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Gefährliche Omen aus Devon

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Von: Sebastian Borger

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Im südenglischen Crediton (Distrikt Tivertonen and Honiton) entsiegelt eine Offizielle eine Wahlurne. Sie weiß es noch nicht, aber darin steckt eine saftige Niederlage für Boris Johnson.
Im südenglischen Crediton (Distrikt Tivertonen and Honiton) entsiegelt eine Offizielle eine Wahlurne. Sie weiß es noch nicht, aber darin steckt eine saftige Niederlage für Boris Johnson. © AFP

Die zwei Nachwahlniederlagen deuten auf den Beginn einer Einheitsfront gegen Johnson hin

Boris Johnson zog am Freitagmorgen gerade seine Bahnen im Hotelpool der ruandischen Hauptstadt Kigali, als der Anruf aus London kam: Tags zuvor hatte die britische Regierungspartei zwei Nachwahlen zum Unterhaus krachend verloren, was angesichts des politischen Klimas auf der Insel kaum jemanden überrascht. Der Londoner Anrufer aber wartete mit einer echten Neuigkeit auf: Tory-Verwaltungschef Oliver Dowden wollte seinem Boss mitteilen, dass er zurücktritt. Man könne nicht einfach weiterhin „business as usual“ betreiben, hieß es später im Schreiben des einstigen Erzloyalisten an den Premierminister: „Irgendjemand muss die Verantwortung übernehmen.“

Panisch ließ sich Johnson mit anderen Mitgliedern seines Kabinetts verbinden, konnte aber alsbald erleichtert feststellen: Dowdens Rückzug blieb der einzige, jedenfalls vorläufig. Wieder einmal, so schien es am Freitagnachmittag, war der politische Entfesselungskünstler davongekommen. Daran änderte auch die strenge Aufforderung eines früheren Parteichefs nicht: Er habe sich seinen drei Nachfolgern gegenüber stets loyal verhalten, berichtete der 80 Jahre alte begeisterte Brexit-Befürworter Michael Howard. Aber nun müsse er doch für Johnsons Rücktritt plädieren: „Die Mitglieder des Kabinetts sollten sehr genau über ihre Position nachdenken.“

Was altgedienten Politbaronen wie Howard oder dem Tory-treuen Magazin „Spectator“ Angst einjagt, sind weniger die Mandatsverluste im nordenglischen postindustriellen Wakefield und im lieblichen Bezirk von Tiverton und Honiton in der Grafschaft Devon. Beide Nachwahlen dort waren Sexskandale vorangegangen, Wakefields Imran Ahmad Khan wanderte sogar wegen des Angriffs auf einen Minderjährigen ins Gefängnis. So etwas überschreitet jede traditionelle Parteitreue beim Wahlvolk.

Vernichtende Umfragewerte

Hinzu kam die politische Großwetterlage: der unerbittlich steigende Benzinpreis, Lebensmittel-Teuerungen von mehr als zehn Prozent, ein Streik der Eisenbahnen sowie der anhaltende Unmut über die Lockdown-Partys in der Downing Street.

Weniger das Ergebnis der Wahlen schockiert viele Torys als vielmehr ein Menetekel: Sowohl in Wakefield wie vor allem in Devon zeigen sich die ersten Konturen einer Anti-Tory-Koalition, wie es sie in den 90er Jahren schon mal gab. Damals wie heute müssen die Menschen in Großbritannien wegen des Mehrheitswahlrechts in vielen Bezirken ihre parteipolitische Priorität hintanstellen, um mit taktischem Wahlverhalten einen Wechsel zu erzwingen. Während sich in Wakefield die Anti-Johnson-Front hinter dem Labour-Kandidaten Simon Lightwood sammelte, katapultierte in Tiverton und Honiton ehemalige Labour-Gefolgschaft den Liberaldemokraten Richard Foord ins Unterhaus.

Es gebe aktuellen Umfragen zufolge in England einen „Linksblock von rund 60 Prozent“, analysiert „Spectator“-Politikchef James Forsyth. Der bestehe aus Labour, Liberaldemokratischer Partei und Grünen. „Wenn die Wähler bei der nächsten Gesamtwahl taktisch abstimmen, wird das Resultat für die Torys absolut verheerend ausfallen.“

Begreiflicherweise mochte es Oppositionsführer Keir Starmer nicht genauso sehen. Der erleichterte Labour-Chef fühlte sich in seinem moderaten Kurs in Abgrenzung zum stramm links positionierten Vorgänger Jeremy Corbyn bestätigt. Wenn im ganzen Land wie jetzt in Wakefield 13 Prozent der Wählerschaft von Torys zu Labour überwechselten, „sind wir auf Kurs für einen eigenen Sieg“, lautete die erkennbar von Wunschdenken geprägte Einschätzung des früheren Kronanwalts. Das sei aber „Pfeifen im Walde“, glauben einflussreiche Wahlfachleute wie Professor John Curtice von der Glasgower Universität Strathclyde: „Labours Sieg und Vorsprung in den Meinungsumfragen ist keineswegs groß genug, um eine eigene Mandatsmehrheit zu gewinnen.“

Der Chef der Liberalen, Edward Davey, äußerte unverdrossen einen eigenen Wunsch: Fröhlich lachend ließ sich der Vorsitzende mit dem Tiverton-Sieger Richard Foord sowie einer blauen Tür fotografieren: Es sei Zeit, so sein Slogan, „Boris die Tür zu weisen“. Dies aber können bis auf weiteres ausschließlich die konservativen Fraktionskolleg:innen, allen voran das am Freitag nach Dowdens Demission bemerkenswert schweigsame Kabinett. Den einzig möglichen anderen Weg haben die vereinigten Hinterbänke der Fraktion schon zu Monatsbeginn beschritten: Die erzwungene Vertrauensabstimmung über den Vorsitzenden gewann Johnson knapp mit 59:41 Prozent, was ihn den geltenden Parteistatuten zufolge für ein Jahr lang unanfechtbar macht.

Damals und auch jetzt am Freitag von Kigali aus fasste der Premierminister seine Pläne in der Mitteilung zusammen, man müsse die Sorgen der Bevölkerung ernst nehmen und weitermachen. Zu Hilfe kommt Johnson die Gepflogenheit, dass eine Regierungspartei ihrem im Ausland weilenden Chef nicht in den Rücken fällt. Vom Commonwealth-Gipfel in Kigali will der 58-Jährige direkt zur Zusammenkunft der G7-Gruppe im bayerischen Schloss Elmau sowie zum Nato-Gipfel in Brüssel reisen. London wirkt auf den zerzausten Blondschopf derzeit bemerkenswert wenig einladend.

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