deutschland bereits fünf Menschen durch Polizeischüsse. Von Annika Müller.

In Deutschland sind seit der Wiedervereinigung mindestens 315 Menschen durch Polizeischüsse getötet worden. Das geht aus Recherchen der Zeitschrift „CILIP – Bürgerrechte & Polizei“ hervor, die seit 1976 die Todesfälle und Hintergründe dokumentiert und mit Statistiken der Innenministerkonferenz abgleicht. Allein seit 2015 waren es 92 Todesfälle, die Zahlen sind seitdem auf einem so hohen Niveau wie zuletzt in den Neunziger Jahren.

In diesem Jahr wurden laut „CILIP“ bislang fünf Menschen durch Polizeischüsse getötet – vier davon hätten sich mutmaßlich in einer psychischen Ausnahmesituation befunden. So zum Beispiel am 3. August in Köln: Bei einer Zwangsräumung im Stadtteil Ostheim greift der 48-jährige Mieter die Polizeikräfte mit einem Messer an, reagiert nicht auf Pfefferspray und die Warnung, dass man schießen werde, sollte er das Messer nicht ablegen. Zwei Schüsse werden auf Schulter und Oberschenkel abgegeben – der Mann verblutet noch vor Ort. Im Anschluss wird Kritik laut, der 48-Jährige sei der Stadt als psychisch krank und suizidgefährdet bekannt gewesen. Die Zwangsräumung wurde deshalb im Vorfeld schon einmal abgesagt, nach einem Klinikbesuch galt er aber als nicht mehr suizidgefährdet, weshalb die Zwangsräumung durchgeführt wurde.

Fall in Frankfurt

Einen Tag davor war ein 23-jähriger Somalier im Frankfurter Bahnhofsviertel von einem Polizeibeamten getötet worden, der sechs Schüsse auf ihn abgegeben und ihn dabei fünf Mal getroffen hatte. Die Beamten hatten die Tür in einem Hotel aufgebrochen und einen Polizeihund ins Zimmer geschickt, den der Mann mit Messerstichen schwer verletzte. Dann hatte der Mann nach Angaben der Behörden trotz Ermahnung eine Stichbewegung in Richtung der Polizisten gemacht, worauf der Beamte das Feuer aus seiner Dienstwaffe eröffnete.

Etwa bei der Hälfte der Todesfälle durch Polizeischüsse gab es zuletzt Hinweise auf psychische Erkrankungen. Der Kriminologe Thomas Feltes kritisierte wiederholt, dass die Polizei hier nicht angemessen reagiere. Pfefferspray oder Elektroschocker würde nicht die Reaktion hervorrufen wie bei gesunden Menschen. Stattdessen führten sie eher „zu einer Verstärkung der Aggression und einem starken Angstgefühl“, hatte Feltes dem Redaktionsnetzwerk Deutschland bereits im Mai gesagt.

Tödliche Kontrolle

Nach tödlichen Schüssen bei einer Polizeikontrolle in Lyon im Südosten Frankreichs ist ein zweiter Insasse des Autos seinen schweren Verletzungen erlegen. Der 26-jährige Fahrer des Wagens sei am Freitagabend im Krankenhaus gestorben, teilte die Staatsanwaltschaft von Lyon am Wochenende mit. Sein 20-jähriger Beifahrer war sofort tot gewesen.

Eine vierköpfige Polizeipatrouille wollte am Donnerstag auf einem Parkplatz im Vorort Vénissieux ein als gestohlen gemeldetes Auto kontrollieren. Die zwei Männer, die in dem Auto saßen, versuchten mit dem Wagen zu fliehen. Dabei fuhren sie nach Polizeiangaben einen Polizisten an. Der Angefahrene und ein Kollege gaben mehrere Schüsse ab. Gegen beide Polizisten wird nun wegen Körperverletzung mit Todesfolge im Amt ermittelt. dpa

Eine weitere Auffälligkeit: In den vergangenen Jahren war ein Großteil der Opfer mit einer Stichwaffe, etwa einem Messer, bewaffnet. Auch das trifft auf vier der fünf Fälle aus diesem Jahr zu. Im vergangenen Jahr waren sechs der acht von der Polizei erschossenen Menschen mit Messern bewaffnet.

Etwa am 24. Juni 2021 im baden-württembergischen Freudenstadt. Dort betätigt eine Frau wegen häuslicher Gewalt den Notruf. Die Polizei trifft auf die Frau, ihren Lebensgefährten und ein Kleinkind, versucht nach eigenen Angaben den Konflikt zu schlichten. Doch der 45-Jährige zieht laut Polizei plötzlich ein Messer. Ein Beamter droht mit Schusswaffengebrauch und macht seine Drohung wahr, als der Mann mit dem Messer auf ihn zukommt. Er stirbt.

Auch wenn es in Deutschland häufiger zu Todesfällen bei Polizeieinsätzen kommt, sind die Zahlen im Vergleich zu den USA noch immer niedrig. In den Vereinigten Staaten werden jährlich rund 1000 Menschen von der Polizei erschossen – auch bei fast viermal so vielen Einwohner:innen wie in Deutschland eine völlig andere Dimension. Im europäischen Vergleich stellt es sich anders dar: In Frankreich gab es 2020 neun Todesfälle durch Polizeischüsse, in Spanien waren es zwei. (mit FR)

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