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Angespannte Lage: ein Teilnehmer der Oppositionsproteste in Caracas.

Venezuela

Gefährliches Patt in Venezuela

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Venezuelas Machthaber Maduro hat die Offensive seines Herausforderers Guaidó überstanden, aber die Opposition demonstriert weiter. Bei Unruhen werden viele Menschen verletzt.

Als dieser denkwürdige Tag im Ringen um die Macht in Venezuela vorbei war, sehen sich beide Protagonisten als Sieger. „Der Tyrann versteckt sich aus Angst hinter den vier Wänden des Präsidentenpalastes“, behauptet Oppositionsführer Juan Guaidó am Dienstagabend. „Nicolás Maduro hat weder die Unterstützung noch den Respekt der Streitkräfte und schon gar nicht den vom Volk“, lässt Guaidó in einer kurzen Videobotschaft wissen, die so ein bisschen wirkt, als käme sie schon aus dem Untergrund.

Anderthalb Stunden später ist der autokratische Herrscher an der Reihe. Von einem verängstigten Machthaber aber ist nichts zu spüren, als sich Maduro um 21 Uhr direkt aus dem Miraflores-Palast live auf allen TV-Kanälen an die Bevölkerung wendet. Es ist vielmehr ein Auftritt, der nach großem Selbstvertrauen aussieht. Verteidigungsminister Vladimir Padrino und Diosdado Cabello, Chef der Verfassunggebenden Versammlung ANC, flankieren den Staatschef. Dazu ein Dutzend Generäle und hohe Offiziere. 53 Minuten doziert Maduro mit einer triumphalen Aura und sagt, mal wieder sei ein Putschversuch gegen ihn gescheitert. Und er sagt noch etwas, das nichts Gutes für seinen Herausforderer bedeutet: „Damit es Frieden geben kann, müssen wir Gerechtigkeit üben“, unterstreicht Maduro und bezeichnete die Partei Guaidós, „Voluntad Popular“, als eine „terroristische Partei“.

Der Auftritt Maduros ist das Ende eines Tages, der in die Geschichte des Landes eingehen wird. Er hatte noch vor Morgengrauen mit einem Coup begonnen, der eigentlich Auftakt zum Sturz des chavistischen Machthaber sein sollte.

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Als es hell geworden war an diesem 30. April, weckte eine unerwartete Nachricht die Venezolaner. Guaidó und sein Mentor Leopoldo López standen seit 5.45 Uhr auf der Stadtautobahn Francisco Fajardo vor der Militärbasis La Carlota im Stadtzentrum von Caracas und riefen die Endphase der „Operation Freiheit“ aus. „Der Sturz des Regimes ist nicht mehr aufzuhalten“, versicherte der Oppositionsführer. Und als Beweis dafür hatte Guaidó vor Morgengrauen mit ein paar Dutzend abtrünnigen Nationalgardisten die Oppositionsikone López aus dem Hausarrest befreit und so die chavistische Regierung erneut herausgefordert.

Lange Stunden des Chaos in Venezuela

Es folgten lange Stunden des Chaos, der Gewalt und der Scharmützel zwischen Sicherheitskräften und vor allem jungen Oppositionellen. Am Ende waren 69 Menschen verletzt.

Es waren die vielleicht gefährlichsten Stunden im Machtkampf zwischen dem Maduro-Lager und der Opposition. Ein Bürgerkrieg war zu befürchten. Aber anders als von Guaidó versprochen, liefen keine weiteren Militärs zur Opposition über. Als es dunkel wurde, suchte López, der fünf Jahre Knast und Hausarrest in den Knochen hat, mit seiner Familie in der spanischen Botschaft Zuflucht. Vermutlich hat sich auch Guaidó in eine diplomatische Vertretung zurückgezogen, um einer Festnahme zu entgehen.

Die spanische Botschaft teilte am Mittwoch mit, López und seine Familie hätten kein Asyl in Spanien beantragt. Der Gründer der Partei „Voluntad Popular“ hatte 2014 versucht, Maduro mit wochenlangen Massenkundgebungen zu stürzen. Dabei starben mehr als 40 Menschen. López wurde daraufhin zu 13 Jahren Gefängnis verurteilt.

Direkte Konfrontation: Oppositionsanhänger und Soldaten der Regierungsseite.

Die Auftritte der beiden Gegner Maduro und Guaidó, die sich jeweils für die legitimen Präsidenten Venezuelas halten, sagt alles über den Erfolg des Guaidó-Coups vom Dienstag. Auch nach mehr als drei Monaten der Selbstproklamation, der Unterstützung von 54 Staaten weltweit und harten Wirtschaftssanktionen der USA sitzt Maduro noch immer im Miraflores-Palast. Das einst linke chavistische Regime, das seit mehr als 20 Jahren in Venezuela regiert, hat längeren Atem bewiesen, als ihm zugetraut wurde.

Die Entwicklungen in Venezuela dominieren auch die Lateinamerikareise von Außenminister Heiko Maas. Bei seiner zweiten Station in Bogotá sagte Maas am Dienstagabend nach einem Treffen mit seinem kolumbianischen Amtskollegen Carlos Holmes Trujillo: „Es bleibt dabei, Juan Guaido als Übergangspräsident zu unterstützen. Wir hoffen, dass das ein friedlicher Weg werden wird. Wir wissen, dass die Situation sensibel ist, nicht nur in Caracas, sondern im ganzen Land.“ Die Bundesregierung hatte sich frühzeitig hinter Guaidó positioniert und ihn als legitimen Präsidenten des südamerikanischen Landes anerkannt.

Über Venezuela lag am Mittwochmorgen eine erwartungsvolle Spannung. Caracas erwachte ruhig. Vor der Luftwaffenbasis La Carlota waren noch die Zeichen der Auseinandersetzungen des Vortages zu sehen. Trümmer, Steine, Reste von Barrikaden und ausgebrannte Fahrzeuge. Militärs bezogen vor der Basis Stellung.

Showdown um die Macht in Venezuela geht weiter

Im Verlaufe des Tages aber ging der Showdown um die Macht im Land weiter. Schon am frühen Morgen riefen beide Kontrahenten ihre Anhänger zu Massenkundgebungen auf. Maduro twitterte einen Glückwunsch an die Arbeiterklasse des Landes, die in ihm immer einen „Präsidenten hat, der ihre Rechte gegen das Imperium und seine Lakaien“ verteidigen werde. Juan Guaidó hatte sich schon im Morgengrauen über die sozialen Netzwerke an die Venezolaner gewandt: „Guten Morgen, heute geht es weiter“, schrieb er über den Kurznachrichtendienst Twitter.

Vor allem Guaidó muss beweisen, dass er noch das Momentum auf seiner Seite hat. Die Bevölkerung begann, das Vertrauen in ihn zu verlieren. Er hatte ein schnelles Ende des Regimes versprochen, als er sich am 23. Januar zum Übergangspräsidenten erklärte.

Aber vorerst ist Maduro trotz aller Sanktionen und Drohungen noch da, und es sieht nicht so aus, als würde sein Sturz unmittelbar bevorstehen.

Sehr zum Leidwesen der darbenden Bevölkerung könnte sich der Showdown noch eine lange Zeit hinziehen. Dabei hat Venezuela einen wirtschaftlichen und sozialen Absturz hinter sich, der seinesgleichen sucht.

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