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Ein Mitarbeiter misst die Temperatur von Studentinnen in Yaoundé.

Kamerun

Gefährlicher Krisencocktail

  • Johannes Dieterich
    vonJohannes Dieterich
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Ein korruptes Regime, Extremismus und Verteilungskonflikte setzen dem westafrikanischen Staat zu – und schwächen ihn im Kampf gegen die Pandemie.

Als es darauf angekommen wäre, blieb der Präsident zwei Monate lang stumm. Über Twitter fragten sich die Kameruner: „#WhereisBiya“ oder “#LetsFindBiya“. Und auf den Straßen kursierten Gerüchte, wonach der 87-jährige Staatschef Paul Biya an Covid-19 erkrankt oder sogar schon gestorben sei. Oppositionsführer Maurice Kamto leitete vor dem Verfassungsgericht ein Verfahren ein, mit dem das Präsidentenamt für „vakant“ erklärt werden sollte.

Dabei sollten die Kameruner an das Phänomen längst gewöhnt sein: Denn je länger die inzwischen 37 Jahre lange Regierungszeit des Präsidenten anhält, desto seltener ist er zu Hause. Ein gutes Drittel des Jahres verbringt Biya im Ausland, am liebsten im Genfer Intercontinental Hotel, wo stets eine Suite für ihn freigehalten wird. Seit sich ab Anfang März das Corona-Virus auch in Kamerun ausbreitete, soll der Greis mit den schwarz gefärbten Haaren zwar tatsächlich zu Hause gewesen sein. Doch seinem Volk hatte er offensichtlich nichts zu sagen.

Als Biya am Vorabend des Nationalfeiertags Ende Mai sein Schweigen schließlich brach, hatte er in seiner Fernsehansprache außer den üblichen Plattitüden immer noch nichts zu sagen. Dass die Bevölkerung angesichts der von der Pandemie ausgehenden „heimtückischen Gefahr“ zusammenrücken müsse und alle „politischen Streitereien“ vergessen solle. Doch das Fundament zu einer derartigen Harmonie hatte der Dauerherrscher nicht gelegt. Außer von der Corona-Pandemie wird Kamerun von einem blutigen Konflikt zwischen anglo- und frankophonen Landsleuten erschüttert, während im abgelegenen Norden die islamistische Extremistensekte Boko Haram ihr Unwesen treibt.

Kamerun ist der sechste afrikanische Staat, der jüngst die Marge von 10 000 Corona-Infizierten überschritten hat; fast 300 Menschen sind dem Erreger bereits zum Opfer gefallen. Obwohl sich die Ansteckungsrate weiter beschleunigt, sah sich die Regierung in Yaoundé Anfang des Monats gezwungen, ihren Lockdown zu lockern: Wie auch in anderen afrikanischen Staaten drohte die Ausgangssperre größeren Schaden anzurichten als das Virus.

Die Wiedereröffnung der Schulen, Restaurants und sogar Nachtclubs ließ bei den Kamerunern den Eindruck aufkommen, dass die Gefahr gebannt sei. Niemand halte sich mehr an Vorsichtsregeln, klagt der Epidemiologe Yap Boum II, „während die Ansteckungszahlen drastisch in die Höhe gehen“. „Warum setzt die Regierung die Bevölkerung einer derartigen Bedrohung aus?“ fragt der Chef der oppositionellen Volkspartei, Kah Walla. Die Antwort lautet wie in den meisten anderen afrikanischen Staaten: Weil ein Lockdown wirtschaftlich nicht länger durchzuhalten ist.

Länderkunde

Kamerun existiert dem Namen nach seit 1884, als das Deutsche Reich – angestachelt von in der Region operierenden Handelshäusern – ein kulturell extrem diverses Gebiet zwischen West- und Zentralafrika zu seinem „Schutzgebiet Kamerun“ erklärt. Der Name kommt vom englischen„Cameroon“, dies wiederum eine Verballhornung des portugiesischen „Rio dos Camarões“ – Fluss der Garnelen.

