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Die Corona-Pandemie macht dem groß geplanten Gedenken an das Kriegsende vor 75 Jahren in Moskau einen Strich durch die Rechnung.

Interview

„Gedenken darf nicht spalten“

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Staatsminister Roth über deutsch-russische Beziehungen und Europas Erinnerungskultur.

H err Roth, es mehren sich die Stimmen, die der Regierung von Wladimir Putin vorwerfen, Russland würde das Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren für eigene politische Ziele missbrauchen. Demnach versucht Moskau, die Sowjetunion mit Russland gleichzusetzen. Was sagen Sie zu dieser Kritik?

Kein Land hat so unter dem deutschen Vernichtungskrieg und dem Holocaust gelitten wie die Sowjetunion. Über 26 Millionen Tode sind zu beklagen. Ich werbe sehr für eine angemessenere Form des Gedenkens in Deutschland. Da ist noch einiges aufzuarbeiten. Aber die Sowjetunion war deutlich mehr als Russland. Beim Gedenken an das, worunter die Sowjetunion gelitten hat, müssen wir auch die anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, etwa die Ukraine oder Belarus, Georgien oder Armenien einbeziehen. Die Länder dürfen wir nicht ausblenden. Es ist wichtig, endlich eine europäische Gedenkkultur zu etablieren. Das schmälert mitnichten die Schuld und Verantwortung Deutschlands. Aber die Folgen von NS-Terror, Holocaust und Zweitem Weltkrieg sind heute noch in weiten Teilen Europas zu spüren und haben sich tief in das Bewusstsein der Völker Europas eingebrannt.

Die Kritiker Putins führen an, er erwecke den Eindruck, der Westen wolle heute noch Russland klein halten. Was sagen Sie dazu?

Nein, niemand will Russland klein halten. Im Gegenteil: Wir wünschen uns einen russischen Partner, der deutlich mehr Verantwortung übernimmt für die Verständigung und für die Überwindung der Konflikte in unserer Nachbarschaft. Russland spielt auf der internationalen Ebene eine ganz wichtige Rolle. Aber es wäre gut, wenn diese Rolle stärker für die Verteidigung des Völkerrechts, für Abrüstung und die zivile Lösung von Konflikten genützt würde. Russland ist ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat. Das Land ist verwickelt in eine Reihe von Konflikten. Es liegt in unserem Interesse, dass Russland stabil ist, aber auch stärker mit uns zusammenarbeitet und sich nicht abwendet von unseren gemeinsamen europäischen Werten wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit oder auch der Achtung der Menschenrechte.

 Ist der Vorwurf nicht auch wohlfeil? Darf nicht jeder das Ende des Zweiten Weltkriegs so sehen, wie er das für richtig hält?

Michael Roth, 49, ist Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt und seit 2017 Mitglied im SPD-Bundesvorstand.

Natürlich gibt es unterschiedliche Erinnerungskulturen. Es geht mir darum, zu würdigen und anzuerkennen, dass der Zweite Weltkrieg Konsequenzen für alle Länder unseres Kontinents hatte. Europa, so wie wir es nach 1945 erlebt haben, ist in Teilen auch eine Antwort auf Faschismus, Holocaust und Krieg. Daraus sollte folgen, dass wir uns aufeinander zubewegen und gemeinsame Formen des Erinnerns und Gedenkens finden, ohne dass wir nationale Traditionen negieren. Allerdings darf das Erinnern kein Kampfinstrument der politischen Auseinandersetzung sein.

Was fehlt Ihnen an der aktuellen Gedenkkultur in Russland?

Es muss uns bei solch wichtigen Erinnerungsdaten wie dem 8. und 9. Mai gelingen, nicht neue Spaltungen entstehen zu lassen, sondern bestehende Differenzen zu überwinden. Diese kollektiven Erfahrungen mit Holocaust und Zweitem Weltkrieg, sollte Staaten wie Russland, Ukraine, Belarus, Aserbaidschan, Litauen oder andere Länder zusammenführen. Sie haben alle massiv gelitten. Sie trugen alle und gemeinsam zur Befreiung Europas vom Nazi-Terror bei. Ich möchte das Verbindende betonen und nicht das Trennende.

Wie sollte Deutschland und die anderen EU-Staaten auf die russische Gedenkkultur reagieren?

Es steht mir nicht zu, anderen Vorschriften zu machen. Ich möchte aber, dass Deutschland seinen Beitrag leistet. Wir taugen nur sehr bedingt als erinnerungskulturelle „Vorbilder“ – wenn es so etwas überhaupt gibt. Es fiel uns sehr lange sehr schwer, NS-Opfer wie Sinti und Roma oder Homosexuelle anzuerkennen. 

