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Versteinertes Gedenken: Das Grab von Herero-Führer Samuel Maharero in Okahandja, Namibia.

Namibia

Gebeine des deutschen Völkermords

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Deutschland händigt Knochen aus der Kolonialzeit an Herero und Nama aus. Überbleibsel des Völkermords in Namibia Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Grünen fordern zudem eine Entschuldigung der Regierung.

Es sind 19 Schädel, einige Skelette, eine Kopfhaut, ein Schulterblatt und ein Unterkiefer, die am Mittwoch an die Hinterbliebenen der Toten bei einem Gottesdienst im Französischen Dom übergeben werden sollen. Niemand weiß, wie viele solcher menschlicher Knochen und Hautpräparate noch in den Kellern von wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland liegen. Und wer die Toten genau sind. 

Klar ist nur, es sind die Schädel und Gebeine von Menschen der Völkergruppen der Herero und Nama, die Anfang des 20. Jahrhunderts im heutigen Namibia von deutschen Kolonialtruppen ermordet wurden und deren Knochen zu sogenannten Forschungszwecken nach Berlin gebracht wurden. Vielleicht ist die Rückgabe der Schädel ein Anfang – für eine anstehende Entschuldigung Deutschlands am Genozid von 60 000 bis 80 000 Herero und 10 000 Nama. „Dem ersten Völkermord des vergangenen Jahrhunderts“, sagt Berlins Justizsenator Dirk Behrendt.

Der Grünen-Politiker hält eine Entschuldigung für längst überfällig. Die Bundesrepublik müsse sich endlich zu ihrer kolonialen Vergangenheit bekennen“, sagt Behrendt am Montag, als er anlässlich der Rückgabe der Gebeine Angehörige der Opferverbände der Herero und Nama in Berlin empfängt. Die Taten seien unbestritten, die Folgen wirkten bis heute. 

„Ich kann und will heute im Namen Berlins um Entschuldigung bitten“, sagt Behrendt. Damit ist die Hauptstadt nach Hamburg das zweite Bundesland, das um Vergebung für den Völkermord vor mehr als 100 Jahren bittet. „Es stünde einer demokratischen und rechtsstaatlichen Bundesrepublik gut an, diese Verbrechen endlich als solches anzuerkennen und Verantwortung zu übernehmen“, sagt Behrendt. 

Im Oktober 1904 erließ der damalige deutsche Gouverneur der Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika, Lothar von Trotha, den Befehl zur Vernichtung der Völker der Herero und Nama im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, den bis 1907 Zehntausende Frauen, Kinder und Männer zum Opfer fielen. Es heißt, dass Angehörige der Toten selbst die Schädel häuten mussten, die zu Forschungszwecken nach Deutschland verschifft wurden. 

Schockierend nennt Esther Utjiua Muinjangue, die Vorsitzende der Obvaherero Genocide Foundation, die Haltung der Bundeskanzler und der Parlamente seit 1990. Eine offizielle Entschuldigung der Bundesregierung und auch Entschädigungszahlungen habe es nie gegeben. Dabei könnten mit einer Entschuldigung an die Herero und Nama die emotionalen Wunden endlich heilen. 

Esther Utjiua Muinjangue erklärt auch, dass die Nachfahren ihrer ermordeten Angehörigen eine Entschuldigung an die namibische Regierung nicht akzeptieren würde. Diese Geste sei nur akzeptabel, wenn sie sich direkt an die Oberhäupter der Herero und Nama richten würde. Die Gebeine werden am Mittwoch an eine Regierungsdelegation unter Leitung der namibischen Kulturministerin übergeben.

Entschädigungszahlungen fordert auch Ida Hoffmann, die Vorsitzende des Nama Genocide Technical Committee. Schließlich hätten die deutschen Kolonialherren den Nama das Land geraubt. Und das heutige schöne Deutschland sei auf den Ressourcen ihres Landes gebaut.

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