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Die französischen Überlebenden des einzigen deutschen Frauen-Konzentrationslagers im brandenburgischen Ravensbrück Guy Poirot (2.v.r.), Pierette Poirot (3.v.r.), Paulette Lechevallier (links), und Bernadeth Passerat posieren vor dem Ufer des Schwedtsees und der gegenüber liegenden Stadt Fürstenberg, während Jean-Claude Passerat (rechts), ein Photo von der Gruppe macht. Gleich am Ufer begann das Gelände des Konzentrationslagers Ravenbrück. Jean-Claude Passerat und Guy Poirot wurden im Lager geboren, Pierette Poirot ist Guys Mutter. Sie war schwanger, als sie im August 1944 deportiert wurde. (Archivfoto vom Samstag, 16. April 2005).
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Die französischen Überlebenden des einzigen deutschen Frauen-Konzentrationslagers im brandenburgischen Ravensbrück Guy Poirot (2.v.r.), Pierette Poirot (3.v.r.), Paulette Lechevallier (links), und Bernadeth Passerat posieren vor dem Ufer des Schwedtsees und der gegenüber liegenden Stadt Fürstenberg, während Jean-Claude Passerat (rechts), ein Photo von der Gruppe macht. Gleich am Ufer begann das Gelände des Konzentrationslagers Ravenbrück. Jean-Claude Passerat und Guy Poirot wurden im Lager geboren, Pierette Poirot ist Guys Mutter. Sie war schwanger, als sie im August 1944 deportiert wurde. (Archivfoto vom Samstag, 16. April 2005).

Geboren im Todeslager

Hunderte Kinder kamen im Frauen-KZ Ravensbrück zur Welt / Nur wenige überlebtenAls die Wehen einsetzten, stand die Rote Armee nur noch 100 Kilometer entfernt an der Oder. In der Nacht des 11. März 1945 gebar die Französin Pierette Poirot ihren Sohn Guy. Was dessen Augen zuerst sahen, war ein Ort des Todes. "Ravensbrück" steht als Geburtsort in Guys Pass.

Von SVEN KÄSTNER (FÜRSTENBERG/HAVEL, AP)

Als die Wehen einsetzten, stand die Rote Armee nur noch 100 Kilometer entfernt an der Oder. In der Nacht des 11. März 1945 gebar die Französin Pierette Poirot ihren Sohn Guy. Was dessen Augen zuerst sahen, war ein Ort des Todes. "Ravensbrück" steht als Geburtsort in Guys Pass. Im einzigen deutschen Frauen-Konzentrationslager hundert Kilometer nördlich von Berlin mordete die SS zwei Monate vor Kriegsende auf Hochtouren. Die Spuren der Verbrechen sollten beseitigt werden, bevor Rotarmisten am 30. April 1945 das Lager befreiten.

Sechzig Jahre nach ihrer Rettung sind Guy und Pierette Poirot zurückgekehrt. Gemeinsam mit mehr als 500 Überlebenden gedenken sie am Wochenende der Opfer und erinnern an ihr eigenes Leiden. Es könnte ein einfacher Frühlingsausflug sein, wie die 88-jährige Mutter und der 60-jährige Sohn in der Sonne am Ufer des Schwedtsees stehen - wäre nicht gleich daneben das KZ-Krematorium.

Die Poirots blicken über das Wasser zum Städtchen Fürstenberg, zu dem Ravensbrück heute gehört. Die Menschen dort sahen damals den Schornstein rauchen, sie sahen die Häftlinge an ihrem Bahnhof ankommen und zu Fuß ins drei Kilometer entfernte Lager laufen, auf der Hauptstraße mitten durch die Stadt. Auch Frau Poirot ist auf diesem Weg nach Ravensbrück gekommen.

Am 15. August 1944 war sie im lothringischen Tuule als Mitglied der Résistance von den Deutschen gefangen genommen worden. Gleich im Gefängnis von Nancy rieten ihr Mitgefangene, auf jeden Fall zu verheimlichen, dass sie im zweiten Monat schwanger sei. Auch nach ihrer Deportation nach Ravensbrück gelang es ihr, den wachsenden Bauch vor den SS-Aufseherinnen zu verbergen. Der gestreifte Häftlingkittel kam der kleinen Frau zugute, er war viel zu groß.

