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Nur Distanzspiel geht noch.
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Nur Distanzspiel geht noch.

Corona

Gefährlicher Stillstand

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Der zweite Lockdown lähmt die knapp 90 000 Vereine in Deutschland. Das führt zu akutem Bewegungsmangel und bedroht auch den sozialen Kitt der Gesellschaft.

Felix Neureuther war bekannt dafür, im Stangenwald viel zu wagen. Doch auch nach der Karriere ist Neureuther, der zu den bekanntesten deutschen Skifahrern gehört, noch mutig, indem er massiv Kritik am Verhalten der Politik übt. Die konzentriere „sich nur auf Homeschooling“ und lasse dabei den Sport komplett außer Acht. Der 36-Jährige befürchtet wegen der Pandemie „enorme Auswirkungen“ nicht nur auf den Nachwuchs im Leistungssport, sondern vor allem auch im Breitensport. „Das, was mich am meisten ärgert, ist, dass die Politik noch nicht so weit ist, dass sie erkennt, wie wichtig Bewegungsförderung für unsere Kinder ist“, sagte der ARD-Experte kürzlich in der Sendung „Blickpunkt Sport“ im Bayerischen Rundfunk.

Nach Studien der Weltgesundheitsorganisation WHO treiben 84 Prozent der Jugendlichen in Deutschland zu wenig Sport, mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler zwischen sieben und 14 Jahren haben Haltungsschäden. Neureuther fragt als Familienvater: „Was wird gerade für die Bewegung getan? Nichts!“

Die Zahl derjenigen Jugendlichen, die täglich mehr als acht Stunden vor den Bildschirmen verbringen, sei auf 25 Prozent gestiegen. Andere Studien sprechen sogar schon von 45 Prozent, die sich so lange mit TV, Konsole, Computer oder Smartphone beschäftigen. „Wenn das so weitergeht, dann herzlichen Glückwünsch Deutschland. Dann werden unsere Kinder nicht gesund in die Zukunft gehen“, warnt Neureuther. Von einer „Generation C“ ist mittlerweile die Rede, die für den aktiven Sport verloren gehe.

Wie überhaupt den knapp 90 000 Sportvereinen der zweite Teillockdown deutlich mehr zu schaffen macht als die ersten Einschränkungen. Nach einer Untersuchung der Sporthochschule Köln befürchtet jeder zweite Verein in den kommenden zwölf Monaten eine existenzbedrohende Lage. „Je länger Sportvereine ihrem Zweck nicht nachkommen dürfen, desto schwächer wirken sie als stabilisierendes Element der Gesellschaft. Es geht sozialer Kitt verloren, der gerade in einer individualisierten Zuwanderungsgesellschaft von Bedeutung ist“, sagte Studienleiter Christoph Breuer.

Die vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) geförderte Studie legt den Finger in die Wunde. Während der Profisport dank aufwendiger Hygienekonzepte und nicht zuletzt auch seiner politischen Verbindungen grünes Licht für den Fortbetrieb erhalten hat, muss der Amateursport ruhen. Nicht allen ist das zu vermitteln. DOSB-Präsident Alfons Hörmann sieht generell ein schwieriges Jahr für den Sport in Deutschland. Es herrsche „bildlich gesprochen an vielen Stellen Bewegungslosigkeit. Der Sport befinde sich „sozusagen in einer gewissen Form von Sippenhaft wie auch die Kultur oder andere Bereiche“. Besonders problematisch sei, „dass die Einschränkungen nun immer länger und länger dauern“. Der lange Lockdown gefährde das, was die Vereine über die reine Bewegung hinaus an Werten vermittelten, sagte er gegenüber der FR: „soziale Kontakte, aktive Beiträge zur Gesundheit und ein hohes Maß an Lebensfreude“. Der DOSB-Chef weiß, dass die Politik auf einem schmalen Grat unterwegs ist, aber unter dem Strich stehe eine „unbefriedigende Situation“. Der Sport könne seine Aufgaben für Integration, Inklusion und Miteinander nicht ausüben.

Olympia als Vorbild?