Die Entschädigung der Zwangsarbeiter wurde erst unter Gerhard Schröder 1999 auf den Weg gebracht. Es ist uns erst spät gelungen, eine angemessene Form des Gedenkens zu finden für die Verbrechen der Wehrmacht und SS in Griechenland, wo deutsche Truppen zwischen 1941 und 1944 etwa hundert Orte dem Erdboden gleich gemacht und Tausende von Menschen brutal ermordet haben. Und es bedrückt mich, dass im kollektiven deutschen Gedächtnis die furchtbaren Menschheitsverbrechen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion kaum verankert sind. Deswegen brauchen wir in Deutschland endlich eine würdigere Form des Gedenkens und Erinnerns an die über 26 Millionen Menschen, die ihr Leben auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion lassen mussten. Und ich fände es gut, wenn wir in Europa diesen Weg gemeinsam gehen würden.

Es gibt ja auch in Polen und anderen ehemaligen Ostblock-Staaten eine Debatte, die im restlichen Europa kritisch begleitet wird. Wo sehen sie da die Differenz zu ihrem Ansatz?

Auch in Deutschland gibt es einen ähnlichen Wunsch, die Beziehungen zu Russland neu zu justieren. Mir ist dabei immer wichtig, die historischen Erfahrungen unserer mittel- und osteuropäischen Nachbarn miteinzubeziehen - insbesondere Polen. Wenn dort der Eindruck erweckt wird, Deutschland strebe exklusive Beziehungen zu Russland an und das zu Lasten Dritter, dann weckt es bei manchen Nachbarn Erinnerungen an den Hitler-Stalin-Pakt und daran, dass Polen bereits viermal von der Landkarte getilgt wurde. Ich fordere von uns ein, Beziehungen zu Russland so zu entwickeln, dass wir andere Länder nicht beunruhigen. Deswegen brauchen wir europäische Antworten. Deshalb ist die Europäische Union so wichtig bei der Entwicklung einer gemeinsamen Erinnerungskultur, die auf Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit aufbaut und Versöhnung zum Ziel hat.

Verschwinden regionale Unterschiede des Gedenkens nicht in einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur?

Es geht doch nicht um Gleichmacherei, es geht um ein gemeinsames Bewusstsein. Und wenn wir den 8. Mai als einen Tag der Befreiung von Faschismus und Nazi-Terror ansehen, dann wird das natürlich in Staaten deutlich differenzierter gesehen, in denen nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Stalinismus eine neue Gewaltherrschaft Einzug gehalten hat. Dies zu wissen, zu berücksichtigen und darüber das Gespräch zu suchen, ist mir ein Herzensanliegen. Und wenn wir über eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur sprechen, dann muss man um die vielen authentischen Orte das Naziterrors insbesondere in Osteuropa wissen, die zu verfallen drohen. Wir dürfen uns nicht nur an den bekannten Orten des NS-Terrors und des Holocausts engagieren. Auch die vielen anderen Orte dürfen nicht vergessen werden. Da gibt es noch sehr viel zu tun. Da ist Geld, aber auch persönliches und politisches Engagement gefordert.

Welche Orte meinen Sie?

Es gibt in der heutigen Ukraine oder in Belarus Orte, wo Zehntausende von Jüdinnen und Juden und andere Verfolgte ermordet wurden. Es gibt dort aber kaum Gedenkstätten. Ich erinnere mich noch gut an eine Reise im Jahr 2018 zur Gedenkstätte Malyj Trostenez in Belarus, als ich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier begleiten durfte. Dort helfen wir, den Gedenkort zu erhalten und der jüngeren Generation zugänglich zu machen. Es ist zu wenig bekannt, dass der Holocaust zum erheblichen Teil auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion stattfand und Osteuropäer als sogenannte slawische „Untermenschen“ gänzlich vernichtet werden sollten.

Was fürchten Sie was geschieht, wenn die gemeinsame europäische Erinnerungskultur nicht entwickelt wird und stattdessen einzelne Staaten ihre jeweilige Interpretation des Ende des Zweiten Weltkriegs favorisieren?

Die eigenen Interpretationen sind nicht das Problem. Schwierig wird es, wenn wir schweigen und uns abschotten, wenn die verschiedenen Interpretationen nicht mehr zusammengebracht werden. Wir leben in einer Zeit, in der das Autoritäre wächst und die Demokratie massiv unter Druck gerät. Der Nationalismus, der Populismus und damit auch die propagandistische Umdeutung von historischen Ereignissen greifen immer mehr um sich. Insofern ist es wichtig, dass wir die erinnerungskulturelle Arbeit nicht denen überlassen, die sie missbrauchen. Das erleben wir in ganz Europa, aber eben auch in Deutschland, wenn die NS-Zeit als Vogelschiss der Geschichte verharmlost wird, wenn versucht wird unsere Erinnerungskultur an den Holocaust zu diskreditieren. Das ist brandgefährlich.

Interview: Andreas Schwarzkopf


Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Und Hitlers Deutsche? Viele, zu viele von ihnen wollten nichts sehen und nichts wissen – auch in den folgenden Jahrzehnten nicht.

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