1. Startseite
  2. Politik

Gefährliche Subventionen in fossile Energien

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Joachim Wille

Kommentare

Demonstration für das Dorf Lützerath auf dem Parteitag der Grünen im Oktober: In Krisen wird häufig der Status quo unterstützt.
Demonstration für das Dorf Lützerath auf dem Parteitag der Grünen im Oktober: In Krisen wird häufig der Status quo unterstützt. © Ying Tang/Imago

Trotz Fortschritten beim Ausbau der erneuerbaren Energien drohen die G20-Staaten sich bei der Unterstützung von Kohle, Erdöl und Erdgas in die falsche Richtung zu bewegen.

Hat Wladimir Putins Ukraine- und Energiekrieg auch positive Folgen? Eine heikle Frage. Darf man sie überhaupt stellen? Petteri Taalas, der Chef der Welt-Meteorologie-Organisation hat es getan. Und er beantwortete sie mit Ja. Der russische Angriffskrieg werde die Umstellung auf klimafreundlichere Energieerzeugung am Ende beschleunigen. Die dadurch ausgelöste Energiekrise werde in Europa den Einsatz klimaschädlicher Brennstoffe, etwa in Kohlekraftwerken, zwar für einige Jahre erhöhen. Bei einer Betrachtung über fünf bis zehn Jahre sehe die Sache aber anders aus, sagte er kürzlich. Der Krieg beschleunige den Umbau, mit mehr Energieeinspar-Maßnahmen und mehr erneuerbarer Energie.

Eine berechtigte Hoffnung? Es wäre gut, wenn Taalas’ Prognose einträfe. Denn bislang läuft der Umbau viel zu langsam, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens einzuhalten. Die Treibhausgas-Emissionen müssen laut dem Weltklimarat IPCC bis 2030 halbiert werden, um die Chance auf Einhaltung des 1,5 Grad-Limits zu wahren – und das nicht nur in Europa, sondern weltweit.

Mehr Subventionen von fossiler Energie

Es wäre in der Tat eine radikale Wende. Denn die historische Erfahrung zeigt, dass bisher die Chancen zur ökologischen Modernisierung des Energie- und Verkehrssystems kaum genutzt wurden. So stellten die Regierungen weltweit in der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 und ebenso in der Corona-Krise 2021 Hunderte Milliarden Dollar für Hilfen und zusätzliche Investitionen bereit, doch diese flossen eher in die Stabilisierung des Status quo anstatt in den Umbau. Die Forderungen, damit einen „grünen Push“ zu geben, wurden nur zum Teil umgesetzt. In der Folge stiegen die Emissionen nach dem krisenbedingten Rückgang schnell wieder auf das vorherige Niveau.

Eine neue Untersuchung, der „Climate Transparency Report“, zeigt, dass diese Gefahr auch in der aktuellen Krise besteht. Seine Kernaussage: Trotz Fortschritten beim Ausbau der erneuerbaren Energien und in der Energieeffizienz drohen die G20-Staaten sich in die falsche Richtung zu bewegen. Die Subventionen für Kohle, Erdöl und Erdgas erreichen Rekordwerte, was das Erreichen der Klimaziele erschwert. Die Entwicklung in der Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer ist entscheidend, da sie zusammen für rund drei Viertel der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich sind. Climate Transparency ist ein Netzwerk von 16 Thinktanks und Organisationen aus 14 Staaten, darunter die Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch.

Kostenloser Newsletter

Einmal pro Woche veröffentlicht die Frankfurter Rundschau einen kostenlosen redaktionellen Newsletter zum Klimaschutz.

Jetzt abonnieren: Klima-Newsletter der FR

Der Anstieg der fossilen Subventionen ist in der Tat besorgniserregend. Bereits im Corona-Jahr 2021 erreichten sie laut dem Report 190 Milliarden Dollar, ein Plus von fast 30 Prozent gegenüber 2020. „In diesem Jahr sehen wir nun noch mal massiv wachsende Investitionen in fossile Infrastruktur“, sagte Jan Burck von Germanwatch, der am Report mitgearbeitet hat. Das ist offenbar einer der Hauptgründe dafür, dass die Fortschritte der G20-Staaten beim grünen Umbau nicht so groß sind, wie sie sein müssten. Schlussfolgerung des Berichts ist denn auch, dass die Staaten sich von ihren selbst gesetzten CO2-Zielen für 2030 zu entfernen drohten, anstatt ihnen näher zu kommen. Das ist umso dramatischer, als diese Ziele bei keinem der 20 Staaten ausreichen, um das 1,5 Grad-Limit zu halten.

Etwas Hoffnung macht, dass Solar- und Windenergie laut der Analyse G20-weit durchaus weiterhin auf dem Vormarsch sind, Folge einer drastischen Verbilligung dieser Energieformen in den vergangenen 20 Jahren. Im Schnitt lag der Anteil der Erneuerbaren am Energiemix 2021 bei 10,5 Prozent, etwa 1,5 Prozentpunkte mehr als vier Jahre zuvor. Das zeigt allerdings auch: Ihr Wachstum ist insgesamt zu niedrig. Bliebe es bei dem Tempo, bräuchte es noch viele Jahrzehnte, um auf eine grüne Vollversorgung zu kommen – Zeit, die nicht mehr da ist.

Bericht: Mehr Geld für Erneuerbare und Energieeffizienz ist nötig

Zudem wird die Dringlichkeit des Problems in den G20 offenbar sehr unterschiedlich gesehen. Der Zuwachs an erneuerbarer Energie differiert in den einzelnen Ländern sehr. Das Schwellenland Indonesien war mit einem Plus von 7,8 Prozent seit 2017 am stärksten, am wenigsten ambitioniert hingegen der Erdölstaat Saudi-Arabien – hier blieb der Anstieg mit 0,1 Prozent im kaum messbaren Bereich. Deutschland liegt in diesem Ranking mit plus drei Prozent nur knapp über dem EU-Schnitt auf Platz vier.

Umso wichtiger ist es nun, schnell deutlich mehr Investitionen in Erneuerbare und Energieeffizienz zu lenken, und, wie es in dem Report heißt, die fossilen Investitionen, die sich nicht mehr stoppen lassen, so zu gestalten, dass sie einen zügigen Übergang von fossiler zu klimaneutraler Nutzung ermöglichen. Letzteres gilt zum Beispiel für die Flüssiggas-Infrastruktur, die weltweit ausgebaut wird, um russisches Erdgas zu ersetzen. Theoretisch ist es möglich, sie künftig auch für grünen Wasserstoff zu nutzen. Das spielt allerdings bisher noch eine untergeordnete Rolle.

Um das Umdenken zu beschleunigen, sollten sich die Entscheidungsträger:innen eine weitere Untersuchung zum EU-Stromsektor anschauen, die jüngst die Thinktanks 3EG und Ember vorgelegt haben. Danach hätte ein stärkerer Ausbau der Erneuerbaren in den vergangenen Jahren geholfen, die Abhängigkeit von Erdgas zu senken und viel Geld zu sparen. Die Studie zeigt, dass Solar und Wind seit Beginn des Ukraine-Krieges im Februar ein Viertel des in der EU verbrauchten Stroms geliefert haben und dass durch den erreichten Rekordzuwachs gegenüber 2021 rund elf Milliarden Euro an Erdgas-Kosten vermieden worden sind. Allerdings habe die EU in diesem Zeitraum immer noch 82 Milliarden Euro für die Verstromung von Gas ausgegeben. Geld, das bei einer anderen Energiepolitik für Sinnvolleres frei gewesen wäre.

Auch interessant

Kommentare