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AfD-Politiker Alexander Gauland

"Gauland nimmt Rechtsradikale bewusst mit"

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Olaf Sundermeyer hat Alexander Gaulands politische Laufbahn begleitet und eine Biografie des AfD-Politikers verfasst. Im Interview mit der FR spricht er über Provokationen Gaulands und dessen Selbstradikalisierung.

Vier Jahre hat Olaf Sundermeyer den politischen Aufstieg von Alexander Gauland als Journalist kritisch begleitet. Vom Aufbau des Landesverbandes der AfD in Brandenburg über den Einzug in den Deutschen Bundestag bis heute. Sundermeyer führte zahlreiche Gespräche mit Gauland und trifft sich regelmäßig mit ihm. Für die politische Biografie „Gauland – Die Rache des alten Mannes“ besuchte der Autor auch Frankfurt am Main, um dort die Anfangsjahre des CDU-Politikers Gauland als Büroleiter des damaligen Frankfurter OB Walter Wallmann (CDU) zu recherchieren. Wir haben ausführlich über diese Zeit gesprochen. So lernten wir uns kennen.

Herr Sundermeyer, was hat Sie an der Person von Alexander Gauland so besonders interessiert, dass Sie seine politische Biografie geschrieben haben?
Ich habe Gauland früh kennengelernt als Reporter beim RBB in der Region Berlin-Brandenburg. Dort ist er mir 2014 im Wahlkampf für die Landtagswahl in Brandenburg zum ersten Mal begegnet. Nach der Wahl führte er die Landtagsfraktion der AfD und brachte sie in den Bundestag. Ich habe ihn wahrgenommen nicht nur als wichtigste Figur für die AfD, sondern für die nationalpopulistische Bewegung insgesamt. Er ist der Politiker, der die Veränderungen, die wir gerade in Deutschland erleben, maßgeblich prägt. Mich hat interessiert: Wie konnte es soweit kommen, dass er nun in der Lage ist, Deutschland politisch umzukrempeln?

Sie haben im Laufe der Zeit ein persönliches Vertrauensverhältnis zu Gauland aufgebaut. Sie treffen sich regelmäßig.
Tatsächlich habe ich vergangene Woche nach Erscheinen des Buches wieder zwei Stunden mit ihm zusammengesessen. Wir haben eine Art Nachlese gemacht zu diesem Buch. Alexander Gauland versteht es, eine Beziehung aufzubauen zu Journalisten. Ihn hat schon immer eine Art von intellektuellem Kräftemessen mit Journalisten interessiert. Er macht sich im persönlichen Umgang mit Journalisten frei von der tiefen Medienfeindlichkeit, die es bei Spitzenpolitikern der AfD gibt. Nur so war es mir möglich, lange Gespräche mit Gauland zu führen und dieses Buch zu schreiben. Er ist frei von Empörung gegenüber Journalisten, die sehr kritisch mit der AfD umgehen.

Sie schreiben, dass Gauland sehr geschickt mit der Empörungsfalle arbeitet. Er sagt gezielt öffentlich Sätze, die für Empörung sorgen sollen. Man dürfe nicht den Fehler begehen, in die Empörungsfalle zu tappen, schreiben Sie.
Die kalkulierte Empörung ist ein ganz wesentliches Instrument für Gauland. Das verfängt immer wieder. Vor kurzem hat sich Martin Schulz ihm öffentlich im Bundestag entgegengestellt. Er wünschte Gauland unter großem Applaus auf den Misthaufen der Geschichte. Das sind genau die Angriffe, die Gauland will und provoziert. Er sagte mir anschließend, ihm wäre am liebsten, wenn die SPD jede Woche solche Reden halten würde. Das nutze der AfD. Gauland beherrscht den Umgang mit der Empörung meisterlich. Er hat seine Lehren gezogen aus der Kampagne, die Roland Koch 1999 für die CDU in Hessen zur doppelten Staatsbürgerschaft vom Zaun gebrochen hatte. Diese Kampagne führte am Ende zum Sieg der CDU bei der Landtagswahl. Die CDU lernte: Man kann Menschen hinter sich scharen, indem man öffentlich Empörung auslöst. Man kann Erfolg haben mit einem kalkulierten Skandal.

