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Trauernde Verwandte in Indonesien: An Bord des abgestürzten Flugzeugs waren 298 Menschen aus zehn Nationen.

Ukraine Absturz MH17

Geblieben ist ein Foto

298 Menschen kommen beim Abschuss einer Boeing 777-200 der Malaysia Airlines über der Ostukraine ums Leben. Weltweit wird um die Toten von Flug MH17 getrauert.

Von Petra Pluwatsch und Willi Germund

Sabrina Cyrus stehen die Tränen in den Augen. Für einen kurzen Augenblick faltet sie die Hände, dann zupft sie ihre weiße Bluse zurecht. Natürlich habe sie Wayan Sujana gekannt, den adretten jungen Mann aus Bali, der jeden Tag hinter dem Serviceschalter von Malaysia Airlines gesessen habe, sagt sie. Ein Netter sei der gewesen, mit dem man schon mal ein Späßchen machen konnte.

Heute, einen Tag nach dem Abschuss von Flug MH 17 über der Ostukraine, drei Stunden und fünf Minuten nach dem Abflug auf dem Amsterdamer Flughafen Schipol, liegen für Wayan Sujana Blumen auf dem Servicedesk der Airline. Der Schalter ist verwaist. Jemand hat das Schild „Counter closed“ achtlos auf einem Tisch mit Reinigungsmitteln abgestellt.

Neben Sujanas Computer liegen weitere Blumensträuße, auf dem Tresen steht ein Foto, das einen lächelnden jungen Mann zeigt. Und von einem Werbeplakat der Airline lächelt unverdrossen eine Stewardess.

Der 23-Jährige Sujana ist einer von 298 Menschen, die am Donnerstag beim Abschuss einer Boeing 777-200 der Malaysia Airlines ums Leben gekommen sind. „Keine Ahnung, was er in Malaysia wollte“, sagt Sabrina Cyrus, die ein paar Schalter weiter für Surinam Airways arbeitet. „Vielleicht Urlaub machen. Wir alle hier sind sehr erschüttert über seinen Tod. Wir kennen uns schließlich alle.“

Sie geht weiter, vorbei an Urlaubern, die sich einchecken nach Mallorca, Antalya und Richtung Kapverden. Nach Kuala Lumpur fliegt heute keine Maschine, die Schalter von Malaysia Airlines sind geschlossen.

Und nein, über das Unglück möchte niemand so kurz vor dem Abflug in den Urlaub reden. „Schließlich müssen wir selber gleich fliegen“, sagt ein Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte. „Da will man nicht daran erinnert werden, was alles passieren kann.“ 154 Opfer kommen aus den Niederlanden. Im ganzen Land hängen die Fahnen auf halbmast. Der traditionelle Fototermin der königlichen Familie zu Beginn der Sommerferien wurde abgesagt. „Unsere Gedanken sind bei den Familien, Freunden und Kollegen der Opfer und bei all denen, die noch nicht wissen, ob ihre Freunde an Bord waren“, erklärte König Willem-Alexander am Donnerstagabend bewegt.

Mehr als 100 der ums Leben gekommenen Niederländer gehörten einer Delegation von Aidsforschern und –aktivisten an. Sie waren auf dem Weg zum Welt-Aids-Kongress in Melbourne. Ein Paar stammt aus einem kleinen Ort in der Nähe von Amsterdam; hier, in Volendam, liegen Blumensträuße vor dem Haus der Verstorbenen, Kerzen brennen.

Vor dem Amsterdamer Flughafen wehen einen Tag später keine Fahnen. Das Foto von Sujana und die Blumensträuße an seinem Arbeitsplatz sind die einzigen Zeichen, die an die Katastrophe erinnern, die fast 300 Menschen das Leben kostete. Lediglich vor dem Presseraum in der Abflughalle 3 ist das anders. Journalisten aus aller Welt drängen in den engen Raum, der viel zu klein ist für die vielen Menschen. Viele müssen draußen bleiben – nicht jedem gefällt das. Noch nie habe er so viele Kameras auf einem Haufen gesehen, sagt ein sichtlich entnervter Wachmann. Er wirft einen Blick hinüber zum Schalter von Malaysia Airlines. Die Erinnerungsstücke an Wayan Sujana sind von hier aus nicht zu sehen.

Auch in Malaysia wird getrauert. Wortlos umarmen sich zwei Männer vor der Eingangshalle von Malaysias internationalem Flughafen in der Nähe der Hauptstadt Kuala Lumpur. Eine Frau indischer Abstammung stammelt: „Die Schwester meines Mannes, ihr Ehemann und der zehnjährige Sohn waren an Bord. Es ist schwer, aber wir müssen durchhalten.“ Malaysias populärer Schlagersänger „Hattan“ Shukri Shahabudin ist weniger gefasst. „Ich weiß nicht, was ich denken oder sagen soll“, erklärte er. Seine Kusine, Chefstewardess auf Flug MH 17, Dora Shahila Kassim, gehört zu den 298 Todesopfern.

„Es war schlimm, als wir in der Nacht im Krisenzentrum ankamen“, sagte ein Angestellter der Malaysian Airlines, „es waren die gleichen Gesichter wie vor vier Monaten, die gleichen Mienen und der gleiche Gedanke: Jetzt, wo das Leben langsam wieder normal wird, passiert dies.“ Ende März verschwand MH 370 auf dem Flug von Kuala Lumpur nach Beijing spurlos von den Bildschirmen. 239 Menschen werden seither vermisst. Denn die Reste der Boeing 777 wurden immer noch nicht gefunden.

Diesmal war erneut eine Boeing 777 betroffen und 298 Menschen starben. Viele der malaysischen Passagiere wollten in der Heimat mit Verwandten den Eid-Feiertag, das Ende des Fastenmonats Ramadan, begehen. Nun müssen die Angehörigen Begräbnisse vorbereiten.

Auch wenn die Fluglinie an beiden Katastrophen keine Verantwortung trägt, zweifeln Experten an der Zukunft der staatlichen Malaysian Airlines. „In der Geschichte der zivilen Luftfahrt musste noch keine Fluggesellschaft innerhalb so kurzer Zeit zwei solche Schläge hinnehmen“, sagt ein Fachmann aus den USA, „ich weiß nicht, wie die das überstehen sollen.“ Der Börsenkurs brach am Freitag ein, die Gesellschaft schreibt ohnehin seit Jahren rote Zahlen.

Prompt musste sich Malaysias erst kürzlich ernannter Verkehrsminister Liow Tiong Lai gegen den Verdacht wehren, MH 17 habe aus Kostengründen die riskante Route über das Kriegsgebiet in der Ukraine gewählt. „Die internationalen Luftfahrtbehörden hatten die Flugroute für sicher erklärt“, sagte er, „fast alle asiatischen Fluggesellschaften nutzten sie ebenfalls.“

Tatsächlich folgte MH 17 in rund 25 Kilometer Abstand eine Maschine von Air India. Dahinter war in dem Flugkorridor mit einigem Abstand ein Flugzeug von Singapur Airlines unterwegs. Wie viele andere Airlines verkündete Thai Airways in Bangkok am Freitag eilig, man werde zukünftig auf die Route über die Ukraine verzichten.

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