Zwangsarbeit auch für Schwangere

Der KZ-Alltag der Schwangeren bestand aus Zwangsarbeit. Gleich neben dem Lager hatte die Firma Siemens-Halske ein Werk errichtet, dort musste Pierette Poirot schweißen. Jeden Tag zwölf Stunden, danach lief die ganze Frauengruppe zurück in den Block 32 - eine der völlig überfüllten Häftlingsbaracken, in denen die SS zwischen 1939 und 1945 mehr als 130.000 Frauen und Kinder interniert hielt.

Zehntausende wurden ermordet, zu Tode gequält, starben an Hunger oder Entkräftung. Die Arbeit bei Siemens hatte Vorteile - sie war leichter als die Quälerei anderer Frauen beim Steine schleppen, und Poirot war wenigstens nicht der Grausamkeit der SS-Aufseherinnen ausgeliefert.

Mitgefangene halfen der jungen Mutter

Wegen deren Unberechenbarkeit und Unmenschlichkeit musste auch das Baby versteckt werden, als es am 11. März 1945 mitten in der Nacht zur Welt kam. Mitgefangene halfen bei der Geburt, die junge Mutter selbst musste sich schon am Morgen wieder zur Zwangsarbeit schleppen.

"Ohne die Hilfe der anderen Häftlingsfrauen hätte mein Kind nicht überlebt", sagt Frau Poirot. Sie besorgten Wäsche für den Jungen, pflegten und verbargen ihn vor der SS. Andere Frauen, die ebenfalls entbunden hatten, stillten den Jungen mit, weil die entkräftete Mutter selbst keine Milch hatte. "Alle Kinder, die hier geboren wurden, haben internationales Blut", sagt Madam Poirot.

Wie viele Jungen und Mädchen das Licht der grausamen Lagerwelt erblickt haben, ist unklar, weil viele Neugeborene versteckt wurden. Im offiziellen Geburtenbuch sind allein 560 Babys zwischen September 1944 und April 1945 registriert, nur wenige von ihnen überlebten.

Für Pierette Poirot und ihren Sohn wurde die "Aktion weiße Busse" zum Rettungsanker. Dem schwedischen Roten Kreuz war es kurz vor Kriegsende gelungen, bei der SS die Evakuierung von etwa 7.500 internierten Frauen aus Ravensbrück durchzusetzen. Über Dänemark und Schweden konnten Mutter und Sohn zu ihrer Familie ins Dorf Benney an der Mosel zurückkehren.

Versöhnung mit den Deutschen

Beide haben Ravensbrück oft wieder besucht und engagieren sich für die Versöhnung zwischen den Ländern. Immer wieder betont Pierette Poirot, dass ihr auch viele Deutsche geholfen haben - etwa eine Vorarbeiterin bei Siemens oder eine Krankenschwester. Ihren Sohn schickte sie schon als Jugendlichen zum Schüleraustausch nach Deutschland.

Guy Poirot ist heute Direktor einer Beamtenschule in Nancy. Dort will er die jungen Leute zu Zivilcourage und Menschlichkeit erziehen. "Gerade die deutschen Philosophen lehren uns einen kritischen Geist, um die eigene Autonomie gegenüber einem mörderischen System bewahren zu können", sagt der freundliche 60-Jährige.

Weil viele Mithäftlinge sich im grausamen KZ-System die Menschlichkeit erhalten hatten, waren er und seine Mutter gerettet worden. Am 24. April 1945 durfte Pierette Poirot einen der schwedischen weißen Busse besteigen, eine Mitgefangene wickelte das Baby dick in Stoff ein und versteckte es unter einer Sitzbank. "Die SS hatte ausdrücklich verboten, Kinder mitzunehmen", berichtet Poirot. Es regnete stark, deshalb kontrollierten die Deutschen nur flüchtig und bemerkten nichts. "Aber erst nach der dänischen Grenze waren wir wirklich gerettet." Für den sechs Wochen alten Guy Poirot war dies der eigentliche Geburtstag.

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