1. Startseite
  2. Politik

Gedenkfeier für Halit Yozgat

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Joachim F. Tornau

Kommentare

Ismael Yozgat (M), Vater des ermordeten Halit, spricht am 06.04.2016 bei der Gedenkfeier zehn Jahre nach der Ermordung von Halit Yozgat in Kassel.
Ismael Yozgat (M), Vater des ermordeten Halit, spricht am 06.04.2016 bei der Gedenkfeier zehn Jahre nach der Ermordung von Halit Yozgat in Kassel. © dpa

In Kassel haben mehrere hundert Menschen an der Gedenkfeier für den ermordeten Halil Yozgat teilgenommen. Der Vater des ermordeten Halit Yozgat erhebt schwere Vorwürfe gegen die damaligen Beamten.

Auch wer der türkischen Sprache nicht mächtig war, konnte verstehen, was Ismail Yozgat so aufbrachte. Ein deutscher Name stach aus Yozgats Ansprache zum zehnten Jahrestag des Mordes an seinem Sohn Halit in Kassel immer wieder heraus: Andreas Temme. Der damalige Beamte des hessischen Verfassungsschutzes hatte just dann in dem Kasseler Internetcafé gesessen, als dessen 21-jähriger Betreiber am 6. April 2006 erschossen wurde, mutmaßlich von den Rechtsterroristen des NSU. Und nicht nur der Familie Yozgat fällt es schwer, das für bloßen Zufall zu halten. „Der Verfassungsschützer der Regierung hat meinen Sohn entweder getötet oder er hat die Mörder gesehen“, sagte der Vater. „Eine andere Alternative gibt es nicht.“ Detailliert erläuterte er, warum Temme die Leiche gar nicht übersehen haben könne. Und forderte, was er auch schon beim NSU-Prozess in München beantragt hat: Die Richter mögen nach Kassel kommen und sich den Tatort persönlich anschauen. „Denn dann werden auch sie sehen, dass der damalige Verfassungsschützer lügt.“

Zu der Gedenkfeier in Sichtweite des ehemaligen Internetcafés in der Holländischen Straße, auf dem kleinen Platz vor dem Kasseler Hauptfriedhof, den die Stadt 2012 „Halitplatz“ getauft hat, waren rund 450 Menschen gekommen. Sie hörten, wie Hessens stellvertretender Ministerpräsident Tarek al Wazir und die Kasseler Stadträtin Anne Janz (beide Grüne) das Versagen staatlicher Institutionen bei der Aufklärung der NSU-Morde beklagten und zum Kampf gegen Rassismus aufriefen. Wie der türkische Generalkonsul Mustafa Çelik beschwor, dass die von den Tätern gelegte „Saat des Hasses“ nicht aufgegangen sei.

Doch im Mittelpunkt stand Ismail Yozgat. Und dem war nach wohlfeilen Konsens-Worten nicht zumute. Yozgat erneuerte seine Forderung, die gesamte Holländische Straße, eine kilometerlange, mehrspurige Ausfallstraße, in „Halitstraße“ umzubenennen. „Das Getane war und ist unzureichend“, widersprach er den Stadtoberen, die auch an diesem Tag wieder einmal betonten, mit der Einrichtung des Halitplatzes als Gedenkort schon getan zu haben, was möglich sei. Es brauche, sagte Yozgat, ein „nachhaltiges Instrument“ der Erinnerung und der Wachsamkeit gegen braunes Gedankengut. Eine „Halitstraße“ könnte das sein.

Unterstützt wird die Familie dabei von der „Initiative 6. April“. Wenn die Forderung nach Umbenennung, wie in der Kasseler Debatte geschehen, als „ungeheuerlich“ diskreditiert werde, sei das ein Skandal, hieß es im Redebeitrag der Gruppierung. „Ungeheuerlich sind die Taten des NSU.“ Und die „Vertuschung“ durch die Behörden: Andreas Temme und sein rechter V-Mann Benjamin Gärtner seien vom damaligen hessischen Innenminister und heutigen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) geschützt worden, sagte die Sprecherin und forderte unter großem Applaus: „Volker Bouffier muss zurücktreten.“

Unterdessen teilte die Polizei mit, sie habe in der Nacht zum Mittwoch eine 23-Jährige festgenommen. Der Vorwurf: Sachbeschädigung. Die Frau soll Plakate für die Umbenennung der Holländischen Straße verklebt haben. Den Namen Yozgat schrieben die Beamten in der Pressemitteilung falsch.

Auch interessant

Kommentare