Das heißt also: Sich zu empören reicht nicht im Umgang mit der AfD?
Ganz genau. Empörung ist erst mal eine natürliche Reaktion angesichts der Ungeheuerlichkeiten, die Gauland von sich gibt – wenn er etwa die zwölf Jahre des Nationalsozialismus einen „Vogelschiss der Geschichte“ nennt. Aber Empörung zum Selbstzweck nutzt überhaupt nichts in der Auseinandersetzung mit der AfD. Die Auseinandersetzung mit der AfD muss eine sachliche sein. Sie muss auf konkrete Probleme bezogen werden. Die Partei selbst und Alexander Gauland haben überhaupt keine Antwort auf viele Probleme, die Menschen in Deutschland umtreiben. Das zeigte das ZDF-Sommerinterview vor einigen Wochen. Da hat der ZDF-Kollege Thomas Walde Gauland zum Beispiel nach den Problemen durch die Digitalisierung gefragt. Da hatte Gauland keine Antworten. Die Auseinandersetzung mit der AfD muss über Themen laufen.

Man muss sie inhaltlich stellen.
Ja. Man muss sich inhaltlich mit der Partei auseinandersetzen. Sonst tappt man in die Empörungsfalle.

Was Sie auch beschreiben ist, dass die AfD Formen linker Protestkultur aufgreift, die schon 1968 und später von den Grünen praktiziert wurden. Wie konnte es dazu kommen?
Das ist eine ganz entscheidende Lehre, die Alexander Gauland aus Frankfurt am Main mitgenommen hat, wo er ja in den 80er Jahren Büroleiter des CDU-Oberbürgermeisters Walter Wallmann war. Damals zogen 1981 die Grünen ins Stadtparlament mit außerparlamentarischen Protestformen ein, die interventionistisch waren. Das übernehmen jetzt Teile der neurechten Bewegung, deren parlamentarischer Arm die AfD ist. Ich denke da an die Identitären. Das ist eine politische Vorfeldorganisation der AfD. Die übernehmen Formen der linken Protestbewegung.

Ebnet Gauland ganz bewusst Rechtsextremen den Weg?
Ja. Das tut er ganz bewusst. Er nimmt die Rechtsradikalen ganz bewusst mit, gerade im Osten Deutschlands, und ebnet ihnen den Weg in die Mitte der Gesellschaft. Dadurch hat die AfD erst den Auftrieb bekommen, der sie zu einer erfolgreichen Partei hat werden lassen. Ohne Gauland würde das nicht funktionieren: Die Rechtsradikalen würden sonst dort bleiben, wo sie waren, am Rande der Gesellschaft.

Viele, die Gauland über Jahrzehnte kennen, rätseln, warum er diese Entwicklung genommen hat. Nach mehr als 40 Jahren als Konservativer in der CDU. Was hat ihn bewogen, diese politische Sozialisation aufzugeben und die AfD aufzubauen?
Ich sehe da eine bewusste Selbstradikalisierung. Er durchläuft sie ganz bewusst. Die Entwicklung der AfD resultiert aus der persönlichen Enttäuschung und Kränkung von alten Männern, die ihren politischen Bedeutungsverlust durch die Gründung einer neuen Partei sublimieren. Dass sich Gauland immer mehr radikalen Positionen verschrieb, kann man nur durch die Entwicklung im deutschen Osten verstehen. Gauland hat erkannt, dass die Menschen im Osten große Zweifel am demokratischen System in sich tragen. Dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus dort in der gesellschaftlichen Mitte stark verankert sind. Indem Gauland das bediente, führte er die AfD zum Erfolg. Gauland fühlte sich persönlich gekränkt, nachdem die CDU in Hessen ihn fallen ließ wie eine heiße Kartoffel.

Liegt die Kränkung dieser alten Männer auch darin, dass ihre CDU von einer Frau geführt wurde, noch dazu von einer ostdeutschen Pfarrerstochter?
Das verstärkt diese Kränkung sicherlich. Gauland arbeitete sich damals in den 90er Jahren in einem Buch an Helmut Kohl und dessen politischem System ab, nachdem er von der CDU nach Potsdam entsorgt worden war. Kohl hatte eine geistig-moralische Wende versprochen. Die konnte Gauland nicht erkennen. Dann kam Angela Merkel als „Kohls Mädchen“ an die Spitze der CDU. Und das passte überhaupt nicht ins Weltbild der alten Männer. Die AfD ist deshalb bis heute eine absolute Männerpartei. Sie besitzt nur 15 Prozent weibliche Mitglieder.