1919 übernahmen Frankreich und Großbritannien die Kolonie als Mandate des Völkerbunds. Erst 1961, ein Jahr nach der Unabhängigkeit, wurden beide Gebiete zur föderalen République du Cameroun vereint. Die Föderation wurde 1984 abgeschafft. Seit 2017 fordern Separatisten einen eigenen englischsprachigen Staat „Ambazonia“.

Tatsächlich sind im heutigen Kamerun 20 Millionen Menschen mit rund 250 eigenen Sprachen beheimatet. rut

Insofern ist Kamerun kein Einzelfall. Doch in Sachen Korruption bricht der scheindemokratische Staat selbst afrikanische Rekorde. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) fragte kürzlich in Yaoundé an, was eigentlich aus dem Solidaritätsfonds geworden sei, in den die Gesundheitseinrichtungen des Landes seit fast drei Jahrzehnten zehn Prozent ihrer Einkünfte einzahlen müssen. Die Summe muss inzwischen zu einem beachtlichen Betrag angewachsen sein, der in Notfällen zur Verfügung gestellt werden soll – und wenn die Corona-Pandemie kein Notfall ist, was sonst? Doch bisher wurde aus dem Fonds noch kein Cent ausbezahlt, obwohl es am Geld zum Kampf gegen das Virus überall hapert. Im ganzen Land wurden gerade mal 3000 Mundschutze verteilt, Desinfektionsmittel fehlen ebenso wie Intensivbetten. Wo überhaupt welche Summe des Solidaritätsfonds liegt, wollte oder konnte den Menschenrechtlern in Yaoundé niemand sagen. Gut möglich, dass der Fonds in die Taschen korrupter Politiker abfloss.

Als Oppositionspolitiker Kamto den akuten Mangel an Schutzmitteln zum Anlass nahm, solche auf eigene Kosten zu verteilen, wurden fünf seiner Anhänger verhaftet, die Konten der von Kamto gegründeten „Überlebens-Initiative“ wurde gesperrt. Die Opposition suche die Krise für ihre Zwecke auszuschlachten, hieß es zur Begründung.

Wahnwitzige Korruption und Regierungsversagen sind die Gründe dafür, dass die im Westen des Landes lebende englischsprachige Bevölkerungsminderheit (rund 20 Prozent) autonom oder sogar unabhängig werden will. Sie fühlt sich von den Machenschaften der frankophonen Elite übervorteilt. Der Unmut über ihre Behandlung als Bürger zweiter Klasse führte vor vier Jahren zum Aufruhr. Seitdem herrscht in den beiden Westprovinzen des Landes Bürgerkrieg. In ihm haben bereits mehr als 3000 Menschen ihr Leben und rund 900 000 ihr Zuhause verloren.

Statt in einen Dialog mit den Unzufriedenen zu treten, will Biya das Problem mit militärischen Mitteln lösen: Seine Soldaten richteten in den beiden anglophonen Provinzen wiederholt Blutbäder an. Erst im Februar brachte die Armee im Dorf Ngarbuh 23 Zivilisten um, darunter 15 Kinder und zwei schwangere Frauen.

Das Massaker löste einen derartigen internationalen Aufschrei aus, dass sich Yaoundé gezwungen sah, eine Untersuchung einzuleiten. Sie machte tatsächlich drei Soldaten für die Ermordung der Frauen und Kinder verantwortlich. Sie müssen jetzt mit einer Mordanklage rechnen. Der Bürgerkrieg geht unterdessen weiter: Seit April nehmen die Kämpfe wieder zu, sämtliche humanitären Flüge in die Unruheprovinzen wurden gestoppt.

Nicht viel besser geht es den Kamerunern im äußersten Norden, wo die ursprünglich aus Nigeria stammende Islamistensekte Boko Haram schon seit Jahren ihr Unwesen treibt. Die Extremisten haben die Pandemie genutzt, ihre Aktivitäten im Vierländerkreuz zwischen Nigeria, dem Niger, Tschad und Kamerun zu verstärken – im Glauben, dass die Regierungen der Anrainerstaaten andere Probleme haben. Das sie überhaupt mit etwas beschäftigt sind, muss zumindest im Fall Kameruns bezweifelt werden: Sonst hätte man nicht über Twitter nach dem Präsidenten fahnden müssen.

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