Die Olympischen Spiele 2021 in Tokio – sollen sie stattfinden? Über die Frage wird nicht nur beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) heftig diskutiert: DOSB-Präsident Alfons Hörmann spricht sich nicht nur im Sinne der Athleten und Athletinnen dafür aus, die sich damit einen Lebenstraum erfüllen. Aus seiner Sicht sei auch die Vorbildwirkung für junge Generationen nicht zu unterschätzen. „Olympische Spiele sind der Ort, an dem sich die Sportfans versammeln und die ganze Vielfalt menschlichen Sporttreibens bestaunen können. Wie sollen die Kinder und Jugendlichen, über deren Bewegungsmangel wir sprechen, Begeisterung vor Sportarten entwickeln, die sie zuvor noch nie sehen konnten, wenn nicht mit Hilfe Olympischer Spiele?“

Zu einem Signal der Hoffnung für die Zeit nach der Pandemie könnten die Spiele durchaus taugen – und zugleich einen enormen Motivationsschub für die nächste Generation bringen. „Diese Signale für morgen benötigt die ganze Welt heute mehr denn je“, betont der DOSB-Chef. hel

Hörmann kann nur an die rund 27 Millionen Vereinsmitglieder appellieren, solidarisch zu bleiben und nicht auszutreten. Den Wert der Vereine als „soziale Tankstellen“ gelte es unbedingt zu bewahren. Aber wie viel ist zuvor vielleicht irreparabel kaputt gegangen?

Mit Sorge betrachtet Kurt Mosetter den Bewegungsmangel, der sich schon vor Ausbruch von Covid-19 wie eine ansteckende Krankheit verbreitet hat. Vier von zehn Kindern litten vor Corona an chronischen Schmerzen, drei von zehn nahmen regelmäßig Medikamente ein. Der Leiter des Zentrums für interdisziplinäre Therapie (ZiT) in Konstanz, zu dessen Praxisverbund weitere Niederlassungen in Süddeutschland und der Schweiz gehören, berichtet von Kindern und Jugendlichen „mit Kopfschmerzen, mit Bauchschmerzen, mit Migräne, mit Tourette-Syndrom“, die sich nun vermehrt in Behandlung begeben würden. „Es gibt auch immer mehr Betroffene mit Essstörungen, Dickleibigkeit, Diabetes oder ADHS. Auch Überaktivität und Aggressivität spielen eine größere Rolle, wenn die Familie längere Zeit unfreiwillig auf engem Raum zusammen sein muss“, erklärt der 56-Jährige, der eindringlich die Tonlage verschärft: „Wenn die Kinder keinen Sport machen, kann der Bewegungsmangel die Triebfeder sein, dass sie zu viel und falsch essen. Der innere Rhythmus geht verloren.“ Ein Teufelskreis. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) berichtet von einer massiven Zunahme von verhaltensauffälligen Kindern.

Mosetter: „Wir nennen sie ‚leidende Kinder‘, bei denen die Angst im Körper steckenbleibt. Sie fallen einfach um, weil sie die Stresshormone nicht mehr abbauen. Auch hier würde Sport, Training, Bewegung, soziale Interaktion helfen. Wenn die Kinder in ihrem Handlungs- und Bewegungsspielraum und Selbstausdruck isoliert sind, fehlt das Ventil.“ Schlafstörungen sind nur eine Folge.

Der Freiburger Kreis, die Interessenvertretung der 180 größten deutschen Amateursportvereine, fordert daher eine Perspektive. „Die Strategie kann nicht sein, darauf zu warten, bis wir alle geimpft sind“, heißt es. Einfach alle Sportangebote zu verbieten, sei nach fast einem Jahr Pandemie nicht mehr zeitgemäß. Es müsse eine differenzierte Betrachtungsweise her.

Hörmann sagt, die größte Bürgerbewegung des Landes trage ja die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung mit, aber man vermisse an manchen Stellen „denkbare Ansätze, die den Sport nicht als Problem, sondern als wertvollen Teil der Lösung sehen“. Vereine sehnen sich nach einer Öffnungsperspektive, weil sich Übungsleiter und -leiterinnen im monatelangen Stillstand zermürbt fühlen. Denn Onlineangebote ersetzen auf Dauer nicht den Sport vor Ort.

Mosetters Vorschlag ist, dass sich die Vereine oder Fitnessstudios einbringen: „Übungsleiter und Trainer können mit Kindern und Jugendlichen einen Waldlauf, mit ihnen Kniebeugen oder Liegestütze machen, in Kleingruppen im Freien trainieren. Auf jeden Fall sollte man ein Signal setzen: ‚Wir tun was für die Bewegung‘. Man hat den Breitensport einfach als nicht systemrelevant qualifiziert.“ Er würde den „engagierten Menschen in den Vereinen Mut machen, dass sie auch unter Corona mit Hygieneregeln und Abstand wieder aktiv werden. Wir brauchen Programme, dass es wieder weitergeht. Raus aus der Passivität, rein in die Aktivität“.

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