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Gedenken an Opfer des NSU in Kassel

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Ein Gedenkstein erinnert an das Mordopfer Halit Yozgat.
Ein Gedenkstein erinnert an das Mordopfer Halit Yozgat. © REUTERS

Vor zehn Jahren wurde der 21 Jahre alte Halit Yozgat in Kassel von Rechtsterroristen ermordet. Viele Fragen sind auch nach dieser langen Zeit immer noch offen. Heute wird dem Opfer des rechten Terrors in Kassel gedacht.

Von Martín Steinhagen

Am 6. April 2006, kurz vor 17 Uhr, sitzt Halit Yozgat am Schreibtisch in seinem Internetcafé in der Holländischen Straße in Kassel. Er liest einen Wikipedia-Artikel zu Halbleitern. Mit Hilfe der Online-Enzyklopädie bereitet er sich wohl auf den Physikunterricht vor, auf die Abendschule. Dorthin will der 21-Jährige noch, sein Vater soll ihn gleich ablösen. Ein Ausdruck jener Website liegt heute in einem Aktenordner der Polizei, denn auf Halit Yozgat wird wenige Minuten später geschossen. Zwei Mal, aus einer Ceská 83 mit Schalldämpfer, wie vor ihm auf acht andere Männer in sechs Jahren. Die Taten werden heute dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) zugeschrieben. Das Motiv: Rassismus. Gefunden wird er hinter dem Schreibtisch um kurz nach 17 Uhr von seinem Vater. Wenig später ist er tot.

Heute, zehn Jahre danach, wird in Kassel an den jungen Mann erinnert. Auf einem kleinen Platz, unweit des Tatorts, der seit Oktober 2012 seinen Namen trägt, sprechen am Nachmittag sein Vater, Vertreter des Landes, der Stadt, der türkische Generalkonsul. Auch ein Gedenkstein steht dort. Er wurde in den vergangenen Jahren zweimal beschädigt. „In beiden Fällen konnten bislang keine Täter ermittelt werden“, erklärt die Polizei.

Halit Yozgats Eltern haben sich gewünscht, dass die Holländische Straße, wo ihr Sohn auch geboren wurde, umbenannt wird. Immer wieder hat Vater Ismail Yozgat das gesagt, zuletzt am 9. Dezember vor dem Gerichtsgebäude in München, nachdem die mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe erstmals ihren Anwalt eine Erklärung hatte verlesen lassen. Die Stadt Kassel sagte der FR zu diesem Wunsch: „Mit dem Halit-Platz und der Umbenennung einer Haltestelle hat die Stadt einen würdigen Ort des Gedenkens geschaffen. Eine Umbenennung der Holländischen Straße ist nicht beabsichtigt.“

Die Familie ist an dem Prozess gegen Zschäpe und vier mutmaßliche NSU-Unterstützer als Nebenkläger beteiligt. Sie wollen wissen, wie die Opfer ausgewählt wurden, sagt einer ihrer Anwälte, Alexander Kienzle. Auch zehn Jahre nach der Tat haben sie darauf keine Antwort bekommen. Und nicht nur sie: Keiner der Angehörigen der zehn Menschen, die mutmaßlich vom NSU erschossen wurden, weiß, warum gerade ihr Sohn, Vater, Mann, gerade ihre Tochter sterben musste. Im Brandschutt der letzten Wohnung der Neonazis fand die Polizei Karten mit Notizen, etwa mit dem Wort „Ali“ neben manchen Geschäften. Wie genau die Terroristen Tatorte auswählten, bleibt aber unklar.

V-Mann am Tatort

Viele Beobachter gehen davon aus, dass sie auf lokale Unterstützer zählen konnten. Auch in Kassel? Nur zwei Tage vor dem Mord an Halit Yozgat wurde in Dortmund Mehmet Kubasik erschossen. Zwischen Neonazis der beiden Städte gab es Verbindungen. „Wir wollen wissen, welche Kontakte Zschäpe nach Dortmund und Kassel hatte“, sagte Kienzle der FR, als der Untersuchungsausschuss des Landtags entschieden hatte, Zeugen aus der Szene zu laden. Inzwischen haben zwei von ihnen ausgesagt. Beide gaben an, darüber nichts zu wissen.

Im Fall Halit Yozgat drängen sich weitere Fragen auf. Welche Rolle spielt etwa Andreas Temme, jener Beamte des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz, der kurz vor oder während der Tat am Tatort war und sich nicht als Zeuge meldete? Er hat stets ausgesagt, weder die Schüsse gehört noch den blutenden Halit Yozgat gesehen zu haben. Der hessische Untersuchungsausschuss ist mit der Aufklärung hier bisher nur minimal weitergekommen. Ein Polizist schilderte etwa, dass er Temmes Version für unglaubwürdig halte.

Andere Zeugen berichteten über die abgehörten Telefonate zwischen dem damaligen V-Mann-Führer und seinen Kollegen. Diese hatten nochmals für Aufsehen gesorgt, weil die Anwälte der Yozgats sich die Bänder besorgten und auf verdächtige Passagen stießen, die in Polizeiprotokollen fehlten. „Ich sage ja jedem, wenn er weiß, dass so etwas passiert, bitte nicht vorbeifahren“, riet etwa der ehemalige Geheimschutzbeauftragte des Verfassungsschutzes Temme da. Eine sarkastische Bemerkung und keinesfalls ein Beweis für Vorwissen zur Tat, erklärte der pensionierte Beamte im Landtag.

Unbeantwortet sind auch andere Fragen, die mit dem Verhalten der Behörden zu tun haben. Anfangs wurde auch gegen die Familie ermittelt, wie bei den anderen Morden der Ceská-Serie: Verwandte in der Türkei befragt, ihre Wohnung durchsucht, ein verdeckter Ermittler eingesetzt. Der Verfassungsschutz behauptete 2006 sogar, dass Ismail Yozgat in einer Moschee beim Freitagsgebet zur Blutrache an dem damals tatverdächtigen Temme aufgefordert werden sollte. Die Polizei lässt dessen Telefone überwachen, es wird mit „den ethnisch-kulturellen Hintergründen der Opferfamilien“ argumentiert, wie die Abgeordneten des Untersuchungssausschuss des Bundestags rekonstruierten. Später stellt sich heraus: Yozgat war bei keinem Freitagsgebet. Wie konnte es zu der Unterstellung kommen?

Zehn Jahre sind vergangen und viel zu viele Fragen offen.

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