Zugleich hat die CDU bestimmte inhaltliche Positionen geräumt. Die Preisgabe der Wehrpflicht beispielsweise oder die Ehe für alle.
Genau. Die Preisgabe der Wehrpflicht nennt Gauland stets als Beispiel dafür, dass die CDU sich sozialdemokratisiert habe. Aus seiner Sicht hat die CDU dort ein programmatisches Vakuum hinterlassen. Und da ist etwas dran. Viele ältere Männer finden in der CDU nicht mehr ihre politische Heimat.

Derzeit scheint der Aufstieg der AfD unaufhaltsam zu sein. Vor den Landtagswahlen in Bayern und Hessen liegt die AfD in den Meinungsumfragen bei 14 oder 15 Prozent. Kann die AfD tatsächlich mehrheitsfähig werden in der Bundesrepublik Deutschland?
Ich glaube, dass sie in der Bundesrepublik Deutschland heute auf keinen Fall mehrheitsfähig ist. Ich kann mir aber vorstellen, dass sie in ostdeutschen Bundesländern die Mehrheit bekommt. 2019 stehen Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen an. In Sachsen sind die Positionen der AfD heute schon mehrheitsfähig. Dort teilt sie viele Positionen mit der CDU. In der letzten Woche gab es eine OB-Wahl in Meißen, da hatten sich CDU und AfD auf einen gemeinsamen Kandidaten geeinigt, der dann gewann. In Brandenburg liegt die AfD gleichauf mit der SPD bei 23 Prozent. Ich habe aber starke Zweifel, dass etwas Ähnliches im Westen Deutschlands geschehen wird. Die demokratischen Parteien müssen der AfD etwas entgegensetzen. Wenn sie das nicht tun, dann kann die AfD anschlussfähig werden an die CDU. Das ist das Modell, das Gauland plant. Er will Koalitionen von CDU und AfD.

Die Regierungspraxis der Bundesregierung arbeitet der AfD in die Hände, oder?
Das Bild, das die Bundesregierung gegenwärtig abgibt, ist Wasser auf die Mühlen der AfD. Sie gewinnt weiter an Zustimmung. Das hat nur mit der Schwäche insbesondere der Koalitionsparteien in der Bundesregierung zu tun.

Nun ist Alexander Gauland schon 77 Jahre alt. Wie stark ist die AfD auf ihn persönlich zugeschnitten, gibt es potenzielle Nachfolger?
Die Nachfolge wird längst im Hintergrund verhandelt. Andreas Kalbitz beispielsweise, AfD-Landesvorsitzender und Fraktionsvorsitzender in Brandenburg, den Gauland dort zu seinem Nachfolger gemacht hat, sammelt seine Unterstützer. Gauland selbst bringt Björn Höcke ins Gespräch, den rechtsextremen Sprecher der AfD in Thüringen. Leute aus eher liberal geprägten Landesverbänden wie beispielsweise Berlin oder Hamburg haben laut Gauland keine Chance. Denen erteilt er eine deutliche Absage. Gauland selbst sieht seine Zukunft nicht an der Spitze der AfD. Aus meiner Sicht hat er seinen Zenit längst erreicht. Ich glaube nicht, dass von ihm noch neue Impulse kommen werden. Er hat eine große Leistung vollbracht: Er hat die Partei stabilisiert und in den Bundestag geführt.

Wird das die Chance für Höcke sein?
Eventuell. Gauland traut Höcke eine wichtigere Rolle zu. Der Wahlparteitag der AfD, auf dem das entschieden wird, ist 2019. Gauland glaubt an das Modell der Doppelspitze als Lehre aus der Geschichte der Grünen. Auch Alice Weidel, die Fraktionsvorsitzende im Bundestag, wird von ihm als mögliche Co-Vorsitzende der Partei genannt. Aber noch ist Gauland unumstritten. Niemand sägt an seinem Stuhl.

Was muss geschehen, um der AfD erfolgreich entgegenzutreten?
Das kann nur aus den demokratischen Parteien erwachsen. Sie dürfen nicht länger auf die AfD schauen. Sie müssen endlich die Probleme lösen, wegen denen die Menschen die AfD wählen. Man muss viel stärker auf die Menschen zugehen, die sich abgehängt fühlen.

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