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Ankunft in Rom: Cesare Battisti, begleitet von Polizisten.

Italien

Gefängnis statt Strand

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Das lässt sich Salvini nicht nehmen: Italiens Innenminister nimmt den früheren Linksextremisten Cesare Battisti persönlich in Empfang.

Der Augenblick, in dem der ehemalige Linksterrorist Cesare Battisti nach fast 38 Jahren Flucht italienischen Boden betrat, wurde im Fernsehen live übertragen. Der rechtspopulistische Innenminister Matteo Salvini war am Montag eigens zum römischen Flughafen Ciampino gefahren, wo die Militärmaschine aus Bolivien landete, um den Erfolg für sich zu verbuchen. Battisti, von einem großen Polizeiaufgebot über das Flugfeld geführt, wurde direkt nach Sardinien gebracht, in eine Isolationszelle des Gefängnisses von Oristano. Er muss eine lebenslange Haftstrafe absitzen. Dem heute 64 Jahre alten Ex-Mitglied der linksextremistischen Gruppe „Bewaffnete Proletarier für den Kommunismus“ werden in Italien vier Morde in den späten 70er Jahren angelastet. Er war Anfang der 90er Jahre in Abwesenheit verurteilt worden.

Jahrelang hatte Battisti zunächst in Frankreich, dann in Brasilien gelebt, wo er den Schutz linker Regierungen genoss. Brasiliens neuer Präsident, der Rechtsradikale Jair Bolsonaro, erließ Mitte Dezember Haftbefehl und kündigte die Auslieferung an. Es sollte ein „kleines Geschenk“ an den politischen Freund Salvini sein. Daraufhin war Battisti spurlos verschwunden, bis er Interpol-Fahndern am Samstag in der bolivianischen Stadt Santa Cruz de la Sierra ins Netz ging.

„Es war unmoralisch, einen Kriminellen wie Battisti Champagner in Paris trinken zu sehen oder am Strand in Brasilien“, sagte Salvini. „Er muss sein Leben hinter Gittern beenden.“ Wäre Battisti aus Brasilien ausgeliefert worden, hätten ihn höchstens 30 Jahre Haft erwartet. Dort ist lebenslang unzulässig.

Battisti soll 1978 und 1979 zwei Polizisten erschossen haben und an den Morden seiner Gruppe an zwei Geschäftsleuten beteiligt gewesen sein. Er bestreitet die Mordvorwürfe.

In den „Anni di piombo“, den bleiernen Jahren, wie die Zeit zwischen Ende der 60er und Anfang der 80er Jahre genannt wird, als Italien reihenweise blutige Anschläge von Rechts- und Linksterroristen mit Hunderten Toten erlebte, hatte Battisti nicht zu den bekanntesten Linksextremisten gehört. 1981 gelang ihm die Flucht aus einem italienischen Gefängnis, er ging nach Mexiko, dann nach Paris. Dort gab es ab Anfang der 80er Jahre eine Kolonie linker italienischer Justizflüchtlinge, denen der damalige sozialistische Präsident Francois Mitterand Asyl gewährte. Voraussetzung war, dass sie politischer Gewalt und bewaffnetem Kampf abschworen.

Battisti begann eine Karriere als Krimischriftsteller, gefördert von linken Intellektuellen wie Bernard-Henri Levy. 2004 ging er nach Brasilien, wo er inhaftiert wurde, dann aber den Schutz von Ex-Präsident Lula da Silva genoss. Seine Verbrechen galten in Brasilien seit 2013 als verjährt. Er ist mit einer Brasilianerin verheiratet. In Italien hatten sein Lebensstil und Fotos, die ihn am Strand von Rio zeigten, für Empörung gesorgt.

Dem italienischen Forschungszentrum „Sicherheit und Terrorismus“ zufolge halten sich noch etwa 50 rechtskräftig verurteilte Linksterroristen im Ausland auf. Etwa 30 leben in Frankreich, darunter Ex-Mitglieder der Roten Brigaden und Giorgio Pietrostefani, der heute 74 Jahre alte Mitbegründer von „Lotta Continua“. Er ist in Italien wegen Polizistenmordes zu 22 Jahren Haft verurteilt. Andere Ex-Terroristen leben in der Schweiz, Peru und Nicaragua.

Salvini und seine Lega wollen nun vor allem Frankreich auffordern, die Verurteilten an Italien auszuliefern. „Wir setzen darauf, dass Battisti nicht der letzte Terrorist ist, der in Italien seine Strafe absitzen muss“, sagte Salvini am Montag.

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