+
Model failed breast contest but won second place a year later thr

Schönheitsoperationen

Gefährlicher Wahn

  • schließen
  • Imre Grimm
    schließen

Optimierung per Skalpell: Immer mehr minderjährige Mädchen legen sich für fragwürdige Schönheitsideale unters Messer.

In dem Moment, als Lisa Herkner kapituliert, sitzt sie vor dem Laptop und guckt Youtubevideos. Sie sieht Frauen, die erzählen, wie ihre Brustimplantate sie krank gemacht haben. Die damals 20-Jährige fühlt in sich hinein. Auch sie hat Implantate. Und plötzlich versteht sie: Das ist nicht normal. Diese Schmerzen im ganzen Körper, ständig dieses „fremde“ Gefühl, dass etwas in ihrem Körper steckt. „Ich sah krank aus“, sagt sie heute. „Ich war blass, hatte Augenringe und Haarausfall. Ich war überhaupt nicht mehr ich selbst.“

Lisa Herkner war 18 Jahre alt, als sie sich die Brust vergrößern ließ. Körbchengröße D. Warum? Sie stand vor dem Spiegel im Fitnessstudio, schaute sich an und verglich sich mit ihren Idolen von Facebook und Instagram. Makellose Mädchen mit perfekten Körpern, mit glatter, gebräunter Haut, mit Kurven. „Ich wollte zu diesem Idealbild gehören, möglichst perfekt sein.“

So kurzfristig wie der Entschluss war auch die Operation, in einer Praxis auf dem Berliner Kurfürstendamm. Man könne einen besonders günstigen Preis anbieten, hieß es dort, weil man so große Mengen an Implantaten einkaufe. Es ist das Discounterprinzip.

„Ich war zu Beginn natürlich happy, merkte aber immer mehr, dass ein D-Körbchen überhaupt nicht zu meinem zierlichen Körper passte.“ Lisa Herkner ist 1,56 Meter groß. Am Ende war ihr Körper klüger als sie selbst.

Lisa Herkner hat ihre Leidensgeschichte bei Instagram öffentlich gemacht. Die Krankenpflegerin und Bloggerin hat als „lisacouture“ knapp 70 000 Follower. Sie will anderen Mut machen. Und sie warnen. Denn immer mehr junge Menschen wünschen sich Schönheitsoperationen – Nase verkleinern, Brüste vergrößern, Fett absaugen. Das Ziel ist, die digitale Ästhetik der Selfie-Welt auch in der Realität zu erreichen.

Ein Brust-Model-Wettbewerb war ausschlaggebend für Yuanyuans Operation.

Manche Mädchen kommen schon mit bearbeiteten Selfies in die Praxen, berichten Ärzte. Es gibt entsprechende Fotofilter namens „Plastica“ oder „Bad Botox“, die Nutzerinnen so aussehen lassen, als hätten sie schon etwas machen lassen – oder wie Schönheitschirurgen schwarze Markierungen auf die „Problemzonen“ aufzeichnen. Instagram hat in diesen Tagen entschieden, diese Effektfilter zu entfernen. Man wolle die „bestehenden Richtlinien zugunsten der psychischen Gesundheit der Nutzerinnen“ anpassen.

Von einer zunehmenden Enttabuisierung ästhetischer Eingriffe spricht auch Maria Boyce. Sie ist Fachärztin für Plastische und Ästhetische Chirurgie am Medical One Schönheitszentrum Stuttgart – eine von 18 Privatkliniken der Kette deutschlandweit. „Eine immer jüngere Klientel befasst sich mit Schönheit und Optimierung“, sagt Boyce. Gerade in sozialen Medien werde suggeriert, dass es fast normal sei, sich operieren zu lassen. Aber: „Eine OP kann lebenslange Narben bedeuten und bei Komplikationen einen langen, traumatisierenden Verlauf nehmen. Das ist eine beängstigende Entwicklung.“

Auch deshalb will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Werbung für Schönheitsoperationen, die sich speziell an Minderjährige richtet, verbieten lassen. „Das Signal unserer Gesellschaft an junge Menschen muss sein: Du bist okay, genauso wie du bist“, sagte der CDU-Politiker jüngst dem „Tagesspiegel“. Zu oft vermittle Werbung für Schönheitsoperationen falsche Botschaften und setze Jugendliche unter Druck. Bisher ist diese Werbung nur verboten, wenn sie sich „ausschließlich oder überwiegend“ an Kinder unter 14 Jahren richtet. Generell ist sie untersagt, wenn sie Vorher-Nachher-Vergleiche solcher Eingriffe zeigt. In der Praxis wird es wohl auf einen kompletten Stopp hinauslaufen. Schließlich kann Werbung kaum so gezielt gesteuert werden, dass sie nicht doch Minderjährige im Internet erreicht.

