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Je mehr potenziell Infizierte, desto höher ist die Ansteckungsgefahr für Ärzte und Pflegekräfte. 

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Gefährdete Ärzte

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Die Ansteckungsgefahr ist hoch – nun gilt es, das Personal in Kliniken zu schützen.

Der Patient wurde in die Notaufnahme gebracht. Nichts deutete auf eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus hin. Der Mann wurde versorgt, getestet, und der Befund kam doch überraschend: Corona. So geschehen am vergangenen Sonntag in der Berliner Charité.

Folge: Die Notaufnahme musste vorübergehend geschlossen werden. Acht Mitarbeiter fielen zunächst einmal aus, weil sie mit dem Patienten zu tun hatten. Sie wurden in die in solchen Fällen übliche zweiwöchige häusliche Quarantäne geschickt. So weit alles wie im Lehrbuch. Oder besser gesagt: alles konform mit den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts (RKI).

Die Herausforderung für das Gesundheitssystem und medizinsches Personal ist enorm. Je mehr potenziell Infizierte, desto höher auch die Ansteckungsgefahr für Ärzte und Pflegekräfte. Personal, das sich im Zuge von Pflege oder medizinischer Untersuchung ohne adäquaten Schutz einem Infizierten auf weniger als zwei Meter angenähert hat, ist demnach als Kontaktperson der Kategorie I einzustufen. Das erfordert 14 Tage häusliche Quarantäne und bedeutet 14 Tage Arbeitsausfall. Auch für Personal in Schutzkleidung, das mit Infizierten in Kontakt war, gibt es Vorsichtsregeln.

Gewissheit darüber, wer infiziert ist und wer nicht, gibt es jedoch erst nach einem Test. Und wie der Fall aus der Berliner Charité zeigt: Nicht immer ist die Lage klar. „Die Gefahr ist immer dann groß, wenn Patientinnen und Patienten nicht erkennbar mit dem Verdacht einer Infektion mit dem Coronavirus in eine Arztpraxis oder in ein Krankenhaus kommen“, sagte Bärbel Bas, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, auf Anfrage.

Ärzte und Pflegepersonal notfalls in häusliche Quarantäne zu schicken – dieses Konzept funktioniert früher oder später nicht mehr. In Nordrhein-Westfalen musste diese Grenze in einem Bereich bereits überschritten werden. „Ich habe ganz konkret einen Fall, in dem es um eine infizierte Krankenschwester geht auf einer Frühchenstation“, berichtete NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Montagabend in der ARD. Die Frau habe unmittelbar in Kontakt mit anderen „Frühchen-Krankenschwestern“ gestanden. Diese Schwestern habe man nicht ohne weiteres in Quarantäne schicken können, weil entsprechend ausgebildetes Personal fehle. Die Botschaft: Menschenleben gehen vor, in diesem Fall das Leben der Frühchen, die dringend Betreuung benötigen.

Je mehr potenziell Infizierte, desto höher ist aber auch die Ansteckungsgefahr für Ärzte und Pflegekräfte – was die Frage aufwirft, wie lange es noch bei den bisherigen strengen RKI-Quarantäne-Vorgaben bleiben kann.

„Es ist wichtig, diese Regeln so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, damit die Ausbreitung verhindert beziehungsweise möglichst lang verzögert werden kann“, so SPD-Gesundheitsexpertin Bas. „Ob diese Quarantänezeit irgendwann verkürzt werden kann, sollte entschieden werden, wenn wir mehr Erkenntnisse über das Virus, Infektionswege und gegebenenfalls Gegenmaßnahmen haben.“

Aus Sicht der Klinikärzte ist vor allem eines wichtig: der richtige Schutz. „Bei korrekt angelegter Schutzkleidung ist die Infektionsgefahr gleich null“, sagte Susanne Johna, Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, auf Anfrage. Wenn Patienten untersucht würden, bei denen keine Infektion bekannt sei oder vermutet werden könne, sei das Risiko einer Ansteckung umso größer, je enger der Kontakt zum Patienten sei. „Wenn die Anzahl der im Krankenhaus zu behandelnden Corona-Verdachtsfälle in einer Region erheblich zunimmt, sollte dort in den Notaufnahmen prinzipiell Schutzkleidung getragen werden“, fordert Johna.

Denkbar und angeraten wäre dies vor allem dort, wo – wie jetzt in Niedersachsen geplant – eigens errichtete Testzentren vorhanden sind oder – wie inzwischen an der Berliner Charitè – sogenannte Corona-Ambulanzen. Diese Einrichtungen sollen Anlaufstellen für Patienten mit Symptomen sein, die dem Virus zugeordnet werden. „Alle medizinischen Einrichtungen sollten verstärkt darauf achten, dass die hohen Hygienestandards eingehalten werden“, verlangt SPD-Gesundheitsexpertin Bas. „Wir müssen insbesondere die schützen, die sich um infizierte Patienten kümmern.“

Der Krisenstab der Bundesregierung hatte am Mittwoch beschlossen, dass das Gesundheitsministerium Schutzausrüstung wie Atemmasken und Spezialanzüge nun zentral für Praxen und Kliniken beschaffen will. Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, hat diese Entscheidung gegenüber der Deutschen Presse-Agentur im Namen der Praxisärzte begrüßt.

Ärzte in Quarantäne? Das Konzept stößt an Grenzen

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