84 Prozent

der Menschen auf deutschen OP-Tischen sind Frauen.

Ein Werbeverbot geht vielen aber nicht weit genug. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC), Lukas Prantl, sagt: „Man muss viel weitsichtiger regulieren.“ Der Verband fordert schon lange eine rechtliche Regelung, die Patienten vor Behandlungen durch nicht qualifizierte Ärzte schützt. Eine Facharztausbildung solle für Schönheitschirurgen verpflichtend sein, genauso die Mitgliedschaft in einem Fachverband. Denn der, sagt Prantl, „sichert die Qualität der Branche. Mitglieder unterliegen einem Verhaltenskodex, wir haben einen Ethikrat und geben Empfehlungen zum seriösen Gebrauch von sozialen Medien heraus.“

Soziale Medien werden auf oft perfide Art als Werbeplattform für Schönheitskliniken genutzt. Influencer-Sternchen, C-Prominente und Ex-„Bachelor“-Kandidatinnen nehmen ihre Follower buchstäblich mit in die Praxis, berichten in Videos von ihren Eingriffen – und bekommen dafür dicke Rabatte von den Ärzten.

So erreicht die Werbung genau die Zielgruppe, die Spahn schützen will. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach fordert seit Jahren sogar ein generelles Verbot von Schönheitsoperationen für Minderjährige. Dem gegenüber stehe aber das im Grundgesetz verankerte Selbstbestimmungsrecht, erklärt der Berliner Rechtsanwalt Jürgen Rodegra, der sich auf Arzthaftungsrecht spezialisiert hat. „Ein generelles Verbot würde über das Ziel hinausschießen“, meint er und verweist auf den großen Graubereich von sinnvollen, aber nicht notwendigen Eingriffen wie zum Beispiel Ohrenanlegen. Außerdem seien die Auflagen bei Operationen von Minderjährigen sehr hoch: Weil sie nicht voll geschäftsfähig sind, müssen Ärzte auch Eltern umfassend aufklären und einwilligen lassen.

Um einen Schönheitswettbewerb zu gewinnen, lässt sich Model Li Yuanyuan operieren.

Die Altersstruktur der Patienten wird nicht statistisch erfasst. Fest steht: Die Zahl der Schönheits-Operationen ist in Deutschland 2018 auf ein Rekordhoch gestiegen. 77 485 Operationen registrierte die Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen in einer offiziellen Ärztebefragung, neun Prozent mehr als im Vorjahr. Bei Männern hat sich die Zahl verdoppelt. Die Dunkelziffer dürfte noch viel höher sein, denn solche Eingriffe darf jeder zugelassene Arzt durchführen, ohne Facharztausbildung. Auch ein Urologe darf eine Nase richten. Dazu kommen Heilpraktiker und Kosmetiker, die Behandlungen mit Botox und Hyaluron praktisch in der Mittagspause anbieten. Das Nervengift Botox reduziert Falten, Hyaluronsäure kann das Bindegewebe straffen. Alles nur eine Frage des Geldes.

Kritik an medial verbreiteten Schönheitsidealen gibt es seit Jahren. Instagram und Youtube wirken wie Brandbeschleuniger, die die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschleiern. Attraktivität ist eine der wichtigsten Währungen im sozialen Miteinander geworden.

Es gibt Mädchen, die nur noch im Gehen essen, weil sie glauben, damit mehr Kalorien zu verbrauchen. Junge Frauen, die sich stündlich aufs Gramm genau wiegen und die in einschlägigen Foren Fotos von skelettartigen Anorexiepatientinnen feiern. Und die darum wetteifern, wer die meisten Münzen auf seinem Schlüsselbein balancieren kann. Millionen dokumentieren stolz ihre „Thigh Gap“, die Lücke zwischen ihren Beinen, oder ihre „Bikini Bridge“, die herausstehenden Hüftknochen, die den Bikinirand so anheben, dass er sich wie eine Brücke zwischen ihnen spannt.

Der Druck, optisch mithalten zu müssen, treibt am Ende viele Jugendliche auch in die psychosomatischen Kliniken. Etwa zu Professor Burkard Jäger, Ambulanzchef der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Er behandelt Patienten mit Essstörungen und krankhafter Körperwahrnehmung. „Schon Kindergartenmädchen im fünften oder sechsten Lebensjahr machen heute Diäten“, sagt er. Von Störungen beim Körperbild betroffen seien vor allem junge Mädchen mit mangelhaftem Selbstwertgefühl. „Jeder braucht Anerkennung. Aber wenn ich nur die Optik habe, um mir Anerkennung zu verschaffen, wird es eng.“

Soziale Medien machten „süchtiger als Zigaretten“, hat eine britische Studie ergeben. Denn sie füllen eine Lücke. Sie täuschen mit verführerischen Äußerlichkeiten Zugehörigkeit vor und machen ihre Nutzer millionenfach zu Selfie-Soziopathen im Sog des Selbst. „Wir sind die Stars unserer eigenen Filme“, schreibt US-Autor Jonathan Franzen. Erst allmählich zeigen sich die dunklen Folgen dieses globalen Trends: Die Children’s Society in England hat ermittelt, dass die größte Sorge im Leben von Sechs- bis Zehnjährigen nicht Liebe, Familie, Schule und Freunde sind, sondern das eigene Aussehen.

Zwei Jahre nach ihrer Brustvergrößerung kam bei Lisa Herkner die große Reue. Nach weiteren zwei Jahren ließ sie sich die Implantate entfernen. Für ihren Instagram-Kanal posiert sie weiterhin, mal im Bikini am Strand, mal selbstironisch mit Grimassen oder Luftballons als Brüsten. Gegen Schönheitsoperationen grundsätzlich hat sie nichts, „soll jeder tun, was er möchte“, sagt die 23-Jährige. „Alles, was ich mache, mache ich für mich.“ Und was macht sie? „Ich habe Hyaluron in den Lippen.“

Selbstoptimierung weltweit

Deutschland liegt mit rund 300 000 Schönheitsoperationen im Jahr auf Platz sechs der Länder mit den meisten ästhetisch-plastischen Eingriffen weltweit – eingerechnet sind hier auch die Eingriffe, die nicht in ästhetisch-plastischen Praxen, sondern von anderen Medizinern oder Kosmetikern vorgenommen wurden. 84 Prozent der Menschen auf deutschen OP-Tischen sind der Internationalen Gesellschaft für ästhetisch-plastische Chirurgie (Isaps) zufolge Frauen.

Die Patientinnen sind jung: Die demografisch kleine Gruppe der 18- bis 30-Jährigen macht ein Drittel der Kundinnen aus. 2018 war nach Erhebungen der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen die Ober- und Unterlidstraffung mit 11,2 Prozent die beliebteste Schönheitsoperation, gefolgt von – fast gleichauf – Fettabsaugung und Brustvergrößerung.

Die Vorlieben für bestimmte Eingriffe schwanken von Land zu Land, auch wenn die Brustvergrößerung weltweit die begehrteste Operation ist. Die größten Märkte für plastische Chirurgen sind die USA und Brasilien. Dort haben junge Frauen seit zwei Jahren besonders häufig ihr Hinterteil im Blick: Um gute 20 Prozent ist der Anteil der Poliftings gestiegen. In Japan, dem Land mit der drittgrößten Zahl an Operationen insgesamt, steht die Verwandlung des asiatischen Augenschnitts in einen europäischen ganz oben. Italienerinnen wiederum sind verrückt nach Fettabsaugen, unter Südkoreanerinnen ist die Vaginalverjüngung besonders gefragt.

Und die Männer? Machen weltweit nur rund 14 Prozent der Patienten aus. Auch bei ihnen stehen Augen, Nase und Fett im Mittelpunkt – aber Haartransplantationen holen auf.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion